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Anselm Weber über Frankfurt „Wir sind angekommen“

Schauspiel-Intendant Anselm Weber über das Daheim-Sein in Frankfurt, vergangene Gefechte und seine beiden Zukunftswünsche für die Städtischen Bühnen.

Anselm Weber
„Sieben Jahre Interim sind auf keinen Fall künstlerisch wertvoll zu bewältigen“, sagt Anselm Weber. Foto: Christoph Boeckheler

Herr Weber, das ist Ihre zweite Spielzeit als Intendant des Schauspiels Frankfurt. Hat sich das erfüllt, was Sie sich vorgenommen hatten? Wie ist bisher Ihre künstlerische Bilanz?
Über das Künstlerische zu urteilen, ist wirklich Sache der Kritik. Ich persönlich bin da sehr vorsichtig. Für mich ist der Gradmesser: Bin ich angekommen oder nicht angekommen? Für mich als Theatermacher, der sich durch die Stadt definiert, ist das der entscheidende Punkt. Und da kann ich sagen: Wir sind angekommen, auf allen Ebenen, die wir uns vorgenommen hatten. Wir wollten das Ensemble-Theater, die Schauspieler in den Mittelpunkt stellen und damit die Arbeit meines Vorgängers Oliver Reese fortsetzen. Wir wollten das Vertrauen der Zuschauer in die Schauspieler, das da aufgebaut worden war, intensivieren. Wir haben uns vorgenommen, das mit sehr unterschiedlichen Ansätzen zu probieren. Wir wollten etwas wagen und das auch vermitteln. Das ist uns alles gelungen. Entscheidend für mich ist außerdem immer die Vernetzung in die Stadt. Da kann ich sagen: Wir sind daheim. 

Das lässt sich sicher mit Zahlen unterfüttern.   
In der ersten Spielzeit hatten wir eine Auslastung von mehr als 90 Prozent. Alle, die ein wenig über Stadttheater wissen, können ermessen, dass das eine außergewöhnlich gute Zahl ist. Die haben wir uns nicht selbst gebastelt, sondern es ist eine realistische Zahl. Das spricht für eine unglaubliche Neugier, für einen sehr schnellen Zuspruch. 

Was verstehen Sie unter sehr schnell?
Die Fokussierung. Wenn sich ein Thema, eine bestimmte Qualität herumspricht, wenn eine Stimmung entsteht nach dem Motto: Ich will das sehen, dann ist das wie ein Sog. Diesen Sog spüren wir. Das hat mit der Größe der Stadt zu tun. Es gibt eine Mund-zu-Mund-Propaganda. Dann wächst eine bestimmte Energie, die spürt wiederum das Haus. 

Gab es auch Erwartungen, die sich nicht erfüllt haben? 
Für mich ist die größte Überraschung: Dass wir mit einem so anspruchsvollen Programm einen solchen Zuspruch erfahren. Und gleichzeitig diese Offenheit im Dialog. Ich hätte gedacht, dass das viel länger dauert. In den Städten davor waren die Widerstände viel größer. Und ich kenne Frankfurt ja auch anders, aus meiner Zeit als Regisseur hier.

Sie haben damals schwierige Zeiten erlebt.
Das sagen Sie jetzt. Ich kenne das Theater ja noch unter dem Intendanten Peter Eschberg in den 90er Jahren. Da ging es mir ja immer gut. Aber den anderen um mich herum ging nicht so gut. Ich habe als junger Regisseur den Grabenkämpfen zugeschaut. Bei der Intendantin Elisabeth Schweeger später war es eben so, wie es war. Aber es war nicht von einem Sog geprägt. Ich will das nicht künstlerisch bewerten. 

Es gibt ja auch nicht mehr die patriarchalischen Intendanten-Figuren von früher.
Das mit dem Patriarchen ist so eine Sache. Ich erfahre heute eine Dreifach-Belastung, als Geschäftsführer, Intendant und Regisseur. Dann die ungewisse Zukunft der Bühnen hier insgesamt. Das verlangt im Moment ein großes Maß an Organisation und Logistik, das alles im Griff zu haben. 

Wie hat das Theater sich verändert in den vergangenen zwei Jahrzehnten?
Das hat sich massiv verändert, ganz sicher. Auch die Begleitung durch die Kritiker hat sich verändert. Ich habe die Stadt ja noch im Kreuzfeuer von Gerhard Stadelmaier von der FAZ und Peter Iden von der FR erlebt. Da waren sie als einer, der im Kreuzfeuer stand, schon schwer damit beschäftigt, heil herauszukommen. Das war eine Frage von Personen und Eitelkeiten. Es war klar, dass wenn der eine jemanden mochte, der andere denjenigen nicht mochte. Wenn beide einen nicht mochten, dann hatte man gar nichts mehr zu bestellen. Da gingen dann Formulierungen weit über das Ziel hinaus und waren sehr verletzend. Bei Eschberg gab es die Grabenkämpfe zwischen erfahrenen Regisseuren. Schweeger versuchte dann, das Theater zu intellektualisieren. Die Stadt ist aber sinnlicher geworden, als sie selbst glaubt. 

Wie geht es Ihnen selbst mit einer Inszenierung? Spüren Sie, ob sie beim Publikum funktioniert oder nicht? Oder sind Sie eher distanziert?
Nein, ich bin da ganz nah dran. Ein gutes Beispiel war unsere Eröffnungsinszenierung, Shakespeares „Richard III“ von Jan Bosse. Die hat in vieler Hinsicht das erfüllt, was ich mir wünsche. Nämlich eine Einladung. Wenn ich in der letzten Viertelstunde bemerke, wie ein vollkommen ausgepumptes Schauspieler-Team sich mit der Empathie der Zuschauer verbindet, dann passiert etwas, was nur im Theater passiert. Da eröffnet sich ein Resonanzraum, den gibt es nur im Theater. Ein anderes Beispiel ist „Aus Staub“, die Uraufführung von Jan Neumann in den Kammerspielen. Das Stück ist tatsächlich immer ausverkauft. Es erzählt vom Kampf um den Wohnraum in Frankfurt. Und die Leute nehmen so viel mit aus dieser Inszenierung, großartig. 

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