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Städtebau Unsere dritte Haut

Ob Postmoderne oder Minimalismus: Die Architektur der Gegenwart hängt ab von einer ortsunabhängigen, prestigeträchtigen Mode - darunter leiden lokale Bautradition und die Menschen, die mit ihr leben.

22.04.2009 00:04
WOLFGANG PEHNT
Ein Beispiel von gelungener Anspielung auf Tradition: Das von Jean Nouvel in den achtziger Jahren entworfene Institut du Monde Arabe in Paris. Foto: Getty Images

Manches hat die Städte aufregender gemacht, aber weniges davon hat sie wohnlicher werden lassen. Oft scheint es, als seien diese Stilgebärden nichts als Oberflächenphänomene. Der große Strom der Entwicklung zieht unbeeindruckt weiter. Die Schwimmer im Strom machen ihre Schwimmbewegungen, so gut sie können, aber sie können nur mit der Strömung schwimmen, nicht gegen sie und nicht einmal seitlich ans feste Ufer.

Ob Postmoderne oder Minimalismus, es herrschen nach wie vor: unvernünftiger Flächenverschleiß, erhöhtes Anspruchsdenken (mehr als 40 qm Wohnfläche pro bundesdeutscher Person, 1950 waren es noch 15 qm! ), zunehmender Verlust des öffentlichen Raums, Perforierung der Randzonen, vermehrter Bedarf an individuellem Verkehr sprich Auto, den auch die vorübergehende Reduzierung der Pendlerpauschale nicht stoppen konnte. Für ihn produzierten die repräsentativen Marken, zumindest bis zum großen Crash, zwölfzylindrige Superfahrzeuge mit "überragendem Drehmoment" (wie die Werbung verspricht) und schamlosem Spritverbrauch. Wenn heute Museen eingeweiht werden, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass sie Autos enthalten.

Ein Umsatz an Formenmaterial mit "überragendem Drehmoment" erschwert auch die Sprachfähigkeit selbst, die Lesbarkeit der Architekturformen. Was steht wofür, wenn alles überdreht? Was besagt das Label Gehry oder Zaha Hadid - außer dass der Bauherr die Ranking Charts der Architekturprominenz kennt? Geht es nur noch um die Abwechslung an sich, um das jeweils aufregend Andere, so lange es dank seines Neuigkeitswerts noch unsere Aufmerksamkeit fesselt? Wie viel an Prestigegewinn bringen den Kommunen die Icon Buildings tatsächlich ein, wenn inzwischen auch Herford und Bad Oeynhausen sich eines Gehry rühmen können?

Und schon bald stehen wir da mit den Sensationsbauten, die wir gar nicht mehr so hinreißend finden, wenn die Premierengäste abgezogen sind und die Architekturkritik sie nicht mehr feiert, weil sie längst das nächste Architekturereignis zelebriert. Die wir aber weiterbewirtschaften müssen. Die zweite Haut kann man leicht wieder ablegen, die erste gar nicht und die dritte nur schwer. Manche Aufgaben erfüllen Haut, Kleidung und Architektur jeweils auf ihre Weise parallel zueinander, wenn auch in unterschiedlichem Abstand zu ihren Schutzbefohlenen, darunter die wichtigsten: Schutz und Ausdruck derer zu sein, die in ihnen stecken. Aber die Bedingungen, unter denen sie es tun, und die Mittel, mit denen sie es tun, sind ganz unterschiedlich.

Einer der besonnenen Autoren der Branche, Hamburgs langjähriger Oberbaudirektor Fritz Schumacher, war in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts nicht nur ein gerühmter Urbanist und Architekt, sondern auch ein beängstigend fruchtbarer und belesener Architektur- und Kulturschriftsteller. Auch er diskutierte unser Thema. Er spricht von "Kernform" einerseits und "Kunstform" andererseits. Die Begriffe sind von Gottfried Semper übernommen, der bekanntlich die Kunst der Mattenflechter und Teppichwirker, die Architektur der Zelte, Yurten und Bambushütten, für die Urkunst gehalten hat und also auch für die Urform des Bauens: "Immer bleibt gewiss, dass die Anfänge des Bauens mit den Anfängen der Textrin zusammenfallen". "Textrin" war ein Sempersches Wort für textile Kunst. Vielleicht hat ihn die Etymologie der deutschen und germanischen Sprachen zu dieser Annahme verführt. In der Tat gehen Wörter wie "winden", "Gewand" und "Wand", also textile und architektonische Begriffe, auf dieselbe Sprachwurzel zurück.

Schumacher fragt: Darf die Kunstform die Kernform - und unter "Kernform" mag auch gemeint sein: ihr Gebrauch, ihr Sinn, auch ihre materielle Substanz - belebend umhüllen? Da zögert Schumacher. Nein, wenn es um eine beliebige, dekorative Liebhaberei geht; vielleicht waren ihm die backsteinernen Fassadenstickereien seiner Hamburger Architektenkollegen denn doch zuviel. Ja, wenn die architektonische Kunstform dem Bedürfnis nach einem symbolisierenden Kleid für die Kernform entspringt. Das, meine ich, ist ein Punkt, in dem man auch heute Schumacher zustimmen kann - und Semper in der Interpretation durch Schumacher.

Ich verkenne nicht, dass es ungleich schwerer geworden ist, das Symbolische am symbolisierenden Kleid zu gestalten. Einmal, ganz praktisch, weil heute fast alle größeren Bauten "Kleiderarchitektur" sind. Gleichgültig, ob ihre Stahl- oder Stahlbetonskelette außen Glas oder Stein aufweisen, es handelt sich um das, was Semper die Bekleidung des "structiven Gerüsts" genannt hat. Der Name für die vorgehängten Fassaden drückt den Bezug aufs Textile ja schon aus: Curtain Wall, Vorhangfassade. Bei dem Japaner Shigeru Ban ist er sogar zur Parodie geworden. Sein Curtain Wall House ist mit einem realen Vorhang bekleidet (hat allerdings dahinter dann doch schließende Glasflächen); möge den Bewohnern ein Hurricane erspart bleiben! Der Spielraum für den Architekten ist also größer geworden, was die Abhängigkeit oder Unabhängigkeit von der Konstruktion betrifft. Tragen und Getragenwerden, der Abtrag der Lasten, die Gesetze der Schwerkraft, die Art und Weise, wie die Kräfte aufgenommen und abgeleitet werden, waren einmal ein großer Vorwurf der Architektur. In der älteren Theorie, bei Schopenhauer oder Viollet-le-Duc oder John Ruskin, galt der Ausdruck der Konstruktion als das "einzige und beständige Thema" des Bauens. Wer würde das heute noch behaupten? Die digitalisierten Methoden der Bearbeitung erlauben Freiheiten, die zuvor undenkbar waren. Was einst auf dem Papier bleiben musste, weil es nicht realisiert werden konnte, schaffen computergesteuerte Metall- oder Steinfräsen allemal. Semper hat beklagt, dass man heutzutage - also schon in seiner Zeit, im späteren 19. Jahrhundert - Granit wie Käse schneiden könne. Was hätte er erst zu Software-Programmen gesagt, mit denen man im Architekturbüro in Los Angeles Befehle eingibt, die im Duisburger Betonwerk die Gussformen für Betonteile steuern, jedes einzelne in anderem Format?

Baumaterialien wurden einst tunlichst in der Nachbarschaft der Baustelle gewonnen, um Transportkosten zu sparen. Lokale und regionale Identität kamen aus dem Steinbruch, der Tongrube oder dem nächsten Wald. Heute können die Kleiderstoffe der Architektur - wie in der Textilindustrie - von weither importiert werden, weil Arbeitslöhne auf anderen Kontinenten billiger sind als im alten Europa und Transportkosten im Vergleich zu den Arbeitskosten keine Rolle spielen. Das Natursteinfurnier für eine Fassade bezieht man oft günstiger aus einem Billiglohnland als aus dem heimischen, wahrscheinlich ohnehin inzwischen geschlossenen Steinbruch. So erhält das Opernhaus im Ruhrgebiet sein Granitgewand aus Sardinien und das Museumsgebäude bei Basel seinen roten Sandstein nicht aus dem nahen Elsass, sondern aus Patagonien.

Was symbolisiert das architektonische Gewand dann noch? Identität ergibt sich nicht mehr aus kulturellen Traditionen und Bedingungen des örtlich verfügbaren Materials. Keine lokale oder regionale Besonderheiten mehr, keine materielle Verbundenheit von Bau und Landschaft, aus der das Gebäude erwächst, nur die Verfügbarkeit von allem und jedem, den Globalismus von Angebot und Nachfrage. Das Hüllmaterial in Tönung, Struktur, Maserung und Reflexionsgrad kann nach freier Willkür angelegt werden. Roboter stellen Ziegelfassaden in Flechtstrukturen her. Modeln werden in die Schalformen des Betons eingelegt. Glas wird mit Mustern bedruckt wie ein Kleiderstoff. Gebäudefronten werden in Farbsequenzen geschaltet, als Projektionsscreens benutzt oder als Medienfassaden bespielt.

Das Ornament ist aus der Verbannung zurückgekehrt, außen an den Bauwerken, innen als Tapeten, flächendeckend und weitgehend bedeutungsfrei - im Gegensatz zum historischen Ornament in den islamischen, altgriechischen oder altmexikanischen Kulturen. Jean Nouvels Institut du Monde Arabe, ein frühes Beispiel aus den 1980er Jahren, bezog sich mit seinen je nach Sonneneinfall veränderlichen Edelstahlblenden noch auf die Aufgaben des Instituts und spielte auf die arabischen Holzblenden an, die mahrabiyyahs. Das meiste, was Computerprogramm heute an digitalem Fassadenbarock generieren, ob in Lelystadt oder Cottbus, bietet glamouröse Effekte, aber kontextfrei und ohne spezifischen Sinn.

Denn die größere Schwierigkeit besteht darin, in dieser mobilen, multikulturellen Gesellschaft überhaupt eine Symbolik zu entwickeln, die lesbar für andere ist und damit auch ein Identifikationsangebot, das man annehmen oder ablehnen kann und dem man eigene Identifikationsmodelle entgegensetzen könnte. Hat am Ende Adolf Loos doch recht, als er unser übliches Urteil über Mode und Architektur umkehrte und behauptete, im Vergleich von Schneiderei und Bauen käme die Schneiderei besser davon? Die feinen symbolisierenden Unterschiede funktionieren offenbar leichter zwischen Prada und Versace, Adidas und Puma, Mercedes und BMW als zwischen den architektonischen Starprodukten der Metropolenwelt.

Was wäre also zu tun, wenn Architektur ihre Mitteilungsfähigkeit bewahren oder wiedererlangen sollte? Das Tempo der Veränderungszyklen drosseln. Identität kann sich nicht bilden, wo es alle paar Jahre zu einem Relaunch des Erscheinungsbildes kommt; das gilt für Städte, für Unternehmen wie für einzelne Bauherren. Sich fragen, wo die großen Auftritte lohnen und wo nicht. Strategien der Angemessenheit finden. Qualität ist keine Frage von Auffälligkeit. Nicht das Neue als solches unbesehen propagieren. Ausdruck ist Ausdruck von etwas und kein Zweck an sich. Manchmal meine ich, es müsste so etwas geben wie eine "Ökonomie der Aufmerksamkeit", eine Art Management der Bilder, eine freiwillige Selbstkontrolle des Architekturgeschäfts.

Natürlich wird es das nicht geben. Wo wäre auch die Instanz, die über die Zulässigkeit oder Unzulässigkeit der Bilderproduktion urteilte? Aber darüber öffentlich zu verhandeln und zu streiten, das müsste Sache des Architekturdiskurses sein. Es könnte auch Thema jener gegenwärtig viel beschworenen Bemühung sein, die da "Baukultur" heißt. Denn Kommunikation, Mitteilung und Ermöglichung von Mitteilung sind unverzichtbare Aufgaben des Bauens. Sie sind es nach wie vor und erst recht bei der disparaten Vielzahl der Sprachen und Dialekte einer Gesellschaft, die fragmentiert und pauschalisiert zugleich ist.

Sprachlos kann gebaute Umwelt werden, wenn sie stumm und verbissen der eiligsten Gewinnmaximierung folgt. Oder wenn sie vor lauter Aufgeregtheiten nichts als weißes Rauschen erzeugt und die einzelne Äußerung nicht mehr als solche identifizierbar wird. Wenn nur das Uniformwesen oder nur die Haute Couture herrschen. Aber wenn Umwelt sprachlos wird, werden wir, die sie bewohnen, es auch. Die Identität einer Person, von Gruppen von Personen, von Gesellschaften hängt auch damit zusammen, dass sie sich in ihrer Welt erkennen können, dass sie sich in ihrer dritten Haut so wohl fühlen wie in ihrer ersten und zweiten.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Architektur
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