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Tellkamp-Debatte Wider die Verklärung des Konservatismus

Im Streit über die Äußerungen des Schriftstellers Uwe Tellkamp und die Folgen zeigt sich die Krise des Konservatismus.

Uwe Tellkamp
Uwe Tellkamp, hier als Gewinner des Deutschen Buchpreises im Oktober vor zehn Jahren in Frankfurt. Foto: afp

Es ist zuletzt viel gestritten worden. Streit ist gut, denn im Streit lässt sich lernen, was man selbst denkt, und was andere denken. Der Monolog ist kein gutes Erkenntnisinstrument.

Der Streit entzündete sich an einem Auftritt der Schriftsteller Uwe Tellkamp und Durs Grünbein in Dresden. Längst hat er sich zu einem Grundsatzstreit ausgeweitet, nämlich darüber, worüber eigentlich zu streiten ist. „Wer sich öffentlich äußert“, so Ulrich Greiner in der der „Zeit“, „möchte als seriöser Gesprächspartner wahrgenommen werden.“ Stattdessen werde er verächtlich gemacht, abqualifiziert, absichtsvoll missverstanden. Das ist nicht richtig, gerade Tellkamp hat in der Debatte viele Fürsprecher gefunden. Aber darum geht es im Kern nicht.

Es geht darum, dass jeder Streit eine seriöse Grundlage braucht. Tellkamp hat aber, wie absichtlich auch immer, mit Unterstellungen argumentiert, vor allem mit seiner Aussage, kaum ein Flüchtling, der nach Deutschland komme, sei verfolgt, sondern Wirtschaftsmigrant; 95 Prozent wanderten in die Sozialsysteme ein. Man hat es hier nicht mit ein „paar Zuspitzungen“ und „fragwürdigen Zahlen“ zu tun, wie Greiner unterstellt. Es geht dabei nicht um Zahlen, sondern um Menschen, die mit solchen Aussagen absichtlich ausgegrenzt, auf einen niederen Platz verwiesen werden. „In unserer Streitkultur hat die Zahl der Platzanweiser zugenommen“ – darin bestätigt Greiner sich selbst.

Der „Vertrauensvorschuss“, den jede Debatte braucht, wird hintergangen, wenn man mit falschen Fakten hantiert. „Meinung muss auf Fakten gegründet sein“, hat Hannah Arendt angemerkt, andernfalls sei Meinung eine Farce. Das ist noch immer richtig. Im Rahmen einer Farce kann es keinen sinnvollen Streit geben.

Steht das Neue unter Begründungsdruck?

Viel wird in dieser Debatte von Angst gesprochen. Der Angst davor, einer politischen Richtung zugeordnet zu werden, vor allem aber der Angst vor der Leere der eigenen Position. Sie scheint auf der konservativen Seite des politischen Spektrums stärker ausgeprägt zu sein, vielleicht auch, weil man sich ihrer hier bewusster ist. Der Konservatismus hat immer von der Überzeugung gelebt, dass das Neue unter Begründungsdruck steht, nicht das Bewährte. Man kann es auf die Formel bringen, die Martin Mosebach mit Blick auf die Katholische Kirche geprägt hat: „Ihr schieres Alter spricht für sie“.

Was sich aber überhaupt bewährt hat, lässt sich in unserer zerklüfteten Gegenwart immer schwerer bestimmen. Die Geschichte hinterlässt keine eindeutigen Botschaften, weil sie, wie Ernst Bloch sagt, „kein einlinig voranschreitendes Wesen“ ist. Je genauer man hinschaut, desto deutlicher treten die Ambivalenzen in Erscheinung. Man kann Goethe nicht loben, ohne auf sein merkwürdiges Frauenbild einzugehen. Man kann Luther nicht preisen, ohne an seine antisemitischen Schriften zu denken, Marx nicht, ohne an dessen Entehrung durch den Stalinismus. Es gibt kein Christentum ohne die Kreuzzüge, es gibt auch keinen Islam ohne den Missbrauch durch Terroristen. Es gibt generell keine reine Vergangenheit, nichts, das sich ohne Abstriche feiern ließe.

Das stete Anrufen der Vergangenheit wird damit zur Beschwörung einer Leerstelle. Die Krise des Konservatismus ist eine Sinnkrise, sie kreist um die Frage, was es zu bewahren gilt, was nicht. Jede formelhafte Antwort darauf, weicht dem aus. Ein lebendiger Konservatismus prüft dagegen Generation für Generation den Kanon des zu Bewahrenden, mit offenem Ausgang. Solcher Konservatismus ist allerdings eine Fehlanzeige derzeit: Es herrscht die Angst vor bloßem Verlust.

Angst ist immer anfällig für Instrumentalisierung, entsprechend wird die Leerstelle von Ideologien besetzt. Sie betreiben das gefährliche Spiel einer rückwärtsorientierten Utopie, die Zygmunt Bauman „Retrotopia“ nennt: gesellschaftliche Verbesserung in einem „halbvergessenen Gestern“ zu suchen, einer Vergangenheit, die nie stattgefunden hat. Man sieht es auch beim Streit um den Begriff Heimat: Es ist der Streit um eine Idealvorstellung, die keine materiale Grundlage hat. Endlich soll es wieder werden, wie es nie gewesen ist.

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