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Stadterkundungsparcours "X Wohnungen" wird zum Exportschlager

Veränderte Wirklichkeit: Den winzigen Perspektivwechsel mit enormer Wirkung hat der Komponist und Regisseur Heiner Goebbels für den Stadterkundungsparcours "X Wohnungen" inszeniert.

11.06.2008 00:06
EVA BEHRENDT
WIRECENTER
Nun machten die "X-Wohnungen" in Neukölln halt. Foto: D. Funke

Zwei Balkone im 17. Stock des Gropiushauses. Auf dem ersten wird der Besucher gebeten, auf ein kleines Podest zu steigen und von erhöhter Warte durch das rechteckig in die gewölbte Betonwand geschnittene Fenster auf die Stadt zu blicken: Vorne die ursprünglich vom Bauhaus-Architekten Walter Gropius entworfene Siedlung, am Horizont die hitzeflirrenden Wahrzeichen der Hauptstadt. Auf dem zweiten Balkon ein flacher Stuhl, von dem aus nichts als Himmel zu sehen ist: Sommerwolken, ziehende Flugzeuge, quer schießende Schwalben. Dazu eine bedrohlich dräuende Soundcollage.

Den winzigen Perspektivwechsel mit enormer Wirkung hat der Komponist und Regisseur Heiner Goebbels für den Stadterkundungsparcours "X Wohnungen" inszeniert. Auf beiden Balkonen überrascht die Plastizität, die ein (Fenster-)Rahmen dem Angeschauten verleiht, aber auch, was das Betrachtete im Betrachter auslöst: Beim reduzierten Himmelsblick lehnt man sich locker zurück und beobachtet, was sich da oben alles tut. Das wirre und starre Stadtpanorama dagegen ist keine fünf Minuten lang auszuhalten, man steigt vom Podest und studiert Graffitis an der Wand: "Ich liebe Polen", steht da, und: "fuck the rest".

Zack, da ist sie wieder - die Lebensrealität eines sogenannten Problembezirks mit hohem Migrantenanteil und begrenzten Hoffnungen. Mit dieser Wirklichkeit künstlerisch ins Spiel zu kommen, war die Idee des Intendanten Matthias Lilienthal, als er 2002 beim Festival "Theater der Welt" erstmals mit "X Wohnungen" in Duisburger Arbeiterbezirke ausschwärmte. Zu zweit machte sich dort das Publikum auf den Weg durch leer stehende und bewohnte Privatwohnungen, die verschiedene Künstler mit oder ohne Hilfe ihrer Bewohner in temporäre Bühnen und Installationen verwandelt hatten.

Das Projekt, das sich selbst zum Kunstwerk fügt, ist längst Exportschlager geworden: Gerade erst gastierte das "Hebbel am Ufer" mit "X Apartments" bei der Istanbuler Theaterbiennale im Elendsviertel Tarlabasi, wo die Überlebenskunst der bitterarmen und kinderreichen Bevölkerung selbst den türkischen Zuschauern weit mehr den Atem verschlug als die Minidramen der Künstler.

Teppichwäsche und Schafschlachtungen auf offener Straße waren spektakulärer als jedes Theater, und doch nur den ländlichen Bräuchen der eingewanderten Roma und Kurden geschuldet. Auch das ist kalkulierter Teil des Konzepts: Beim Gang durch "X Wohnungen" gerät die Grenze zwischen Kunst und Wirklichkeit heftig ins Wanken.

Verglichen mit Tarlabasi sind Neukölln und Gropiusstadt Wohlstandsenklaven, durch die man sich ohne elendstouristische Schamgefühle bewegen kann. Doch auch noch der dritten Berliner Ausgabe von "X Wohnungen" gelang es, die Besucher in fremde Welten gleich neben der eigenen zu locken: Die Wohnzimmer-Performance "Gropiopolis" führte die Zuschauer am Modellspielbrett in die Geschichte des Viertels mit seinen Einwanderungswellen, Drogenproblemen und städtebaulichen Desillusionierungen ein.

Später trank man Tee mit stumm handarbeitenden Kurdinnen, zu denen sich das dreiköpfige Art Critics Orchestra mit Gitarre, Keyboard und leistungsgesellschaftskritischen Songs gesellte, und besuchte die mit U.S.-Flaggen und Army-Devotionalien vollgestopfte Bude einer achtköpfigen Familie, in der Regisseurin Gesine Danckwart fast nichts mehr zu inszenieren brauchte.

Nur mit Hilfe von Licht und Tonaufnahmen lotste die Tänzerin Simone Aughterlony die Besucher durch den Gerümpelkeller eines Bungalows und so auch durchs Leben seines Besitzers. Die Künstlerin Angela Bulloch hatte den "Gesellschaftsraum" auf dem Dach eines Hochhauses leergeräumt und die Fensterfront in Sichthöhe mit Vaseline bestrichen, Komponist Michael Iber steuerte eine Soundcollage bei. Hier rückte die Wirklichkeit schon in weite Ferne - oder zumindest deutlich in den Hintergrund. Genau wie dort, wo die Theatersau so richtig rausgelassen wurde: Christian von Borries' böser Russe, der die Gäste nur gegen Geld wieder freilassen wollte, war noch nicht mal lustiges Klischee.

Ein Paar aus Gropiusstadt, das sich so auf den Weg durch den eigenen Kiez gemacht hatte, war beglückt, ihn mit neuen Augen zu sehen. Auch wenn sich das wechselvolle Spiel zwischen Vorgefundenem und Hinzugefügtem selten so schön verdichtete wie bei Heiner Goebbels: Das, wovon seine Balkoninstallation so schlagend wie einfach erzählt, geschieht trotzdem einen ganzen Spaziergang lang. Kleine Standortwechsel verändern die Wirklichkeitserfahrung.

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