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Ballett Aber sie will doch leben

„Der Tod und das Mädchen“ in Mannheim, das neue starke Tanzstück von Stephan Thoss.

Szene aus "Der Tod und das Mädchen"
Der Tod, Jamal Callender, und das Mädchen, Chiara Dal Borgo. Hinten die Eltern. Foto: Hans Jörg Michel

Schon einmal, 2003 in Hannover, hat Stephan Thoss „Der Tod und das Mädchen“ bearbeitet, damals scheint er den Stoff nicht richtig zu fassen bekommen zu haben. Jetzt am Nationaltheater Mannheim, wo er in der zweiten Saison Tanzintendant ist, zeichnet im Opernhaus eine durch und durch überzeugende Choreografie und Dramaturgie den kurzen Lebens- und langen Sterbensweg eines Mädchens, das die Freiheit, die Liebe und den Überschwang sucht und schwer verunglückt. Dann ist ihm der Tod ein zärtlicher Begleiter bei Erinnerung und Abschied. Neben Mahlers Schubert-Bearbeitung von „Der Tod und das Mädchen“ hat Thoss zum Beispiel auch Schuberts Trio für Klavier, Violine und Violoncello Nr. 2 dazugenommen sowie Kompositionen von Ezio Bosso, Philip Glass und Thomas Larcher. Eine Musikauswahl, die sich, abgestimmt in ihren Färbungen, aufs Beste zusammenfügt.

Die Stunde vor der Pause gehört ebenso dem Mädchen wie seinen Eltern. Thoss zeichnet die beiden bewegungssprachlich differenziert, Emma Kate Tilson und Joris Bergmans tanzen sie hinreißend als sich immer noch auch ausgelassen Liebende. Sie flirten und scherzen. Wie in jedem Haus, in jeder Familie, kann die Stimmung schnell umschlagen, gibt es Streit, mal mit dem Partner, mal mit der Tochter oder wegen der Tochter. Doch ist das Mädchen innig geliebt und behütet. Doch schenken die Eltern ihm zu Weihnachten ein Kinderfahrrad – aber es ist kein Kind mehr! (Und also wütend.) Es hat bereits ein Auge auf diesen supercoolen Typen, Vitek Korinek, in seiner coolen Clique geworfen.

Und dann machen die Eltern den Fehler, allein zu zweit wegzufahren. Die Tante kommt. Julia Headley stellt sie als liebe- und verständnisvoll dar, aber das Mädchen fühlt sich von Mutter und Vater zurückgesetzt, ist beleidigt. Schon taucht der coole Junge auf, schon zieht der Teenager mit durch die Nacht, wird wilder und ausgelassener. Sie schwebt, sie läuft gleichsam über die Köpfe der anderen. Dann stürzt sie tief. Und schon schreitet der Tod ernst und gemessen aus dem Dunkel des Bühnenhintergrunds. Sie hat es noch gar nicht begriffen, da ist er bereits an ihrer Seite. Nach der Pause werden die stark präsenten und seelenvoll expressiven Jamal Callender, der Tod, und Chiara Dal Borgo, das Mädchen, herzzerreißende Pas de deux haben. Der Tod ist unerbittlich, aber das behutsam.

Auch der Bühnen- und Kostümbildner Thoss (er behält wie meist alles in einer, in seiner Hand) scheut nicht die Sinn-Bilder. Ein lichtes Haus aus Holzstäben beherrscht vor der Pause die Bühnenmitte. Nach der Pause sind nur noch Bruchstücke übrig. Ein mohnrotes Kleid trägt das Mädchen vor der Pause. Nach der Pause wird ihm Hängerchen um Hängerchen ausgezogen, von rot zu orange zu gelb zum beigen Totenhemd. Drei andere Tänzerinnen (Ayumi Sagawa, Helga Kristín Ingólfsdottir, Silvia Cassata) symbolisieren den Frühling, Sommer und Herbst seines kurzen Lebens. Die Eltern sind trauernde Schatten im Hintergrund, wie erstarrt in den Resten ihres Hauses.

Besonders groß ist diesmal die Vielfalt der Bewegungsfindung. Vom fröhlichen Sich-Necken von Mutter und Vater – diese Liebesgeschichte ist noch nicht erkaltet –, über die jugendliche Kraftprotzerei des Jungen und seiner Clique, zum bergenden Umfangen der Schwarzen Engel, die den Tod begleiten. Er tröstet und stützt. Aber ach, wie gern würde das Mädchen ihm noch einmal auskommen. Aber ach, wie wohl ist ihr doch auch in seinen Armen.

Das passgenaue Musikpuzzle kommt im Opernhaus diesmal vom Band, das Ensemble tanzt in jedem Moment auf den Punkt. So wie Stephan Thoss seine feinen Tänzerinnen und Tänzer nun bewegt, muss ihn der Stoff über die Jahre bewegt haben. Er fächert ihn auf, indem er die Eltern, zumindest im ersten Teil, so wichtig nimmt wie den Teenager, dem alterstypisch ein wenig nach Rebellion und ersten Liebeserfahrungen ist. „Der Tod und das Mädchen“ ist ein die Realität des Erwachsenwerdens ernst nehmender Tanzabend, aber auch einer, der eine tiefe, urtümliche Symbolik nicht scheut.

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