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"The Porn Identity" Hosen runter

Die Ausstellung "The Porn Identity" in der Kunsthalle Wien stellt den pornographischen Blick ins Zentrum. Doch findet der dort gar nicht statt - und soll es auch nicht. Couch-Potato- oder Schmuddelkinosaal-Konsum: alles Fehlanzeige. Von Julia Kospach

23.02.2009 21:02
JULIA KOSPACH
Die Ausstellung "The Porn Identity" in der Kunsthalle Wien stellt den pornographischen Blick ins Zentrum. Doch findet der dort gar nicht statt - und soll es auch nicht. Couch-Potato- oder Schmuddelkinosaal-Konsum: alles Fehlanzeige. Foto: Kunsthalle Wien

Die Ausstellung "The Porn Identity" in der Kunsthalle Wien stellt das ins Zentrum, was gleichzeitig dort weder stattfinden kann noch soll, nämlich den pornographischen Blick. Angelegt sei die Schau bewusst so, erklärt Co-Kuratorin Angela Stief, "dass keine Heimlichkeit oder Gemütlichkeit aufkommen" kann. Beim Publikum nämlich. Sprich: Pornographie raus aus der Black Box des Couch-Potato- oder Schmuddelkinosaal-Konsums und rein in den White Cube der kunstinstitutionellen Präsentation.

Was da in den in keuschem Schneeweiß gestrichenen Räumen der Kunsthalle Wien vor sich geht, ist laut deren Direktor Gerald Matt die Konfrontation des "Wildwuchses der Pornographie mit Filmen, Skulpturen und Installationen, die das sexuelle Begehren reflektieren". Vom Hard-Core-Porno bis zum artifiziellen Sex-Kunstfilm, vom Plakatprojekt mit schwulen Bauarbeitern über eine "Skistockspieß-Installation" zum Thema Penetration und Aufspießen, von der Clockwork-Orange-Tischskulptur in Frauenform bis zur lesbisch-feministischen Umdeutung von Nabokovs "Lolita" in einer mehrteiligen Videoinstallation von Katharina Daschner.

Art meets pornography, pornography meets art. Die Allgegenwärtigkeit des Pornographischen lässt die Themenwahl denkbar nahe liegend erscheinen, ist allerdings nach wie vor geeignet, ordentlich Wind zu machen. Die mediale Resonanz auf "The Porn Identity", so Angela Stief, war schon vor der Eröffnung "unvergleichlich", und auch seither zählt die Kunsthalle mehr Besucher, als sie das gewohnt ist.

Unter 18-Jährigen ist der Zugang untersagt. Das wäre rührend, hätte es nicht simple juristische Gründe. Trotzdem: So viele Schwänze in wildem Einhämmerrhythmus sieht man selten auf einmal - und es kann einem zwischendurch + zu viel werden. Vor allem wie damit umgehen, wie hinschauen? Prüfender Revisoren-Blick, distanziert-ironischer Kunstkennerblick, geiler Hier-gibt's-was-gratis-Blick? Am besten beschreibt sich diese Ausstellung über solche, an einem selbst beobachteten Wirkmechanismen. Noch etwas springt ins Auge: Auffallend viele Besucher sind allein gekommen. Sicherheitshalber nicht zu zweit oder im Freundesgrüppchen. Ist das ein Zufall?

Zur umgehenden Legendenbildung hat auch die Künstlerin Marlene Haring beigetragen, die am Vernissageabend einen Sticker mit der Aufschrift "Show Me Yours, I'll Show You Mine" trug. Damit lud sie Besucher gleich am Eingang ein, mit ihr in einen Spiegel-Schrank zu verschwinden, um dort kurz die Hosen voreinander hinunterzulassen. Die Aktion wurde - verkaufsmarketingtechnisch gesprochen - vom Publikum sehr gut angenommen. So gut, dass drei Pärchen am selben Abend ohne Künstlerin im Kasten verschwanden, um dort gemütlich zur Sache zu kommen.

Ansonsten wie gesagt: Keinerlei Gemütlichkeit! Kein Sesselchen, nirgends. Das scheint übertrieben: Ist ja nun nicht so, dass man im Hinsetzen sofort zur Masturbation schreiten würde.

Aus Kuratoren-Sicht folgerichtig sind mehr als zwei Dutzend Monitore so über den Köpfen der Besucher angebracht, dass die stehend bei unbequemer Kopfhaltung nach oben starren, während sie den "Bildermischwald" (Gerald Matt) über sich mit Blicken durchstreifen. Wer näher herantritt, versteht auch den jeweils dazu passenden Ton. Bleibt das Hören ungerichtet, begleitet den Besucher die ganze Schau über ein vielstimmiger Soundteppich aus Stöhnen, Ächzen, Stimmengewirr und kirchlich anmutenden Chorälen.

Es geht assoziativ zu in "The Porn Identity", und damit ist das bunte Gemisch wohl auch am besten zueinander in Beziehung gesetzt. Da bezieht sich Johannes Wohnseifers Arbeit, "In Front of the Green Door" (1996) - eine grasgrüne Tür mit Wittgenstein-Design-Klinke, die einen Spalt offen steht - auf den legendären US-Porno "Behind the Green Door" von 1972, dessen Hauptdarstellerin, Porno-Star Marilyn Chambers, in der Schau gleich zwei Mal auftaucht: Einmal als lächelndes, babyküssendes Jungmutter-Modell auf einem Waschmittelkarton der Marke "Ivory Snow", einmal als laszive Seidenbademantelträgerin in einem Filmausschnitt aus "Insatiable" (1980). Hier Film- und Videoarbeiten zu Gewalt und Porno, da gay-porn und Sado-Maso, dort Polizeiüberwachungskamerabilder aus Toilettenanlagen für anonymen Schwulen-Sex.

Echte Erholung von der erstaunlich rasch sich einstellenden Rein-Raus-Übersättigung bietet der genial lustige Kurzfilm "Pornographic Apathetic" (2003) von T. Arthur Cottam, in dem vier um einen Tisch sitzende Schauspieler denkbar teilnahmslos Porno-Dialoge sprechen. Neben dieser gleichsam konzertanten Porno-Aufführung bestechen vor allem Nathalie Djurbergs animierter Plastilin-Puppen-Porno eines Stellungswechsel-Ringelreihens aus drei - weißen - Frauen und einem - schwarzen - Mann ("Badain", 2005) und Hito Steyerls dreiminütige Selbstfesselungs-Szene "In/Dependence". Sie schwebt irgendwo zwischen Tanz, autosexueller Praktik und Comic-superheldenhafter Schwerelosigkeit.

Kunsthalle Wien: bis 1. Juni. Katalog 24 Euro. www.kunsthallewien.at

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