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Stadtplanung Man wirft es fort, man ersetzt es

Architektur und Städtebau sind hektisch auf viel zu kurze Zyklen berechnet. Doch gefragt ist weniger Renovierung als vielmehr Recycling.

15.12.2015 16:49
Robert Kaltenbrunner
Das Milieu neigt zu erheblichen Selbstüberhöhungen: Auch deshalb ist der Hochhausstandort Frankfurt eine permanente Baustelle. Foto: © epd-bild / Markus Keller

Die Architektur wird gern als Mutter aller Künste deklariert. Am häufigsten von Vertretern des entsprechenden Berufstands. Wie sicher und abwägend deren Urteil mitunter ausfällt, lässt sich an einer Anekdote über Frank Lloyd Wright, einen der Bahnbrecher der modernen Baukunst, illustrieren. Bei einem Gerichtsprozess wurde Wright als Zeuge einvernommen. Der Vorsitzende richtete an ihn die obligatorischen Fragen: „Ihr Name?“ Unwillig knurrt der Befragte: „Frank Lloyd Wright.“

„Ihr Beruf?“ Da straffte sich der Zeuge, strich lässig eine weiße Haarlocke aus der Stirn und schlug mit seinem eleganten Spazierstock den Takt zu seinen Worten: „Ich bin der größte lebende Architekt der Welt!“ Kopfschüttelnd fragte ihn nachher einer seiner Freunde: „Wie konntest du das nur sagen?“ „Ich musste“, erwiderte Wright, „ich stand doch unter Eid.“

Die Selbstüberhöhungen des Metiers sind Daniel Fuhrhop ebenso ein Graus wie die gesellschaftspolitischen Mechanismen der Architekturproduktion. Deshalb hat er nun eine veritable Streitschrift vorgelegt mit dem programmatischen Imperativ: „Verbietet das Bauen!“ Fuhrhop, der seit Jahren einen gleichnamigen Blog betreibt, setzt sich für eine bedingungslose Trendwende ein. Das ist nicht ohne Ironie, war er doch früher Architekturbuchverleger, warb damit gleichsam für Neubauten. Die aber hält er heute für gar nicht mehr zeitgemäß: Sie seien teuer, schaden der Umwelt und seien Gift für gewachsene, lebendige Viertel.

Und dann fehlt das Geld für Sanierungen

Zersiedelte Landschaften, wachsende Verkehrsströme, verödete Innenstädte seien die Folge von immer neuen Shoppingcentern und Siedlungen auf der grünen Wiese. Teure Neubauten in der Stadt trieben die Mieten in die Höhe, während gleichzeitig das Geld für die Sanierung bestehender Gebäude fehle.

Man muss nicht alle Einschätzungen und Forderungen des Autors teilen. Aber man sollte die Gelegenheit nutzen, um künftig vor jeder Planung die Aufgabenstellung selbst nochmals zu hinterfragen. Selbstverständlich ist das überhaupt nicht. Denn unsere Gesellschaft neigt dazu, Fragen des baulichen Bedarfs auf eine bestimmte architektonische Antwort zu verkürzen. Demgegenüber braucht es den – nicht zuletzt mentalen – Umstieg auf Systeme, die ganz anders aussehen als bisher, aber die gleiche, womöglich sogar eine bessere Leistung liefern.

Um es an einem Beispiel zu illustrieren: 1996 hatte sich die Stadt Bordeaux die Aufwertung und Neugestaltung einer Reihe von Plätzen vorgenommen. Das war auch das erste Projekt der mittlerweile bekannt gewordenen Architekten Anne Lacaton und Jean-Philippe Vassal. Sie wurden gefragt nach Ideen zur Verschönerung des Place Léon Aucoc, einem Platz im Arbeiterbezirk der Stadt.

Die Architekten verbrachten zunächst einmal viel Zeit dort. Und während sie sich in die Situation selbst hineinbegaben, bemerkten sie, dass der Platz baulich bereits alles hatte, was man brauchte. Physische Veränderungen erschienen ihnen deshalb nicht angebracht. Stattdessen veranlassten sie ein Regelwerk simpler Instandhaltungsarbeiten, die vernachlässigt worden waren, gerade weil der Platz vorher baulich nicht als „schön“ interpretiert wurde.

Mehr Lebensqualität statt mehr Quadratmeter

So drehten sie die Situation um: In ihrem Verweis auf die performative Umgangsweise mit dem Platz verbesserten sie dessen Nutzbarkeit, dasjenige, was mit dem Platz gemacht wird, wie er gebraucht wird. Der Mehrwert bemisst sich nicht in Quadratmetern, sondern in den hinzugefügten Gelegenheiten an Lebensbewegung und -qualität. Auch sind Reparaturen vermutlich wichtiger als große Visionen. Was zählt, ist die Erhaltung, Stabilisierung und Weiterentwicklung der vorhandenen sozialen und funktionalen Strukturen der Stadt.

Eine ehemalige Tuchfabrik kann zur Kunsthochschule werden, ein Teil eines Schießstands zur Jugendmusikschule, ein barockes Palais zum Hotel oder ein Lagerschuppen zum Theaterhaus. Doch allen prominenten Beispielen (Tate Modern in London, Toni-Areal in Zürich, Bikini-Haus in Berlin) zum Trotz gilt der Bestand immer noch als Stiefkind. Die Logik des „on jette, en remplace“ (man wirft es fort, man ersetzt es) wirkt ungebremst fort, wenngleich es heute selten offen gesagt wird.

Aus der Warte fortlaufender technologischer Innovation heraus werden Chancen eines prognostizierten Systemwechsels im Bauwesen überschätzt. Und zugleich werden Qualitäten und Anpassungsmöglichkeiten der bestehenden Architektur unterbewertet.

Ähnlich verhält es sich im urbanistischen Zusammenhang. Wenn ein Gebiet nicht mehr im herkömmlichen Sinn als Stadtquartier funktioniert, neigen wir dazu, es abzureißen und etwas anderes zu schaffen, das wir kennen: den Park, das Gewerbegebiet, die Wohnsiedlung oder das Einkaufszentrum. Öfter als man denkt, haben wir es mit Stadtteilen zu tun, die gar keinen der vermeintlich neuen Pläne vertragen. Sie benötigen lediglich ein paar Regeln. Oder Grundsätze, die einen Modus des Handelns in räumlicher Ungewissheit beschreiben, ohne bereits irgendein Endziel zu formulieren.

So betrachtet hat Architektur eine ähnliche Funktion wie eine Apotheke: einzelne Gebäude, damit vielleicht auch ganze Viertel zu heilen, indem man sie zu neuem Leben erweckt, vielleicht etwas ganz anderes aus ihnen macht, etwas, was besser zur Gegenwart passt als der Sinn und Zweck, für den sie ursprünglich einmal gedacht waren.

Selbst bei der berühmt-berüchtigten Plattenbausiedlung ist es denkbar, dass sie alsbald ein großes Revival erfährt. Das Coworking, die Share Economy: Genau für solche Lebensentwürfe ist die Platte möglicherweise ideal.

Keiner will von den Nebenwirkungen wissen

Die Wechselwirkung zwischen der Lebenserwartung und der Produktionsweise von Architektur wäre neu zu beleuchten. Zudem muss etwas getan werden gegen das Auseinanderfallen von einzelwirtschaftlichen und gesamtgesellschaftlichen Nutzen-Kosten-Relationen.

Für den Einzelnen mag es ökonomisch ja durchaus sinnvoll sein, sich tief im Umland einer Stadt anzusiedeln. Der geringere Baulandpreis kompensiert etwaige Kosten fürs Pendeln, und für die schulische wie anderweitige Infrastruktur sorgt das Gemeinwesen.

Die Kommunen ihrerseits weisen Bauflächen aus und fördern die Wohneigentumsbildung, weil sie sich davon positive, eben auch finanzielle Effekte versprechen (Wohnortprinzip der Lohn- und Einkommensteuererhebung, Gewerbesteuereinnahmen). Von den unerwünschten Nebenwirkungen aber will niemand etwas hören.

Der Vorrang des Neuen gegenüber dem Alten ist obsolet. Nötig scheint eine Transformation, die gleichermaßen der Erhaltung des Gebauten dient wie der Befriedigung neuer Bedürfnisse, die sich über den Lebenszyklus eines Gebäudes verändern. Gefragt ist weniger Renovierung als vielmehr Recycling von Bestandsgebäuden mit neuer Nutzung. Die entscheidende Frage lautet: Was lässt sich daraus machen? Und die muss man als kreative Herausforderung für die Architektur begreifen.

Allerdings gilt dabei der Satz von Adolf Loos: „Jede Veränderung, die keine Verbesserung ist, ist eine Verschlechterung.“

Daniel Fuhrhop: Verbietet das Bauen! Eine Streitschrift. Oekom Verlag, München 2015. 192 S., 17, 95 Euro.

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