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Ausschwitz-Prozesse „Darauf mein Ehrenwort“

Eine scharfe kurze Stunde über die Auschwitz-Prozesse in der Box des Schauspiels Frankfurt.

Unfassbar wirkt es heute, dass knapp zwanzig Jahre nach dem Ende des Holocaust der Satz „Muss das denn sein“, der Satz „Es muss auch mal Schluss sein“ die Auschwitz-Prozesse in Frankfurt begleitete. Auch der Satz „Ich persönlich habe mich immer anständig verhalten“, auch die Wendung „Darauf mein Ehrenwort“. Auch die Fetzen „Jawohl, „Nein“, Nein“, „Das habe ich nicht selbst gesehen“, „Das habe ich nur einmal selbst gesehen“, „Da bin ich nicht dabei gewesen“, „Da bin ich höchstens einmal dabei gewesen“, „höchstens zwei- oder dreimal“. Die Fetzen „etwa 150“, „zehn bis fünfzehn Minuten“, „sie waren zweieiig, Doktor Mengele wollte nur eineiige“. 

Dazwischen drängelt sich der Satz „Backen macht Freude“, der Satz „Männer, die gern Süßes essen, haben einen guten Charakter“, aber auch die Stimme einer Frankfurterin, die erzählt, wie sie als Kind mangels Bücher im Haushalt anfing, Zeitungsartikel zu lesen. Wie sie vom Prozess las und offenbar durchaus verstand, dass das so lange nicht her war, und ihre Eltern fragte, wieso sie ihr davon nie erzählt hatten.

„Gegen alle Widerstände“ ist eine Textcollage, die an die Frankfurter Prozesse erinnert, mit der Regisseurin Marie Schwesinger und ihr Team aber auch die Fühler in die Stadt ausstreckt haben. Angelehnt ist das an Peter Weiss’ dokumentierendes Theaterstück „Die Ermittlung“ (1965), ergänzt unter anderem durch eingeblendete Gespräche mit Menschen, die damals in Frankfurt lebten: Ein Staatsanwalt; ein sehr junger, Zeugenbetreuer, der praktisch unvorbereitet auf die traumatisierten Menschen trifft – das ist die am deutlichsten auserzählte Handlung; und das Kind, das die Zeitung liest. In der Box des Frankfurter Schauspiels ergibt sich in der Reihe „X-Räume“ daraus eine hochkonzentrierte Stunde, von Torsten Flassig, Sarah Grunert und Anna Kubin sowie weiteren Stimmen aus dem Off auch hochkonzentriert vorgetragen. Zwischendurch kippen sie Götterspeisengrünes aus Gläschen (man will auch wieder Spaß haben, und Dr. Oetker hat die Rezepte dafür), vor allem sind sie selbst Zuhörer und sich vorantastende Sprecher. 

Auf der Bühne von Loriana Casagrande hängen außer Mikrofonen lediglich vielleicht peitschenbreite Riemen von der Decke, irritierend auch für die, die hier entlanggehen. Die heiter weggeworfenen leeren Gläschen zerspringen knirschend, wenn einer darauf tritt. Ein ungemütlicher Abend, auch wenn zwischendurch „Kein schöner Land“ intoniert wird, ebenfalls so kühl und mit Abstand, dass das Publikum alle Schlüsse selbst ziehen darf.

Schauspiel Frankfurt, Box: 13. November.
www.schauspielfrankfurt.de

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