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Barock am Main Die Apokalypse des Herbert

Das Theaterfestival „Barock am Main“ beginnt mit der hessischen Variante von Ben Jonsons „Der Alchemist“ in der neuen Spielstätte in der Höchster Porzellanmanufaktur. Michael Quast in der Hauptrolle.

Alchemist
Galgenstrick-Trio: Michael Quast, Katerina Zemankova, Matthias Scheuring. Foto: Maik Reuß

Ein neuer Ort – und diesmal kein Molière. Der Renovierung des Bolongaropalasts wegen muss Michael Quasts Frankfurter Sommerfestival Barock am Main auf ein paar Jahre zur Höchster Porzellanmanufaktur ausweichen, gleich noch dazu wird in der 14. Saison erstmals ein anderer Autor gespielt. Ben Jonson war einer der wenigen ernstzunehmenden Konkurrenten Shakespeares im elisabethanischen England, allerdings nur mit seinen satirischen Komödien, in der Tragödie ist er gescheitert.

Der schmucke und hochaufragende Industriekulturbau der Porzellanmanufaktur ist umgeben von den simplen Flachmännern eines Gewerbegebiets. Alles ist dicht gedrängt, auf der Zuschauertribüne gibt es ein paar Plätze weniger als bisher.

Die vom Hausautoren Rainer Dachselt in ein flüssiges Hessisch mit einigen Lokalspritzern übertragene Komödie „Der Alchemist“ nach dem 1610 in Shakespeares Globe Theatre in London uraufgeführten Stück Jonsons handelt von einem Gaunertrio. In Abwesenheit des vor der Pest geflüchteten Hausherren verspricht es einer Reihe von Spießern aus dem Bürgertum das Blaue vom Himmel. Zum Beispiel die Herstellung von Gold – über derartigen Versuchen sind, da finden Stück und Spielort zueinander, bekanntlich die Alchemisten einst auf die Formel zur Herstellung des „weißen Goldes“, des Porzellans gestoßen.

Zu Quast (als der Alchemist) gesellen sich Matthias Scheuring (als dessen Zuträger Hannes, der auch zwei falsche Existenzen vortäuscht) sowie Philipp Hunscha (mit kurioser Eierglatze als wohlhabend-vornehmtuerischer Tölpel Lukull von Mammolshain) – und nicht nur Quast selbst, schon legendär, ist diesmal fortwährend in höchster Textnot, die selbstverständlich zünftig zum Gag gemünzt wird. Standhaft in der Brandung einzig Katerina Zemankova als geschmeidig-flinke Dirne Lenchen Allerwelt, die dritte im zentralen Bunde. So amüsant die Hänger waren, sie hinderten in der Premiere den Fluss, so dass Quast irgendwann schließlich zum Befreiungsschlag mit einem verfrühten Pausenruf griff.

In der zweiten Hälfte lief alles plötzlich prächtig. Mehr Tempo nach klassischer Steigerungsdramaturgie ist hier offenkundig vorgesehen. Vitale feindrastische Komik und karikierende Übertreibung, schurkenrhetorisch gestochene Suada und derbe Schimpfwortkanonade: Die Regie von Sarah Groß ist voll und ganz auf die Schauspieler mit ihren pointiert gestalteten Masken (Katja Reich) und Kostümen (Anna Sophia Blersch) eingestellt. Die Apokalypse des Herbert wird pseudobiblisch beschworen – und wer seinen Wohnort von Bonames über Bürgel bis Dietzenbach gerne auf der Bühne hört, wird nicht zu kurz kommen.

Gleich ob Molière oder Ben Jonson, der eine Generation früher gelebt hat: es ist eine jedes Mal von Neuem ausgesprochen vergnügliche, in sich geschlossene Theaterwelt, in die einen Michael Quast mit seinem durchweg markant besetzten Ensemble entführt, ohne Vergleich mit dem regieindividuellen interpretatorischen Ansatz des Stadttheaters.

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