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Asmik Grigorian „Wir haben gelernt zu arbeiten, zu arbeiten und zu arbeiten“

Asmik Grigorian, Star der diesjährigen Salzburger Festspiele und demnächst als Iolanta in Frankfurt zu hören, über Paradoxe der Oper, Neuanfänge und Fehler, die fast jeder macht.

Sopranistin Asmik Grigorian
„Ich bin Miss Emotion“, sagt Asmik Grigorian. Foto: Rolf Oeser

Frau Grigorian, Sie kommen aus einer hochmusikalischen Familie, Ihre beiden Eltern haben an der Oper gesungen. Hatten Sie überhaupt eine Wahl?
Selbstverständlich haben wir immer eine Wahl. Auf der anderen Seite, stimmt, hatte ich keine, glaube ich. Natürlich bin ich davor weggelaufen ...

Sind Sie?
Wie jeder Teenager. Den Beruf der Eltern zu ergreifen, und meine Eltern waren wirklich große und erfolgreiche Sänger, bringt Druck und auch viel Verantwortung mit sich.

Aber Sie wussten immerhin, auf was für eine Art Leben Sie sich einlassen.
O ja, das wusste ich. Wobei meine Mutter nicht reiste. Beide konnten aus Gründen, die ich nie ganz durchschaut habe, die Sowjetunion zehn Jahre lang nicht verlassen. Als sie dann zusammenbrach, war mein Vater sehr schnell und startete seine große internationale Karriere. Auch meine Mutter war unterwegs, aber eben nicht so häufig. 

In Relation zur Größe des Baltikums kommen viele Musiker von dort. Ist die Ausbildung so gut?
Mir fehlen die Vergleiche. Sicher haben wir in Litauen genug gute Gesangslehrer. Was wir außerdem haben, ist eine gewisse Stärke. Und: Wir haben gelernt zu arbeiten. Wir haben gelernt, uns durchzukämpfen und zu arbeiten, zu arbeiten und zu arbeiten. 

Was macht einen sehr guten Sänger, eine sehr gute Sängerin heute aus?
Die Zeiten ändern sich ständig, ständig sind wir auf der Suche nach etwas Neuem. Das ist normal und in Ordnung. Zugleich sollten wir nie die alten Dinge vergessen. Was ich heute vermisse, ist die alte Schule des Singens. Ich verstehe schon, woran das liegt. Es gab den Wunsch, junge Menschen auf der Bühne zu sehen. Wenn Sie aber zwanzig sind, haben Sie keine Ahnung, wie Sie die großen Rollen singen sollen, es ist einfach unmöglich, die Stimme ist darauf noch nicht vorbereitet. Andererseits musste sich die Oper verändern. Wäre sie geblieben wie vor hundert Jahren, würde sich das keiner mehr anschauen wollen. Perfekt ist aus meiner Sicht eine Balance zwischen wirklichem gutem Gesang und wirklich guter Darstellung.

Und Sie vermissen heute die gute sängerische Ausbildung?
Vor hundert Jahren hätte ich die schauspielerische Ausbildung vermisst, heute ist es die sängerische, ja. Wir haben viele gute Schauspielerinnen und Schauspieler auf der Opernbühne.

Was ist gutes Singen für Sie?
Gutes Singen für die Oper ist nicht eine schöne Stimme, ist nicht Talent, ist nicht eine Frage der Musikalität. Es ist eine Reihe von Regeln, wie der Klang erzeugt werden sollte. Man bräuchte zehn Interviews, um das zu erklären.

Das wäre toll, aber jedenfalls reden wir hier über Technik, oder?
Über Technik, genau. Bei den großen Stars geht es allerdings immer um eine Mischung aus mehreren Faktoren. Sie müssen schön sein, und damit meine ich nicht äußerliche Schönheit, sondern die Bühnenpräsenz: Man muss der Sängerin oder dem Sänger gerne zuschauen. Sie müssen zudem talentiert sein, klug, gute Musiker. Und sie brauchen eben eine gute Technik.

Starten Sängerinnen und Sänger ihre Karriere heute zu früh?
Definitiv. Als das Regietheater aufkam, gab es Bedarf an sehr jungen Akteuren. Dann steht da, Butterfly sei 15 Jahre alt. Das geht nun überhaupt nicht, aber sie soll eben trotzdem möglichst jung sein. Ein Problem. Junge Leute können diese großen Rollen nicht singen. Wenn sie dann in der Lage dazu sind, sind sie viel älter als die Personen, die sie auf der Bühne spielen. Die meisten Operngeschichten spielen ja zwischen ganz, ganz jungen Menschen. 

Unter Liebenden.
Genau, ein Paradox der Oper. Ein anderes, und man braucht viele Jahre, bis man damit umgehen kann, wenn überhaupt: Oper ist an sich pure, unkontrollierte Emotion. Die brauchen Sie, wenn Sie in einer Rolle glaubwürdig sein wollen. Zur selben Zeit brauchen Sie aber tausend Prozent Kontrolle. Es geht also um die Balance zwischen einem totalen Sich-gehen-Lassen und einer Kontrolle über jede Faser des Körpers. Schwierig.

Wie kommen Sie selbst damit klar?
Mein Problem ist sicher nicht, mich zu öffnen. Ich bin Miss Emotion. Ich habe keine Schwierigkeiten damit, eine Rolle nicht nur mit dem Kopf, sondern mit dem Herz zu verstehen, und das dem Publikum auch zu zeigen. Was ich lernen musste, war die Kontrolle. Wenn man das nicht lernt, zerstört man sich das Singen. Viele Jahre habe ich dafür gebraucht.

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