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Suhrkamp-Insolvenz An der Klippe

Der Suhrkamp Verlag setzt auf Insolvenz - und alles bleibt, wie es ist.Vorerst, zumindest. Die Insolvenz ist nur ein neuer Schachzug in einer langen Reihe, mit der der Verlag langsam gerettet oder zugrunde gerichtet wird.

Klar, das Geld ist knapp. Doch im Kern geht es bei Suhrkamp um einen internen Machtkampf. Foto: dpa

Das bekommt nur der Suhrkamp Verlag hin: Er meldet Insolvenz an, und alles bleibt, wie es ist. Die „Welt“ meldete es, „Spiegel Online“ stellte es für kurze Zeit ganz oben auf seine Seite, wie wenn es eine Sensation wäre: Suhrkamp ist insolvent. Wow, das klingt nach dem Ende einer Epoche! Aber was wie eine Sensation aussah, war nur ein weiterer Winkel- oder Schachzug in der langen Kette jener Winkelzüge, mit denen der Verlag langsam gerettet oder zugrunde gerichtet wird – ganz wie man es sehen will.

Zur Klärung immer unklarer werdender Verhältnisse: Der Suhrkamp Verlag, maßgeblich bestimmt durch die Mehrheitseignerin Ulla Unseld-Berkéwicz, hatte im Mai diesen Jahres beim Landgericht Berlin-Charlottenburg ein so genanntes Schutzschirmverfahren beantragt, eine neue Form der Insolvenz, sozusagen die kontrollierte Insolvenz in Eigenregie. Hans Barlach, Minderheitengesellschafter und ewiger Konkurrent von Berkéwicz, hatte das zu verhindern versucht und dagegen beim Frankfurter Landgericht im Juli eine einstweilige Verfügung erwirkt. Damit ist Barlach nun gescheitert.

Insolvenz in Eigenregie

Denn die am Berliner Gericht zuständige Richterin Mechthild Wenzel hat am Dienstagabend das Insolvenzverfahren tatsächlich eröffnet. Das bedeutet aber nun nicht, dass es einen Insolvenzverwalter und die üblichen insolvenzrechtlichen Konsequenzen geben würde. Denn das neue Schutzschirmverfahren, das wie für Suhrkamp geschaffen scheint, sieht die Insolvenz in Eigenregie vor. Damit ist dieses Verfahren hier geeignet, den Mehrheitsgesellschafter zu stärken und den querulatorischen Minderheitsgesellschafter aus dem Unternehmen herauszuhalten. Die Insolvenz nach neuem Recht scheint also tatsächlich zum Instrument im Machtkampf uneiniger Gesellschafter zu werden.

Der Insolvenzplan, den der Sachwalter des Suhrkamp Verlags, Rolf Rattunde, dem Gericht nach Informationen der Zeitung „Die Welt“ kurz zuvor vorgelegt hatte, sieht vor, dass das Unternehmen von einer Kommanditgesellschaft in eine Aktiengesellschaft umgewandelt wird. Damit gingen Hans Barlach und seiner Medienholding Winterthur die zahlreichen Sonderrechte als Minderheitsgesellschafter verloren, die er bisher innehatte, und er wäre im Machtkampf, an dem sich das Feuilleton nun seit Monaten und Jahren delektiert, endgültig der Unterlegene. Die Pläne der Mehrheitsgesellschafterin Siegfried und Ulla Unseld Familienstiftung, über die Unseld-Berkéwicz agiert, sind damit ebenso endgültig deutlich geworden. Das Schutzschirmverfahren dient zur Klärung der Machtverhältnisse.

Risikoreiches Verfahren

Allerdings kündigte die Richterin Mechthild Wenzel auch an, den Insolvenzplan in den beiden kommenden Wochen zu prüfen. Gleichzeitig sagte sie zur Begründung der Einleitung des Insolvenzverfahrens, dass die Insolvenzgründe „Zahlungsunfähigkeit“ und „Überschuldung“ gegeben seien. Damit ist ebenfalls deutlich geworden, wie eng die finanzielle Situation bei Suhrkamp ist und wie risikoreich das aktuelle Verfahren sein muss.

Es scheint immer noch gut möglich, dass mit dem Schutzschirmverfahren und der Insolvenz ein Verfahren angestoßen wird, in dem der Verlag wie der Zauberlehrling noch Überraschungen erlebt, die so nicht eingeplant waren. Das Ganze wirkt immer noch wie ein Spiel mit hohem Risiko, sozusagen ein Verfahrensstreit am Abgrund: Die beiden Gesellschafter erscheinen so gesehen wie zwei ineinander verbissene Kontrahenten, die gar nicht merken, dass sie an einer Klippe stehen. Bei Suhrkamp scheint man dagegen der Meinung, man habe alles im Griff. Eine Pressemeldung, mit der der Verlag gestern die Meldungen über die Insolvenz bestätigte, klingt, als laufe alles nach Plan.

Wenn die Pläne wirklich aufgehen, werden die Gesellschafter – die Siegfried und Ulla Unseld Familienstiftung und die Medienholding Winterthur – zu Aktionären. Die Aktionärsversammlung wird dann das wesentliche Entscheidungsgremium werden. Diese Aktionärsversammlung wählt einen Aufsichtsrat, der wiederum kontrolliert den Vorstand mit dem Vorstandsvorsitzenden.

Taktische Meisterleistungen

Man kann sich also schon auf neue taktische Meisterleistungen und interpretationsbedürftige Rechtsauslegungen freuen, wenn es um die Besetzung der Vorstandspositionen geht. Wir wagen die Prognose: Es werden sich bestimmt keine neuen Akteure auf den neuen Positionen finden – immer vorausgesetzt, alles läuft so wie geplant.

So jedenfalls muss man die Worte verstehen, die in der Suhrkamp-Pressemeldung zu lesen sind. „Diese Umwandlung“, heißt es da über den Wechsel von der Kommandit- zur Aktiengesellschaft, „sichert die Existenz sowie die Handlungs- und Planungsfreiheit des Verlags.“ Business as usual also, kein Grund zur Aufregung, alles wie gehabt. Im Suhrkamp Verlag sieht man in der Verwandlung des Unternehmens lediglich einen „Formwechsel“.

Weiterhin ist gestern noch zu erfahren gewesen, dass im Insolvenzplan vorgesehen ist, dass die Gesellschafter ihre neuen Aktien gegen eine Abfindung an den alten Mitgesellschafter oder mit Zustimmung des Verlags auch an einen dritten übertragen können. Und für den Insel Verlag soll es auch eine Lösung geben. Er wird eine hundertprozentige Tochter des Suhrkamp Verlags.

Überall im Land herrscht zur Zeit Ruhe. Sogar die Politik scheint über den Sommerferien dankenswerterweise vergessen zu haben, dass Bundestagswahlkampf ist. Nur im Hause Suhrkamp, da dreht sich das merkwürdige Rädchen aus Katastrophenmeldung und Rettung in letzter Minute, aus verdeckter Finte und erbittertem Machtkampf, gnadenlos immer weiter. Bei Suhrkamp, da ist kein Sommer.

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