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"Alcina" in Wiesbaden Die Benennung des Nichts

Prunksucht geht anders: Händels „Alcina“ radikal reduziert in Wiesbadens Staatstheater.

11.04.2016 17:25
Stefan Schickhaus
Heather Engebretson und Franziska Gottwald. Foto: Paul Leclaire

Für Ingo Kerkhof muss es so etwas wie ein Déjà-vu gewesen sein, jetzt am Ende des Premierenabends am Staatstheater Wiesbaden. Der Regisseur tritt mit seiner Bühnenbildnerin Anne Neuser und seinem Kostümverantwortlichen Stephan von Wedel vor das Publikum und nimmt den Schlussapplaus für seine Inszenierung von Händels Oper „Alcina“ entgegen. In Potsdam war das 2008, in Köln-Mühlheim 2012, in Wiesbaden nun 2016. Der Intendant an diesen Spielorten jeweils: Uwe Eric Laufenberg. Der scheint Kerkhofs Sicht auf die Zauberoper „Alcina“ überaus zu schätzen, er nimmt sie überall hin mit.

Als echte Übernahme gekennzeichnet war die aktuelle Produktion nun nicht, es gab ja auch einige Unterschiede: In Potsdam und Köln standen im ersten Akt immerhin zwei Tische und fünf Stühle auf der Bühne, in Wiesbaden gab es lediglich eine breite Treppe. Als eher konzertant als szenisch wurden bereits die älteren Versionen beschrieben, die Wiesbadener nun ist da noch einen Schritt konsequenter. Das Nichts an Ausstattung ist nun ein absolutes, die denkbar weiteste Entfernung vom Bild der Zauberinsel also. In Potsdam und Köln trug man allerdings Straßenkleidung, Anzug und Trenchcoat also – was bei einer Barockoper nun wirklich niemand mehr sehen möchte. Für Wiesbaden kleidete Stephan von Wedel das Ensemble barockisiert, also Puffärmel, Bundhose, Gehrock.

Ingo Kerkhof hat Fantasie. Den Bühnenraum des zweiten Aktes etwa nennt er einen „nicht näher definierten Ort irgendwo in diesem Labyrinth der Gefühle“. Ja, so kann man es auch nennen. Man kann es aber auch nur als eine große Wand bezeichnen, vor der sich Menschen begegnen oder auch nicht. Die Wand wird rot angeleuchtet, wenn Alcina von ihrem Herzen singt, und ihr Schatten erscheint dort, wenn sie die „bleichen Schatten“ beschwört. Kerkhofs Fantasie in der Benennung des Nichts heißt aber nicht, dass er seine Figuren nicht gut zu führen versteht. Trotz des konzertanten Charakters – die meisten Bravour-Arien wie Ruggieros „Verdi prati“ dürfen unbehelligt an der Rampe gesungen werden – sind die Konstellationen gut gestellt. Es gibt wenig zu sehen, aber das Wenige stimmt.

Dass diese optisch so radikal reduzierte, stellenweise auch wirklich konzentrierte Barockoper keine Längen hatte, lag aber dann doch vor allem an zweierlei: Zum einen wurde kräftig gekürzt, auch an den da-capo-Teilen der Arien und sogar am Personal (Oberto, verzichtbar). Zum anderen wurde einfach sehr gut musiziert und gesungen.

So hinterließ Heather Engebretson als Alcina einen überraschend guten Eindruck – überraschend deswegen, weil die junge New Yorkerin zwar die Universal-Sopranistin der Intendanz Laufenberg zu werden scheint, sie aber nicht in allen Partien bislang eine gleich gute Figur machte. Auch hier kam sie zwar in Sachen Präzision und Diktion nicht an Katharina Konradi heran, die Alcinas Schwester Morgana verkörperte und schlichtweg superb sang. Doch die Amerikanerin bot stimmlich wie in der Bühnenpräsenz einen kühlen Zauber, der ihr ausnehmend gut stand. Für Katharina Konradi, die 27-Jährige aus Kirgistan, war diese Produktion übrigens der Erstkontakt mit dem Thema Barockoper. Umso erstaunlicher, wie locker und stilsicher sie die Verzierungen im da-capo-Teil ihrer Arie „Tornami a vagheggiar“ anbrachte.

Auf wirklich höchstem Niveau war das, was Franziska Gottwald mit ihrer Hosenrolle des Ruggiero ablieferte, ein Mezzo mit Volumen und Tiefe und edlem Timbre. Silvia Hauer, Benedikt Nawrath und Wolf Matthias Friedrich ergänzten das Ensemble vorzüglich.

Am Pult des mit Barockbögen besetzten Staatsorchesters agierte befeuernd und beredt Konrad Junghänel, der aktuell für das historisch informierte Musizieren zuständig ist in Wiesbaden. Dass dieser Dirigent ein immer wiederkehrender Wegbegleiter des Intendanten ist, ist dann doch noch eine gute Spur nachvollziehbarer als das in Sachen Kerkhofs „Alcina“-Umsetzung der Fall ist.

Staatstheater Wiesbaden: 14., 17. April. Der Premierenmitschnitt wird auf hr2 am 23. April gesendet. www.staatstheater-wiesbaden.de.

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