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30 Jahre Aterballetto Das tapfere kleine Tanzdorf

Italien ist, was den künstlerischen Tanz betrifft, ein Entwicklungsland. In der italienischen Tanzsteppe liegt wie das berühmte gallische Dorf inmitten feindlicher Römer Aterballetto. Von Sylvia Staude

Wenigstens das konnte das Aterballetto rausschlagen: ein großzügiges Zuhause für seinen Tanz. Foto: FOTOSTUDIO13

Zehn Jahre lang war auf der Biennale von Venedig auch Tanz zu sehen, jetzt hat Ismael Ivo, künstlerischer Leiter seit 2005, der Sparte eine Rosskur verordnet. Keine belanglosen Aufführungen mehr, drei Jahre lang. Dafür ein Neustart, bei Null: Lehrer, denen die Gegenwart modernen Tanzes vertraut ist, sollen italienische Tänzerinnen und Tänzer unterrichten. Das Projekt heißt "Degree Zero" und schickt die italienische Tanzszene sozusagen wieder in die Grundschule.

Italien ist, was den künstlerischen Tanz betrifft, ein Entwicklungsland, in dem sich nichts entwickelt. Das liegt vor allem an mangelnder finanzieller Zuwendung und großer Gleichgültigkeit von Seiten der Politik und der (Opern-)Intendanten.

Cristina Bozzolini leitete früher eine von zwei international ernst zu nehmenden Companys, das "Balletto di Toscana", und leitet heute die einzige international ernst zu nehmende Company, das Aterballetto. Italien, sagt sie, habe drei große Traditionen: Musik, Oper, Fußball. An den vier wichtigsten Opernhäusern (Florenz, Mailand, Palermo, Rom) gebe es keine Sensibilität für den modernen Tanz - "das ist meine ganz persönliche Meinung" - und keinen Versuch, ein Publikum heranzuziehen. Bozzolini, geboren 1943, war eine der wichtigsten Ballerinas des Landes, jahrelang hat sie das Balletto di Toscana quasi in ihrem Wohnzimmer untergebracht, jahrelang hat sie Geld zugeschossen. Bis es nicht mehr ging.

Nun also steuert Cristina Bozzolini das Aterballetto, das in diesem Jahr einen unglaublichen 30. Geburtstag feiern kann. Und in einer italienischen Tanzsteppe liegt wie das berühmte gallische Dorf inmitten feindlicher Römer (Silvio Berlusconi wäre dann Cäsar).

Das Aterballetto aber gibt es nur, weil es die Tanzcompany einer wohlhabenden, Schweine züchtenden (Parmaschinken!), Motoren bauenden und trotzdem kulturell interessierten Region, der Emilia Romagna ist. Mitte der 60er Jahre schlossen sich dort rund 50 Theater zur "Associazione Teatrale Emilia Romagna" (ATER) zusammen. Vor allen Dingen ein Theaterdirektor in Reggio Emilia war es wenig später, der sein Herz für den Tanz entdeckte - die Politik zog mit. Das Balletto entstand nach dem Vorbild nordeuropäischer Ensembles als selbstständiges, nicht an ein Opernhaus gebundenes. Auch das am Zeitgenössischen orientierte Programm etwa des schwedischen Cullberg-Balletts sollte den Standard setzen.

Aterballetto, Choreographie "3D"

Doch nach Meinung von Mauro Bigonzetti, der 1982 als Tänzer zum Aterballetto kam und es von 1997 bis 2008 künstlerisch leitete, versuchte Amedeo Amodio, Gründer des Ensembles, lange Jahre einen unsinnigen Spagat, hatte zu viele Stücke im Repertoire, "die für die Company nicht richtig waren: Romeo und Julia, Carmen, Coppélia, Nussknacker". Man wollte das so genannte breite Publikum nicht verlieren, man traute sich nicht, einen klaren Schnitt zu machen zwischen Tradition und Moderne.

Den wagte dann der 1960 geborene Bigonzetti, mit Choreografien von Jirí Kylián, Ohad Naharin, Christian Spuck, Itzik Galili. Aber vor allem mit viel Bigonzetti und einem sportlich-modernen und dennoch eleganten - manche Kritiker sagen: ziemlich nah am Kitsch gebauten - Stil. Der Choreograf war einige Jahre im Ausland gewesen und hatte sich einen Namen gemacht, als er 1997 die künstlerische Leitung des Aterballetto übernahm. Er trimmte das Ensemble, das mit rund 20 Tänzern nicht gerade riesig ist, auf die Art von Vielseitigkeit, die zeitgenössische Choreografen erwarten.

Das Geschenk der Stadt Reggio Emilia zu Bigonzettis Antritt war die Fonderia Lombardini, eine Gießerei, in der die Truppe Büros, Ballettsäle, auch einen kleinen Aufführungsort hat. Der Umbau dauerte zwar (bis 2004), aber jetzt hat das Aterballetto einen großzügigen, sonnendurchfluteten Riesentanzraum am Rand von Reggio Emilia. Es ehrt Bigonzetti, dass er erst 2008 sagte: Ich mag den Karren nicht mehr ziehen, ich möchte mich wieder aufs Choreografieren konzentrieren. Auch wenn es für seine alte Company ist.

Cristina Bozzolini hat sich einen erfahrenen Geschäftsführer an die Seite geholt, Giovanni Ottolini, aber es ist klar, dass sie Schlauheit und Glück brauchen wird, um ihr kleines gallisches Dorf weiterhin zu verteidigen: Die Zeiten für Tanz sind unter der neuerlichen Berlusconi-Regierung kein bisschen besser geworden. Aus Trotz gab man sich 2004, mit der Eröffnung der umgebauten Fonderia, den Beinamen "Fondazione Nazionale della Danza": Weil man den Staat beschämen wollte.

Den das kalt lässt. 2,25 Prozent der Kulturförderung geht an den Tanz, neun Millionen Euro - 600 000 erhält das Aterballetto. Dafür muss es mindestens 90 Vorstellungen geben. Aber in Italien wird es nicht sehr enthusiastisch gebucht - und nur 30 Prozent der Aufführungen, die es im Ausland hat, werden angerechnet.

In Deutschland, wohin die Company gern und oft eingeladen wird, möchte man übrigens immer nur Mauro-Bigonzetti-Programme sehen, sagt Cristina Bozzolini. Es scheint ihr recht zu sein, denn auch für fast alle italienischen Choreografen gilt ihrer Meinung nach: Sie seien "multo modesti", sehr bescheiden.

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