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Terror Es hat nicht alles mit allem zu tun

Viel wird über Gewalt und Terror diskutiert. Aber mit welchem Ziel? Und welcher Hoffnung? Den gegenwärtigen Debatten mangelt es an Selbstkritik.

02.08.2016 14:34
Dirk Pilz
In Ansbach am 25. Juli 2016. Foto: rtr

Es werden jetzt, nach den Gewalttaten von Würzburg, München und Ansbach, Erklärungen gesucht. Das ist verständlich: Wie jede Erfahrung verlangt auch die der Gewalt nach Sinngebung, und Sinn entsteht immer erst aus Erzählungen – mit ihnen wird das schwer Erklärliche in Erklärbares umgemünzt. Stets schmiegen sich die Fakten und Erzählungen dabei aneinander an, in Einzelbiographien wie in Gesellschaften. Die Wahrheit gibt es nicht nackt, nur erzählt, verformt, überschrieben.

Das ist noch kein moralisch bedenklicher Fall von Irreführung. Zur Lebenslüge wird das Erzählen erst, wenn entweder die jeweilige Erzählung sämtliche Fakten leugnet, oder wenn sie ihren inneren Zusammenhang verliert, wenn unvermittelt Neues und Anderes erzählt wird, um den Schein von Erklärungen zu erzeugen – man nennt dies Ideologie. Das scheint mir derzeit der Normalfall im Umgang mit der jüngsten Gewalt zu sein. Wenn sich eine Gesellschaft aber nahezu täglich mit einander widersprechenden Erzählungen zu beruhigen versucht, liefert sie sich den Stimmungen, Gefühlen aus: den ideologischen Mustern.

Nehmen wir als Beispiel unter vielen einen Kommentar von Jasper von Altenbockum in der FAZ vom 27. Juli. Er schreibt, dass es nie hilfreich sei, direkte Zusammenhänge herzustellen, zwischen Flüchtlingen und Terrorgefahr etwa. Er beklagt also die derzeit „beliebte Methode, alles Mögliche in einen Topf zu werfen“. Sehr zu recht, denn für jede tragfähige Erklärung ist es entscheidend, Unterschiede zu machen: Ob ein Täter Amokläufer, Terrorist oder Gewaltfetischist ist, ist keine Nebensache, sondern entscheidend für den politischen und gesellschaftlichen Umgang damit.

Zwei Tage zuvor schrieb derselbe, bei der FAZ für die Innenpolitik verantwortliche Redakteur jedoch, Politik und Polizei müssten zwar Unterschiede zur Kenntnis nehmen, um nicht vorschnell zu handeln. „Aber die Lehre der vergangenen Wochen ist, dass Unterschiede auf dasselbe hinauslaufen: Im Krieg des ,Islamischen Staats’ wird das Heer der nützlichen Idioten immer größer.“

Binnen kürzester Zeit behauptet der Autor das genaue Gegenteil. Das ist nicht nur ein Beispiel für die Glaubwürdigkeitskrise des Journalismus (wer soll derlei Kommentare noch ernst nehmen?), sondern symptomatisch für unseren gesellschaftlichen Aggregatzustand: Die Erklärungen für schwer Erklärbares ändern sich je nach politischem, medialem und psychologischem Interesse. Damit verlieren sie jede Überzeugungskraft.

Wir leben augenscheinlich in Zeiten, die von sich selbst keine konsistenten Erzählungen mehr hat, und seien sie noch so bruchstückhaft. Das heißt aber, sich dem Geschehen schutzlos auszuliefern, es heißt, sich dem Schicksalsglauben, letztlich dem Fatalismus zu überlassen. Und das ist es, was man derzeit vor allem fürchten muss.

Anspruch auf Wahrheit aufgeben

Diese Furcht begleitet die gesamte Moderne, einschließlich ihrer sogenannten nachmodernen Phasen. Die Moderne ist ja selbst eine große Erzählung von der Selbstermächtigung des Menschen: Er allein soll und will sich die vernünftigen Regeln seines Daseins geben. Die Vernunft ist ohne ihre zerstörerische Seite jedoch nicht zu haben – die Kriegs- und Technikgeschichte legt davon trauriges Zeugnis ab. „Jeden reißt seine Leidenschaft fort“, schrieb einst Vergil; wir wissen heute, dass das auch für die Leidenschaften der Vernunft gilt.

Was folgt daraus? Jörg Baberowski hat in seinem jüngsten Buch „Räume der Gewalt“ ein zutiefst negatives Menschenbild gezeichnet: Jahrhundertelang hätten Menschen einander getötet, nichts werde sie davon abhalten, es auch in Zukunft zu tun. Das ist ebenfalls eine Großerzählung: Sie handelt von der Schlechtigkeit des Menschen. Baberowskis Vorschlag zum Umgang mit Gewalt ist dabei letztlich religiöser Natur: Er geht davon aus, dass die letzte Wahrheit über den Menschen ihm selbst unerreichbar bleibt.

Letzte Wahrheiten entziehen sich allerdings jeder Kritik. Man muss den Anspruch auf abschließendes Wahrheitswissen aufgeben, um zur Kritik fähig zu werden. Das bedeutet allerdings, sich zur Fragilität und Vorläufigkeit aller Weltdeutungen, zum provisorischen Charakter jeder Erzählung zu bekennen. Gewalt wird es demzufolge zwar immer geben, stets jedoch aus spezifischen Ursachen. Weder die Schlechtigkeit der Welt noch die einer Religion oder Politik taugen als Erklärungen, allenfalls ein je eigener Mix.

Es lässt sich ohnehin nicht entscheiden, wer recht hat – beides sind ja vernünftige Erklärungen, mit denen sich der Mensch seine Situation in der Welt, der Geschichte, der Gesellschaft so erzählt, dass sie verstehbar wird. Es ist auch nicht sinnvoll, diese beiden Welterklärungsweisen – Welterzählungen – mit Etiketten zu versehen, die eine postmodern und die andere konservativ zu nennen zum Beispiel, oder die eine wissenschaftsgläubig und die andere irrational. Denn wie man sich die Welt auch erzählen mag, die Erzählung selbst muss ihrer eigenen vernünftigen Logik folgen, also nachvollziehbar sein, um aufschließende Kraft zu haben.

Keine einfachen Erklärungen

Weder ist Wissenschaft allein auf Vernunft gegründet, noch sind Religionen irrational; weder predigt die postmoderne Bejahung des Fragmentarischen den bloßen Relativismus, noch ist der Verweis auf menschenübergreifende Ordnungen eine Rückkehr zur vormodernen Metaphysik. Aber jede Welterzählung ist eine spezifische Weltanschauung, und Aufklärung heißt vor allem, um die Standortbezogenheit des eigenen Denkens zu wissen: Der aufgeklärte Mensch kennt die Perspektivität seines Handelns und Wahrnehmens. Und zum aufgeklärten Vernunftanspruch gehört es, den Wechsel der Perspektive zumindest erklären zu wollen.

Den gegenwärtigen Debatten über den Terror und seine Folgen mangelt es genau an dieser selbstaufklärerischen, also selbstkritischen Grundhaltung. Denn zum Umgang mit Gewalt gehört es zu wissen, dass es einerseits keine einfachen, für jeden Fall gültigen Erklärungen gibt – und andererseits, dass jede Erklärung auch etwas über den verrät, der sie vorbringt. Was beunruhigt, was ängstigt an Gewalt? Diese Frage ist genauso entscheidend wie jene nach den Ursachen.

Jede Gewalttat verlangt deshalb ihre eigene Erzählung, um begriffen zu werden – das ist ja das Anstrengende, dass man stets wieder bei Null steht. Sie verlangt aber auch nach einem Erzähler, der weiß, was er aus welchen Gründen weglässt, um zu einer Erklärung zu kommen. Diesen Anspruch preiszugeben, heißt kapitulieren. Es heißt, das bloße Behaupten und Meinen als Erklärungen zu nehmen. Die lassen sich dann tatsächlich nach Belieben ändern. Nur weiß man dann eben – nichts.

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