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Ausstellung „Tänzer.Sein“ Mach mir den Faun, Freddy

Das Tanzmuseum in Köln misst der Welt des Pop viel Bedeutung bei.

Das Deutsche Tanzarchiv in Köln, dem ein Museum für Wechselausstellungen angeschlossen ist, greift auf dessen beschränktem Raum derzeit ungewöhnlich weit aus: „Tänzer.Sein“ ist die Ausstellung wagemutig überschrieben, ihr Untertitel lautet „Körperlichkeit im Tanz“. Da wird wohl jeder Besucher mit anderen Erwartungen hingehen – und sie in irgendeiner Ecke, vor irgendeinem Exponat sogar ein Stück weit erfüllt sehen, denn die Kuratoren Thomas Thorausch und Klaus-Jürgen Sembach sind wirklich kreuz und quer durchs Thema geschossen.

Das reicht von Florian Daul von Fürstenbergs 1567 erschienenem Buch „Tantzteuffel“, das gerichtet war „wider den leichtfertigen/ unverschempten Welttantz“, bis zu Anleitungen für Säuglingsgymnastik aus den dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts; von Erklärungen zum Veitstanz, der mit dem Mittelalter kam und ging, bis zum „Telephone“-Video von Lady Gaga; von Freddy Mercury im Fummel bis zu Pina Bausch, wie sie 1970 in Frankfurt Ballettunterricht gibt. Der abwesende Körper soll beschworen werden mit Hilfe eines zarten Tanzkleids Isadora Duncans, an dem man die Gebrauchsspuren sieht. Und sogar an den toten Körper soll man noch denken, an der Wand wird Heiner Müller zitiert: „170 Pfund totes Fleisch, 4 Eimer Wasser, 1 Beutel Salz“.

Was die Ausstellung durch die Auswahl der Exponate gut nachvollziehbar macht, sind die Wellenbewegungen in der Wertschätzung von Tanz. Ein negatives Urteil ist, das kann nicht überraschen, stets verbunden mit genereller Körperfeindlichkeit.

Seltsame Schieflage

Während etwa die Griechen den Tanz schätzten, ihn auch für gesundheitsfördernd hielten, während es an mittelalterlichen Höfen den Edelmann zierte, ein guter Tänzer zu sein, wurde dem Volk der Tanz auf Betreiben der Kirche im Grunde über Jahrhunderte als unkeusch und verderbt verboten. Auch um nicht in die Ecke der sexuellen Leichtfertigkeit gestellt zu werden, hat das klassische romantische Ballett den Frauenkörper idealisiert, ihm alles Lebensvolle genommen: nymphenhaft, ätherisch, knabenhaft schmal hatte die Ballerina zu sein. Dann kam der deutsche Ausdruckstanz, der gern ins Grüne ging, kam die „Kraft durch Freude“-Bewegung, die den trainierten, gesunden, an der frischen Luft gestählten Körper feierte.

Diese Linie brach ab. Nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelte sich, wie in Köln zu sehen ist, eine kaum noch überschaubare Vielfalt der Tanzformen und -stile – und gleichzeitig der Körperbilder. Fotografien, auf denen Tänzer William Forsythes nach Aufführung von „Human Writes“ aufgrund der in der Performance verwendeten Kohle-Stifte aussehen wie Bergarbeiter, stehen neben Musikvideos, in denen die Körper so gestylt sind, dass sie künstlich wirken.

Die Musikvideos versetzen die Ausstellung allerdings in eine seltsame Schieflage. Lady Gaga und Beyoncé, wie sie in einem Auto hampeln, Queens „I want to break free“, auch Corine Stübis preisgekröntes „Rocker“ zum gleichnamigen Titel von Alter Ego: diese Videos haben zwar viel mit der Gestaltung, (Ver-)Formung, Stilisierung des modernen Körpers zu tun, ein wenig auch mit Traditionslinien (Mercury als Faun), herzlich wenig aber mit den Niederungen des Tänzerdaseins. Kein Nachdenken gibt es hier zum Beispiel darüber, warum so viele zeitgenössische Choreografen versuchen, den authentischen, schwitzenden, schwer atmenden, sich mühenden Körper zum Thema zu machen. Oder darüber, was die Anwesenheit des realen, verletzlichen Körpers in einer Aufführungssituation bedeutet in einer Welt, die zunehmend auch ihre Bilder vom Tanz aus dem Internet bezieht.

Selbstverständlich darf, ja, soll auch ein Tanzmuseum über den Tellerrand blicken. Aber wenn es auf so begrenztem Raum einen erheblichen Schwerpunkt auf die Plastik-Welt des Pop legt, verfehlt es sein Thema.

Tanzmuseum, Köln: bis 21. August 2011. Mehr Informationen finden Sie hier.

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