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Südafrikanische Regisseure im Gespräch Die Vergangenheit, die niemals endet

Die südafrikanischen Theaterregisseure Brett Bailey und Paul Grootboom im Gespräch mit der FR darüber, dass Rassismus und die gesellschaftliche Spaltung nach Hautfarbe heute noch Alltag in ihrem Land ist.

18.05.2010 00:05
Die südafrikanischen Theaterregisseure Brett Bailey (links) und Paul Grootboom. Foto: dpa/Rolf C. Hemke

Wie ist die aktuelle Stimmung in Südafrika - jenseits der Fußball-WM?

Bailey: Im letzten halben Jahr sind die rassischen Spannungen in Südafrika übergekocht. Die Ermordung des Rechtsextremisten und Apartheidbefürworters Eugene Terreblanche und die populistischen Reden von Julius Malema, dem Vorsitzenden der Jugendorganisation des ANC, haben die Situation auf die Spitze getrieben. Viele hatten plötzlich das Gefühl, dass die Explosion unmittelbar bevorstünde

Grootboom: Diese aufgeladene Stimmung ist Resultat eines alltäglich gärenden Rassismus. Solche Probleme treffen auch mich in meinem Arbeitsalltag. In den Augen einiger Mitarbeiter am Staatstheater Pretoria bin ich einfach der Junge aus den Townships. Mir haftet automatisch das Klischee der schlechteren Ausbildung und folglich auch geringerer Fähigkeiten an. Man muss sich dazu nur vergegenwärtigen, welche Vergangenheit das Staatstheater als zentraler Tempel des Apartheidtheaters hatte. Das ist heute noch überall spürbar. Zum Beispiel gibt es noch zahlreiche alte, unkündbar beschäftige Theatertechniker aus dieser Zeit. Das sind natürlich nicht unbedingt Rassisten, aber die verhalten sich uns gegenüber anders als gegenüber weißen Regisseuren. Ob die das wollen oder nicht - das ist so in denen drin. Das macht es oft sehr, sehr schwierig, hier zu arbeiten.

Wie gehen Sie damit um?

Grootboom: Man spricht es an. Aber was ändert es? Als Schwarzer hast du hier einfach nicht die gleichen Möglichkeiten wie als Weißer. Das ist natürlich dieser Vergangenheit geschuldet, die niemals geendet hat. Deshalb habe ich auch echt Probleme damit, wenn meine Produktionen unter dem Label "Staatstheater Pretoria" hier im Lande oder in Übersee gastieren. Ich habe dann immer das Gefühl, dass mein Name und meine Identität mit dem Namen und der Geschichte dieses Hauses verknüpft werden. Das will ich eigentlich nicht.

Bailey: Theater in Südafrika ist bis heute größtenteils Unterhaltung für die weiße Mittelklasse und insoweit Teil einer gesellschaftlichen Polarisierung. Wie sollten sich Künstler davon frei machen? Vergangenheit und Gegenwart sind Teil von uns. Das drückt sich in unserer Kunst aus genauso wie im Verhalten jedes Einzelnen.

Grootboom: Genau das thematisiere ich in meinem Aufführungen. Auch wenn man sich dann leicht selbst dem Rassismusvorwurf aussetzt.

Welche Bedeutung hat dieses Klima in Ihrer Arbeit mit Schauspielern anderer Hautfarbe?

Grootboom: Das ist immer noch ein Politikum. Nehmen Sie die Geschehnisse rund um meine Produktion "Interracial" aus 2007. Das Stück war von mir für eine gemischtrassige Besetzung geschrieben, aber ich konnte dafür keine weißen Schauspieler in Südafrika finden. Das empfand ich als sehr seltsam. Ich habe natürlich im Vorfeld viel mit weißen Schauspielern gesprochen, aber es gab immer wieder Vorbehalte. Jedenfalls mussten meine Schauspieler schließlich auch die Rollen der Weißen spielen. Für das Ende des Stückes habe ich dann einen Monolog geschrieben, in dem sich der Regisseur des Stücks frustriert über die Situation im neuen Südafrika zeigt, weil er keine weißen Schauspieler finden kann. In diesem Monolog hieß es dann "fuck the whites".

Und wie waren die Reaktionen?

Grootboom: Die meinten, das sei eine Hasstirade. Aber eigentlich war es nur eine deftige Beschreibung der Situation zwischen den Menschen in diesem Land. Seitdem bin ich aus dem offiziellen Programm des "National Arts Festival" von Grahamstown ausgeschlossen. Man wirft mir bis heute Rassismus gegenüber weißen Südafrikanern vor, und zahlreiche Kritiker boykottieren mich immer noch. Wenn man über so etwas länger nachdenkt, kann einen das schon verbittern.

Setzen Sie sich in Ihren Arbeiten auch mit Fragen des Rassismus auseinander, Herr Bailey?

Bailey: Natürlich. Ich bin in den letzten Jahren sehr auf den Geschmack ortsspezifischer Installationen gekommen. Ich setze mich stark mit der Dynamik, der Politik, der spezifischen Bedeutung eines Ortes auseinander. Letztes Jahr im Juli habe ich beim Festival in Grahamstown ein Projekt realisiert, "Blutdiamanten (Endstation)", das unter die Haut der örtlichen Gesellschaft ging, die sehr polarisiert ist. Auf der einen Seite des Flusses, der die Stadt durchfließt, wohnen die wohlhabenden Weißen, und auf der anderen Seite sind die bitter armen Townships. Ich habe mich in diesem Projekt mit den historischen Gründen für diesen Zustand und mit dieser eigentümlichen Stadtgeographie auseinander gesetzt.

Ihre aktuelle Arbeit ist nun in Österreich und Deutschland entstanden.

Bailey: Das Projekt für die Wiener Festwochen und die Braunschweiger Theaterformen heißt "Exhibit A - Deutsch-Südwestafrika". Ich versuche darin sehr divergente Themen miteinander zu verbinden: Die deutsche Kolonisation von Deutsch-Südwestafrika, heute Namibia, die in den Genozid der Herero und Nama mündete, bei dem zwischen 1904 und 1908 mehr als 70000 Menschen ermordet wurden. Das Projekt hat aber auch die Geschichte des Rassismus in Mitteleuropa zum Gegenstand. Ich thematisiere die Menschenausstellungen, die ab der Mitte des 19. Jahrhunderts vielfach in mitteleuropäischen Völkerkundemuseen stattgefunden haben. Darin wurden Menschen aus kolonisierten Gebieten als Wilde und Barbaren ausgestellt. Ebenso setze ich mich aber zum Beispiel mit dem Schicksal eines nigerianischen Asylbewerbers auseinander, der 1999 von der Wiener Polizei getötet wurde.

Welche Form haben Sie für dieses Projekt gewählt?

Bailey: Ich lehne mich in der Form an eben diese Menschenausstellungen an. Stellen Sie sich das wie eine Sammlung von Dioramen mit lebenden Menschen vor, zehn Performer namibischer Herkunft, ein Südafrikaner und 16 afrikanische Migranten aus Deutschland und Österreich. Das Projekt findet in Wien quasi in seiner historischen Umgebung, im Völkerkundemuseum der ehemaligen kaiserlichen Hofburg statt. Anfang Juni zeigen wir diese Ausstellung dann noch bei den "Theaterformen" in Braunschweig.

Grootboom: Ich arbeite ganz anders. Meine Projekte entstehen auf einer sehr emotionalen Basis. Mir ist der Text wichtig, da bin ich einfach Schriftsteller, und letztlich hängen meine Projekte von Stoffen ab, über die ich schreiben kann. Ich inszeniere meine Stücke für den konventionellen Guckkasten. Das entspricht auch eher den Erwartungen der Zuschauer, für die ich Theater mache. Einem europäischen Regisseur würde eine Aussage wahrscheinlich so nicht über die Lippen kommen, aber die Theaterverhältnisse in Südafrika sind einfach andere. Wir können von Glück sagen, dass zumindest in meine Produktionen derzeit relativ viel junges, neues Publikum aus den Townships kommt. Die sehen Theater zum ersten Mal. Ich arbeite immer in dem Bewusstsein, dass mein Publikum Film gewöhnt ist. Also versuche ich mich im Rahmen einer bestimmten realistischen Konvention zu halten. Meine Zuschauer kennen zwar das Theater nicht, aber sie kennen Gefühle. Also ziele ich genau darauf ab. Und wenn sie anfangen, im Theater etwas zu fühlen, fängt die Aufführung an, ein Stück von ihnen zu werden.

Geht es dabei allein um den Zuschauererfolg?

Grootboom: Nein, ich verbinde damit auch ein didaktisches Moment. Zum Beispiel möchte ich die Zuschauer dazu animieren, über Gewalt nachzudenken. Wenn ich dann eine sehr lange und gewaltsame Schlägerei auf der Bühne zeige - die Dehnung von Szenen ist eines der Stilmittel, die ich besonders gerne verwende - fragt sich am Ende das Publikum: Warum ist diese Szene so lang? Warum müssen wir uns diese brutale Szene so lange anschauen? Dann hört es plötzlich auf, routinierte Unterhaltung zu sein. Das Publikum nimmt das dann auch nicht mehr als im eigentlichen Sinne realistisch war. Ich lote da Grenzen aus.

Kommen auch Weiße in Ihre Vorstellungen?

Grootboom: Nur bei Premieren haben wir ein gemischtrassiges Publikum. Normalerweise trennt sich das Publikum anhand der Hautfarbe eines Regisseurs. Ich mag das nicht, aber es ist so. Das ist ein Problem über das man nicht spricht. Und wenn man es öffentlich thematisiert, wird man schnell des Rassismus bezichtigt.

Bailey: Paul spricht über die Provinz Gauteng und wie schwer es dort ist, aber es gibt dort immer noch viel mehr Integration als am Kap. Da ist die ganze Gesellschaft so unglaublich polarisiert. Die bizarre, alte Apartheidunterscheidung von weiß, farbig für Mischlinge und schwarz ist hier in den Köpfen der Menschen immer noch traurige Realität. Wir haben in Kapstadt weit überwiegend weiße Theatermacher und dementsprechend ein weißes Theaterpublikum. Zudem gibt es einige wenige farbige Theatermacher und ein kleines farbiges Publikum. Aber es hier gibt praktisch kein schwarzes Theater und folglich auch kein schwarzes Theaterpublikum.

Haben Sie eine Idee, wie Sie alle erreichen können?

Bailey: Ich leite ein Festival im Zentrum von Kapstadt, das "Infecting The City" heißt. Wir tragen das Theater hinaus in die Stadt. Das Festival bestreiten wir eine Woche lang mit ortsspezifischen Installationen internationaler Künstler. Dabei geht es darum, wirklich politisch provokativ und mit der Kunst im öffentlichen Straßenraum präsent zu sein und Diskussionen auszulösen - gerade bei Menschen, die sonst keinen Zugang zum Theater haben. Ein anderer Aspekt ist der Umstand, dass das südafrikanische Publikum absolut übersättigt ist mit Politik und der Diskussion von Apartheidtraumata. Die wollen so was im Theater nicht mehr sehen. Aber wenn du sie mit solchen Fragen auf der Straße konfrontierst, entwickeln sie plötzlich eine größere Offenheit.

Grootboom: Aber diese Vergangenheit ist uns doch jederzeit gewärtig! Man kann nicht in einem Township leben und sich nicht immer wieder mit dieser Vergangenheit beschäftigen. Brett mag aus seiner Sicht ja Recht haben, wenn er von der Integration in Johannesburg und der Segregation in Kapstadt spricht. Aber ich werte das anders. Wir wurden damals unterdrückt, arm und ungebildet gehalten. Wenn man sich dann die heutigen Lebensverhältnisse anschaut, muss man zwangläufig zu dem gleichen Ergebnis kommen: Letztlich werden wir bis heute - zumindest ökonomisch - unterdrückt. Systematisch.

Kann die Fußball-WM da irgendeinen Effekt zeitigen?

Bailey: Ein österreichischer Freund von mir sagte letztens: Die Fußball-WM ist so großartig für Südafrika, weil ihr als Wunder der Welt dastehen werdet nach eurer langen dunklen Geschichte. Darauf kann ich nur antworten: In den letzten 15 Jahren hat sich in unserer Gesellschaft viel zu wenig verändert. Es überwiegen Ärger und Enttäuschung, ökonomische und politische Ungerechtigkeit.

Grootboom: Die WM macht die Reichen noch ein bisschen reicher. Sie verbessert die Infrastruktur rund um die Stadien, und sonst? Die Künstler haben vorher genauso zu kämpfen wie danach.

Interview: Rolf C. Hemke

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