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Stephan Opitz im Interview Die Hälfte der Theater, Museen und Bibliotheken kann weg

Das Buch „Der Kulturinfarkt“ sorgt in Medien und Kultur für große Schlagzeilen. Die Autoren fordern darin die Halbierung der Subventionen für Theater, Museen und Bibliotheken. Mit einem von ihnen, Stephan Opitz, haben wir gesprochen.

17.03.2012 16:25
Foto: Andreas Pavelic

Das Buch „Der Kulturinfarkt“ sorgt in Medien und Kultur für große Schlagzeilen. Die Autoren fordern darin die Halbierung der Subventionen für Theater, Museen und Bibliotheken. Mit einem von ihnen, Stephan Opitz, haben wir gesprochen.

Die Hälfte der subventionierten Theater, Museen und Bibliotheken in Deutschland kann weg. Diese These stellen vier Autoren in dem Buch „Der Kulturinfarkt“ auf, vorab im Spiegel zusammengefasst. Der Krach in Kultur und Medien ist erwartungsgemäß groß und schön. Kulturstaatsminister Bernd Neumann etwa spricht von Kahlschlag und falschen Thesen. Allerdings verlangen die Autoren (siehe Kasten) nicht etwa eine Halbierung der Kulturausgaben, sondern den radikalen Umbau eines erstarrten und gefräßigen Subventionssystems. Mit der anderen Hälfte sollen die überlebenden Institutionen nicht länger ärmlich, sondern angemessen ausgestattet werden, auch würde die Laienkultur, kulturelle Bildung, digitale Distribution und die Kulturindustrie belebt werden. Wer je die dramatischen Kämpfe der Theater und Museen um die knappen Gelder bei sinkenden Haushalten miterlebt hat, wünscht sich genau das: Eine Veränderung des Systems, damit nicht neu Entstehendes außerhalb der Institutionen chancenlos bleibt. Aber wie? Angesichts der Radikalität der Ideen und des seltsamen Kulturbegriffs der Autoren, die mit Avantgarde-Theater und Konzeptkunst offenbar wenig anfangen können, wurden die Vorschläge schon herzhaft und lustvoll auseinandergenommen. Wir wollten von den Autoren wissen, die sich selbstgewiss als Markt-Apologeten geben, wie der Umbau ökonomisch ablaufen soll. Dazu ein Gespräch mit dem Autor Stephan Opitz.

Herr Prof. Opitz, die Kulturwelt wird Sie als Kulturhalbierer in Erinnerung behalten, nicht als Umverteiler zur Rettung der deutschen Kunst. Überrascht Sie das?

Natürlich, denn wir sind keine Kulturhalbierer und werden auch so nicht im Gedächtnis bleiben. Weder in dem Spiegel-Artikel noch im Buch behaupten wir an irgendeiner Stelle, die Kulturausgaben sollten halbiert werden – im Gegenteil, wir würden gern dazu beitragen, mit den knapp 10 Milliarden Besseres zu erreichen.

„Die Hälfte?“ fragt schon die Überschrift.

Wir sagen deutlich, dass wir gar nicht wissen können, wie viel genau gebraucht wird. Nur, dass der Staat die gewaltig gewachsene Institutionalität nicht mehr angemessen finanzieren kann. Alle Bundesländer sind von denselben Finanzproblemen geplagt. Es gibt übelste Ausfallerscheinungen: Eine Bibliothek ohne Ankaufsetat hat den Namen nicht verdient. Ein Museum mit eingeschränkten Öffnungszeiten, Theater im Würgegriff tariflicher Personalkosten, die nur noch en suite spielen können, sind nicht zukunftsfähig. Wir wollen, dass die wichtigsten Institutionen so ausgestattet werden, dass sie glänzen.

Der Bühnenverein rechnet mit 19.000 Entlassungen und 10 Millionen Zuschauern weniger, wenn Ihr Vorschlag greifen würde. Kulturrat, Orchestervereinigung, Bibliotheksverband protestieren – sind das aus Ihrer Sicht Infarkt-Beschleuniger?

Nun, das sind Kulturverbände. Eine Diskussion über einen Umbau der Energiewirtschaft führt man auch nicht nur mit Vertretern der Atomlobby. Es gibt ja nicht nur Kritik. Der SPD-Kultursprecher Siegmund Ehrmann, der Chef der Leipziger Buchmesse Oliver Zille, bescheinigen uns, die richtigen Fragen zu stellen. Die Aufgeregtheit ist da, weil wir kulturpolitische Debatten nicht gewohnt sind, weil es immer nur ein Dafür oder Dagegen gibt.

Sie werfen der Kulturpolitik vor, nicht die Ziele öffentlicher Kulturförderung festzulegen. Wie soll man die festlegen?

Nehmen wir als Beispiel die Bibliotheken. In Skandinavien etwa wird der Bedarf genau berechnet – Fläche, Bevölkerung, Medien, das ist eine hochkomplexe Gemengelage. Sie schließt Fragen der Bildungs- und Kulturpolitik ein, die Raumplanung, den demografischen Faktor, den medialen Wandel. Erst dann erfolgt die Finanzplanung. Hier aber geht es stets um den Kulturstaat als Ganzes, nicht um konkrete Planung.

Aber wir reden doch über den Bestand – 6?300 Museen, 140 Staatsbühnen, 8?200 Bibliotheken, deren Halbierung Sie nicht für ein Drama halten. Sie erwarten, dass das Angebot von Nachfrage untermauert ist. Sollen sich Theater am Markt orientieren? Mehr Komödie, weniger Avantgarde?

Ist irgendetwas gegen prall besuchte Theater zu sagen? Was wäre so schlimm, wenn die sehr gleichförmigen Spielpläne durchlüftet würden? Wenn das Tarifgestrüpp mit seiner Bevorzugung von Bühnenarbeitern gegenüber Schauspielern verändert würde?

Warum ist die Ausstattung der Institutionen aus Ihrer Sicht undemokratisch? Wer entscheidet in Ihrem Modell, welches Theater bleibt und welches schließt? Die Theaterverweigerer, die Theatergänger oder doch die Politik?

Natürlich die Politik. Nur darf sich Kulturpolitik nicht in Bekenntnis- oder Ablehnungsrhetorik erschöpfen, sondern muss sich mit ordnungspolitischen Kriterien beschäftigen. Aber subventionierte Kultur ist dem Markt entzogen.

Wenn jedes zweite Theater schließt, was haben Sie für Vorschläge für 19.000 arbeitslose Theaterleute?

Arbeitsplatzverlust ist ein Totschlagargument – bei welchen gesellschaftlichen Prozessen passiert das nicht? Die gesamten öffentlichen Apparate in der Bundesrepublik durchlaufen einen gewaltigen Personalabbau, legislativ festgeschrieben. Diese Prozesse haben mit Wandel zu tun. Nur in der Kultur soll er nicht stattfinden dürfen.

Die Zahl der Orchester sank um ein Fünftel, Berlin hat seine drei größten subventionierten Theater geschlossen. Brandenburg hat seine Kulturlandschaft zu einer Touristenlandschaft umgebaut und dabei die die Oper fast flächendeckend abgeschafft. Es stimmt nicht, dass alles starr und veränderungsresistent ist.

Es gibt jede Menge Kulturinstitutionen, die viel zu wenig zum Leben, aber immer noch zu viel zum Sterben haben, wo es unverantwortlich ist, dass sich Politik nicht engagiert und erklärt, was sie will. Nirgendwo steht geschrieben, dass eine kulturelle Institution Ewigkeitswert hat. Wo es keine Bürger mehr gibt, schließen auch Schulen und Kirchen. Aber wir treten nicht an, um komplette Rezepte zu geben, das können wir nicht.

Sie halten Kultureinrichtungen für innovationsfeindlich: Die könnten sich ohne Existenzrisiko im Schoß der Kommune wärmen. Aber wer sein Theater nicht voll bekommt, muss die Schließung fürchten. Die Häuser organisieren ihr Dasein längst mit Gastspielen, Drittmitteln, Kooperationen.

Das mag sein, hat aber nichts zu tun mit weitsichtiger Kulturpolitik. Wenn es so weitergeht in Deutschland mit der Bildungs- und Kulturpolitik, werden die Besucherzahlen in den Konzert- und Theatersälen dramatisch zurückgehen, weil ja neben der Kultur- auch die Bildungspolitik versagt. Ein klassisches Beispiel ist das Musikschulsystem. Es hat die bildungsfernen Schichten nie wirklich erreicht. Natürlich könnte man die Musikschulen in die Schulen integrieren, da, wo alle Kinder ohne Rücksicht auf ihre Herkunft Nutznießer wären. Aber nein, wir subventionieren lieber die Kinder des Bürgertums und brüsten uns mit millionenteuren Aktionen wie „Jedem Kind ein Instrument“. Wenn aber 80 Prozent des Musikunterrichts in den Schulen ausfallen, ist so eine Aktion lächerlich.

Die Radikalität Ihrer Vorschläge wirkt insgesamt unpraktikabel. Eine Einheitskrankenkasse würde auch die Hälfte der Ausgaben sparen und eine bessere Versorgung ermöglichen. Einfache Lösungen gibt es aber nicht für so komplexe Systeme.

Wir behaupten nicht, praktikable Rezepte zu haben. Wir regen an, wollen eine Debatte, weg vom Staat, hin zum selbstbewussten Bürger.

Sie wollen nur appellieren?

Ja, es ist fünf vor zwölf.

Es gibt in Berlin drei Opern, und ich habe immer noch nicht verstanden, wie Sie herausfinden wollen, ob das zu viele sind.

Vielleicht sind es nicht zu viele? Mich stört an der Debatte, dass immer mit einem unscharf formulierten Ewigkeitswert der drei Opern Berlin argumentiert wird.

Jede Schließung ist ein endgültiger Schnitt, ein unwiederbringlicher Eingriff in gewachsene Strukturen.

Sie argumentieren moralisch, kommen mit dem Wegfall von Arbeitsplätzen, wo es um kulturelle Ziele und den Einsatz von Steuergeld geht. Es gibt viele Prozesse, wo Arbeitsplätze wegfallen und woanders neu entstehen. Wir wollen eine Debatte, wie die Kulturinstitutionen zukunftsfähig werden. Die Anregung hat – sagen wir mal – geklappt.

Das Gespräch führte Birgit Walter.

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