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"Aida" in Mannheim Putsch, Revolution, Showbiz

Verdis „Aida“, musikalisch überzeugend, szenisch reizvoll von Roger Vontobel inszeniert am Nationaltheater Mannheim.

Eine drehbare Tribüne, gut zu gebrauchen. In der Mitte Heike Wessels. Foto: Hans Jörg Michel

Albrecht Puhlmann, neuer Opernintendant am Nationaltheater Mannheim, gab seinen Einstand jetzt mit Wein und Käse und zuvor mit der ersten Opernpremiere seiner ersten Saison als Nachfolger von Klaus-Peter Kehr: Giuseppe Verdis „Aida“. Puhlmann, in dieser Funktion schon in Hannover (2001-2006) und Stuttgart (2006-2011), setzte also auf die ganz großen Schau- und Hörwerte und ließ die ersteren sogleich wieder tüchtig brechen, in einer Inszenierung des vom Schauspiel herkommenden gebürtigen Schweizers Roger Vontobel. Auch wenn das Mannheimer Premierenpublikum dafür demonstrativ wenig Verständnis zeigte, war es gerade in dieser Kombination ein interessanter Abend. Zumal man sich darüber im Klaren sein sollte, dass es schwierig ist, „Aida“ zu inszenieren, nicht nur, wenn man keine Elefanten zur Verfügung hat oder wenigstens die Arena von Verona.

Sehr umjubelt hingegen die musikalische Seite, mit mehreren überzeugenden Rollendebüts aus den eigenen Reihen: Das neue Ensemblemitglied Miriam Clark (auch von Frankfurter Auftritten her manchem schon bekannt) ist eine ungemein charakteristische, hochdramatische, bisweilen Charakter und Dramatik vor lupenreine Schönheit stellende Aida, Heike Wessels eine opulente, tiefgreifende Amneris. Zwischen ihnen der etwas stimmzartere, aber mit schönem Stehvermögen ausgestattete mexikanische Gasttenor Rafael Roja als erfahrener Radames. Den großen Chor, der gleichwohl selten in Heerscharen auf der Bühne zu sehen ist, hat der neue Chordirektor Dani Juris vorzüglich als weitere Hauptfigur präpariert. Am Pult schließlich der neue Generalmusikdirektor Alexander Soddy mit markanter, zügiger Hand, das allzu Schwelgerische ebenso vermeidend wie Regisseur Vontobel.

Aber weite Teile des Publikums mochten offenbar, wie gesagt, keinen Zusammenhang zwischen Musik und Bild herstellen. Vontobel hingegen schon. Sein zum Teil einleuchtendes, zum Teil überladenes Hineinerzählen in die Handlung hindert ihn nicht an einem geradezu eleganten Umgang mit dem Melodiefluss. Das hat viel mit dem schlichten, aber gut brauchbaren Bühnenbild von Palle Steen Christensen zu tun: eine drehbare Tribüne, die ohne weitere Mühseligkeiten zwei Szenen direkt nacheinander präsentieren kann oder auch Frauen- und Herrenchor inklusive des erwünschten akustischen Entfernungseffekts.

Rauchende, sich schminkende Choristen

Wem hier nun der erste Chorauftritt optisch etwas lahm erscheint – und das ist er –, kann sich aber vielleicht dann damit anfreunden, dass Vontobel das Inszenierte des Geschehens selbst vielfach thematisiert. Unbeschäftigte Choristen trifft man rauchend und sich schminkend oder umkleidend hinter der Tribüne wieder: „Aida“, eine Show, aber eine schon recht ausgelaugte. Aus dem Triumphmarsch nebst Balletteinlagen ist eine Choreografie wie im Fußballstadion geworden, wenn auf Kommando bunte Papprechtecke gezeigt werden und Muster bilden. Auch das trägt zum geschmeidigen Absolvieren anspruchsvoller Szenen bei – keine Theaterparade kann heutzutage allen Ernstes das bieten, was Verdis Musik an dieser Stelle verspricht.

Vontobel ist es damit noch nicht genug. In diese Atmosphäre aus müde gewordenem  Showbiz und einem vage bleibenden Drill – hinter der Bühne lernen jedenfalls schon die Jüngsten, wie man die Choreografie schnell genug hinbekommt – baut er noch seine eigene Erzählung ein. Die Priester, die den ein wenig außer Rand und Band geratenen Pharao zunehmend schwerer kontrollieren können, werden ihn am Ende des zweiten Aktes überwältigen und absetzen. „Ce la faremo“ steht auf ihrem Transparent, „wir werden es schaffen“, denn Vontobel will wirklich immer noch ein bisschen mehr und eben manchmal auch zu viel. Am Ende der Oper wiederum wird der Chor die vorgegebenen Rituale der Priesterschaft ignorieren und stattdessen friedlich Blumen auf der Gruft ablegen und sich dort niederlassen. Auch einige Priester schließen sich an, so dass das individuelle Leid des sterbenden Liebespaares eine politische Politur bekommt. Radames, der jetzt dem älteren Placido Domingo ähnlich sieht, und Aida sind zum konzertanten Finale in einer Seitenloge platziert. Vielleicht, weil es Dinge gibt, die man nicht zeigen kann, vielleicht weil das nicht der Tod, sondern eine Oper ist.

Die Personenführung im engeren Sinne bleibt über weite Strecken unauffällig. Es gibt aber etliche schöne Details an einem Abend, der nah an uns herantreten will, nicht nur, weil die Gefangenen der Ägypter wir selbst, die Zuschauer sind. 

Nationaltheater Mannheim: 6., 18. November. www.nationaltheater-mannheim.de

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