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Technologie „Evolution wird technologisch sein, nicht mehr biologisch“

Eines Tages werden die Menschen Computerchips im Gehirn haben, davon ist der Neurochirurg und Romanautor Eric Leuthardt überzeugt. Ein Gespräch über Himalaya-Reisen auf der Couch, Lösungen für den Klimawandel und die Gefahren des Brain Hacking.

Brain-Computer Interface Race
Ein Wettkampfteilnehmer versucht 2016 über eine Gehirn-Computer-Schnittstelle seinen Avatar zu kontrollieren. Foto: Reuters

Der Chip im Gehirn gesunder Menschen erscheint hierzulande noch immer vor allem als Science-Fiction. Im Silicon Valley halten viele dagegen diesen Schritt für unausweichlich. Facebook etwa forscht an einer Technik, mit der Menschen ihre Gedanken ohne den Umweg über eine Tastatur online bringen können. Ziel ist, die Fähigkeiten des menschlichen Gehirns zu erweitern. Auch der amerikanische Neurochirurg und Buchautor Eric Leuthardt ist überzeugt, dass wir es Ärzten erlauben werden, Elektroden in unser Gehirn zu implantieren, die uns ermöglichen, direkt mit anderen Menschen und Computern zu kommunizieren.

Herr Leuthardt, in Ihrem ersten Roman „Red Devil 4“ haben 90 Prozent der Menschen Computer-Hardware in ihrem Gehirn implantiert. Dies ermöglicht die nahtlose Verbindung zwischen Menschen und Computern. Glauben Sie, dass das Wirklichkeit wird?
Oh ja, die einzige Frage ist wann. Ob es 10, 20, 30 oder 100 Jahre dauern wird. Die Technologie ist bald so weit. Und es wird den Verlauf der menschlichen Evolution dramatisch verändern.

Sie sind nicht nur Autor, sondern in erster Linie Neurochirurg. Ich nehme an, Ihre Arbeit gibt Ihnen diese Gewissheit?
So ist es. In meiner Firma Neurolutions stellen wir Technologien wie das Brain-Computer-Interface für die Schlaganfall-Rehabilitation her. Wir haben kürzlich unsere erste klinische Studie erfolgreich abgeschlossen und gezeigt, dass sich chronische Schlaganfallpatienten mit Hilfe eines solchen Interfaces erholen und wieder funktionieren können. Ein Schlaganfallpatient kann sich ja immer noch vorstellen, dass er seine Hand bewegt, und dieser Gedanke wird in einen Maschinenbefehl umgewandelt, der an ein computergestütztes Exoskelettgerät, eine Art äußeres Knochengerüst, gesendet wird, das die Hand eines Patienten bewegt. Das Tolle ist: Mit der Zeit werden so im Gehirn neue Verbindungen aufgebaut, die verletzte Teile kompensieren.

Warum haben Sie anstelle eines Implantats eine nicht-invasive Version, ein Headset, verwendet?
Ein Grund sind Kräfte des Marktes. Die Leute zweifelten zunächst daran, dass wir so etwas entwickeln könnten und wollten nicht in ein Implantat, einen Chip investieren, der 20 bis 30 Millionen Dollar kosten würde. Eine nichtinvasive Version, auch wenn sie bescheidenere Vorteile bietet, verringerte das Risiko für Investoren, ermöglichte es uns jedoch, die Technologie voranzutreiben. Ein weiterer Grund ist die Einstellung der Patienten. Ein Chip im Gehirn scheint immer noch sehr wie Science-Fiction. Jetzt können sich die Leute erstmal mit der nicht-invasiven Version vertraut machen. Irgendwann wird ihnen der Gedanke kommen, dass sie mit etwas Invasivem viel mehr bekommen können.

Glauben Sie, dass sich die Vorbehalte so leicht überwinden lassen?
Ich denke, der beste Weg, über die Zukunft nachzudenken, ist sich die Geschichte vorzunehmen. Die Vorstellung, dass jeder einen Computer mit sich herumträgt, der genau weiß, wo man sich befindet, was man eingekauft hat, und mit dessen Hilfe man nur durch das Tippen mit dem Finger Zugang zu allen Informationen hat – für Menschen vor 20, 30 Jahren wäre das absolut beängstigend gewesen. Und wenn man jetzt 20, 30 Jahre vorwärtsspult, dann wird die Frage nicht sein: Oh mein Gott, soll ich einen Chip in mein Gehirn einpflanzen lassen? Die Frage wird sein: Warum nicht? Weil das Risiko so gering ist und die Vorteile so groß sind. Unsere Wahrnehmung davon, wie Technologie mit unserem Körper interagiert, verändert sich ständig. Tattoos waren vor 30 Jahren gesellschaftlich nicht akzeptabel, mittlerweile haben 30 bis 50 Prozent der Bevölkerung Tattoos. Die plastische Chirurgie war früher nur dazu da, Menschen nach einer Mastektomie oder Gesichtsverletzungen wieder herzustellen, heute sind Schönheitsoperationen gesellschaftsfähig. Sie werden dasselbe bei Hirnimplantaten sehen.

Die Vorteile für Schlaganfallpatienten liegen auf der Hand. Aber für gesunde Menschen?
Mit einem Chip im Hirn haben Sie alle Informationen nicht nur zur Hand, sondern tatsächlich in Ihrem Kopf. Sie können durch Ihre Gedanken auf Informationen zugreifen. Sie können viel einfacher mit Menschen kommunizieren. Sie können virtuelle Realität wie aus erster Hand erleben, im Himalaya wandern, während Sie zu Hause auf Ihrer Couch sitzen. Sie können Ihre Sinneserfahrung massiv erweitern. Aber für die menschliche Spezies ist etwas anderes am Wichtigsten: Die menschliche Intelligenz ist die wichtigste Ressource, die wir haben. Und mit Implantaten können wir sie steigern und so Probleme lösen, die unsere Spezies und die Erde bedrohen: Wie wir im Jahr 2050 zehn Milliarden Menschen ernähren, oder wie wir mit dem Treibhauseffekt fertig werden.

Es gibt eine Kehrseite, die Sie in Ihren Büchern beschreiben. Da werden Menschen wegen eines Fehlers in ihrem Gehirn-Computer-System zu Mördern.
Jede Technologie hat gute und schlechte Seiten. Mit der Atomenergie zum Beispiel kann man grenzenlose Mengen an Energie erzeugen, aber man kann auch Atombomben bauen. Die Neuro-Technologie hat großen Vorteile, aber sie kann auch missbraucht werden. Brain Hacking, wie ich es in „Red Devil 4“ beschrieben habe, ist absolut möglich.

Bringen Sie Ihre eigenen Ideen so nicht in Misskredit?
Ich schreibe über diese Dinge, damit man jetzt schon darüber nachdenkt. Ich denke, der Futurist, der Mensch, der über die Zukunft nachdenkt, ist wichtiger denn je, weil sich die Dinge so schnell ändern. Je mehr wir uns auf die möglichen negativen Aspekte der Veränderungen vorbereiten, desto eher können wir sie verhindern. Und diese Technologien kommen, ob wir es wollen oder nicht.

Sie haben erwähnt, dass die neue Technologie den Verlauf der Evolution ändern wird. Wie meinen Sie das?
Evolution wurde bisher durch Selektion und Genetik angetrieben, und durch äußere Kräfte, zum Beispiel Klimaveränderungen. Jetzt kontrollieren wir unser Schicksal. Wenn wir unser Gehirn mit Computern verbinden, wird die Evolution nicht mehr biologisch sein, sondern technologisch. Die Informationen in unserem Gehirn sind dann vielleicht wichtiger als die physischen Bestandteile unseres Körpers. Wie in meinem Roman „Limbo“ kann man vielleicht seinen Geist auf einen Computer laden und somit außerhalb seines Körpers leben.

Nicht jeder wird sich einen Chip leisten können. Wird Evolution dann zu einer finanziellen Frage?
Diese Situation existiert bereits beim Zugang zum Internet. Nicht alle haben ihn gleichermaßen. Trotzdem ist die Welt durch das Internet besser geworden, sei es bei der Behandlung von Krebs oder bei anderen medizinischen Problemen oder bei der Unterstützung benachteiligter Menschen. Ein Beispiel sind Mikrokredite durch Mobiltelefone, die das Leben der Menschen in Subsahara dramatisch verändert haben. Zurück zum Gehirn-Computer-Interface: menschliche Intelligenz, unsere Fähigkeit, Probleme zu lösen, ist die wichtigste Ressource, die wir haben. Wenn wir diese Fähigkeit steigern können, überwiegt das die Nachteile bei weitem.

Interview: Susanne Lenz

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