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Stephan Thome Alles über Hartmut Hainbach

Woraus sich das Leben zusammensetzt: Stephan Thomes ausufernder Roman „Fliehkräfte“

Für den Buchpreis nominiert: Stephan Thomes „Fliehkräfte“. Foto: dpa

Das ist ein Buch der alltäglichen, meistens kleineren, oft, aber nicht immer selbst gemachten Missverständnisse und Misshelligkeiten. Eine zutiefst frustrierte Frau hat gar nicht die hochinteressanten Bücher gelesen, die auf ihrem Nachttisch lagen, sondern stattdessen Fernsehserien angeschaut. Als ihr Mann ein paar Jahre später davon erfährt, fühlt er sich ratlos und betrogen. Vor allem beunruhigt ihn, dass sie die Lesezeichen jeden Tag ein Stück nach vorne gerückt hat.

Das sind die Situationen, die den Schriftsteller Stephan Thome interessieren. Dass der Mann einen anderen Mann schlägt, der seine Tochter beschimpft hat. Jetzt befremdet ihn seine „stille Genugtuung“: „Was er wirklich fühlt, ist weder Triumph noch Beschämung, sondern etwas von der Art, das man heute nicht mehr gut sagen kann. Dass er getan hat, was er tun musste.“ Oder dass der Mann, ein liberaler Intellektueller ohne Frage, das Wort „lesbisch“ im Zusammenhang mit seiner Tochter nicht so ohne Weiteres verwenden kann. Vermutlich wird das noch werden.

Hartmut Hainbach, Philosophieprofessor in Bonn, ist mit Ende fünfzig fast zwanzig Jahre älter als sein Autor, der aber schon in seinem Debüt „Grenzgang“ (2009) eindrucksvoll bewiesen hat, dass es ihm nicht schwer fällt, sich in andere Leben hineinzudenken. Damals trat Kerstin Werner auf, die sich als betrogene Ehefrau gescheitert fühlte und an einem Wendepunkt stand wie jetzt auch Hainbach. Die Hochschulreform zerstört sein Arbeitsleben – in der deutschen Literatur ist dieser Vorgang noch gar nicht recht angekommen, es wird zweifellos höchste Zeit –, lange hat er das verdrängt, hat geschimpft und doch mitgemacht. Jetzt überlegt er auszusteigen. Er bekommt auch tatsächlich ein anderes Angebot – hier hat sich Thome allerdings eine kluge, böse, aber lakonisch vorgebrachte Volte für die letzten Seiten aufgehoben. Um in Ruhe zu überlegen, nimmt er sich eine Auszeit, reist nach Süden.

„Fliehkräfte“ ist durchsetzt mit Rückblenden in die Siebziger- bis Neunzigerjahre. Da Hainbach auch in der Jetztzeit unterwegs ist, alte Freunde und schließlich seine Tochter besucht, macht das Buch dem Titel alle Ehre. War „Grenzgang“ durch das Kuriosum eines mehrtägigen Traditionsfestes in Thomes Heimat Biedenkopf noch kompakt (und sehr originell) strukturiert, fliegt das neue Buch schier auseinander in eine Unzahl von Gesprächen und Details. Dass man zum großen Milchkaffee den hausgemachten Schokoladenkuchen bestellt, dass dazu John Coltrane Saxofon spielt, das hat nichts weiter zu bedeuten und doch setzt sich das Leben daraus zusammen.

Ein bürgerlicher Jedermann

Thome überlässt es dem Leser, das Wichtige vom Unwichtigen zu unterscheiden, dieser mag das als zunehmend anstrengend empfinden und gelegentlich als banal, aber es ist zugleich konsequent und deprimierend. „Fliehkräfte“ ist dunkler grundiert, als es Hartmut Hainbach bewusst ist. „Ich bin Professor, das können sie mir nicht mehr nehmen“, erklärt er seiner Frau in jungen Jahren, und überlegt, ob er ihr erzählen soll, dass er über einen Hauskauf nachdenkt. Jetzt zieht der Bologna-Prozess ihm (und den Kollegen) den Boden unter den Füßen weg. Während seine Frau seit Jahren in Berlin arbeitet und die Tochter eigene Wege geht, denkt er darüber nach, das Haus zu verkaufen.

Hainbach, über dessen Beziehungen viel und über dessen Musikvorlieben einiges zu erfahren ist, bleibt bei alledem eine unklare Gestalt. Er ist ganz witzig, er ist ganz bürgerlich (und wäre wohl gerne ein wenig unbürgerlicher), er ist nicht dumm, aber er versteht sich selbst nicht richtig. Einmal „fühlt (er) tatsächlich eine Art von Entschlossenheit, ohne zu wissen wozu. Zur Verstellung wahrscheinlich. Zur Wiederholung einer Erfahrung, die er in seinem Leben oft gemacht hat – dass man sich so lange verstellen kann, bis das Wissen darum verschwindet und die gewünschte Haltung zurückbleibt.“

Hainbach ist ein Jedermann unserer Tage, ein Spiegel, der dem Leser lästig sein kann. Eine Figur, über die nach fast 500 Seiten das letzte Wort nicht gesagt ist. Ein Buch, das weniger übersichtlich ist, als es die ihm bisweilen zugeschriebene Favoritenrolle bei der Wahl zum Deutschen Buchpreis nahelegen könnte.

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