Lade Inhalte...

Staatstheater Kassel Hodenschutz und Glasgow Smile

Sonja Trebes überzeugt am Staatstheater Kassel mit einer düster bizarren „Rigoletto“-Inszenierung. Kinokenner dürfen sich über einige Anspielungen freuen.

06.07.2014 19:06
Von Georg Pepl
Kinokenner dürfen sich über einige Anspielungen freuen: Rigoletto (hier: Marian Pop).

Eine grausige lachende Maske ist das Gesicht des Titelhelden in der Kasseler Inszenierung von Verdis Oper „Rigoletto“. Narben verunstalten den Hofnarren, als wären ihm die Mundwinkel eingeschnitten worden. Mit seinem Glasgow Smile ist er zum Lachen verdammt wie der Joker in der „Batman“-Verfilmung. Oder wie der Held in Victor Hugos Roman „Die lachende Maske“ – von Hugo stammt auch die Vorlage der Verdi-Oper, das Theaterstück „Der König amüsiert sich“.

Ebenso assoziationsreich wie intelligent bebildern Sonja Trebes (Inszenierung) und Sabine Böing (Kostüme) die für Hugo und Verdi so bezeichnende Verbindung von Groteskem und Erhabenem. Kinokenner dürfen sich über einige Anspielungen freuen.

So ähneln die zynischen Höflinge mit Hodenschutz und sternförmig umschminkten Augen den Schlägern aus Stanley Kubricks „A Clockwork Orange“, während man bei dem Auftragsmörder Sparafucile an die Guy-Fawkes-Aufmachung aus „V wie Vendetta“ denken kann. Komplett wird die bizarr düstere Ästhetik durch die Bühne von Etienne Pluss und das Licht von Brigitta Hüttmann. Der Schauplatz: ein anatomisches Theater, ein historischer Hörsaal für anatomische Vorlesungen.

Spukhaftes Element

Bedrohung geht von den Männern aus, etwa wenn die weiblichen Opfer des Herzogs in einem Käfig nach oben gefahren werden. Einmal spielen die Höflinge Gildas Entführung mit Handpuppen nach, und Krokodile belustigen das Publikum. Ein spukhaftes Element bekommt die Inszenierung durch Doubles von Sparafucile und Gilda. Ist das Geschehen nur eine Wahnvorstellung Rigolettos? Zuletzt bleibt es in der Schwebe, ob Gilda stirbt oder ob sie ihren erdrückenden Vater einfach verlässt.

Ähnlich vielschichtig geht es im Graben zu, wo Yoel Gamzou das Staatsorchester Kassel zu einer kontrastreich plastischen Verdi-Realisation animiert. Der mit geradezu brennendem Einsatz dirigierende 1. Kapellmeister, der in Kassel für Furore sorgt, versteht sich auf zupackenden Drive wie auf Freiheiten der Tempogestaltung. Und er verwirklicht mit den Herren des Opernchores (Einstudierung: Marco Zeiser Celesti) elektrisierende Crescendi.

Makellos rein singt Lin Lin Fan die Partie der Gilda – ein wunderbar leichter, dabei tragender lyrischer Koloratursopran und eine Darstellung voller Anmut. Tenor Philipp Heo (Herzog von Mantua) verfügt über Schmelz und Kraft. Hee Saup Yoon verströmt als Sparafucile eine wohltönende Bass-Finsternis. Viel Bühnenpräsenz verleiht Belinda Williams dessen Schwester Maddalena.

Und Rigoletto, der tragische Held? Stefan Adam, ein imponierender Charakterdarsteller, hat Momente von eindringlicher Expressivität. Besonders in der hohen Lage klingt sein Bariton jedoch etwas brüchig. Sein Gesang gerät in die Gefahr, die Schönheit der Linie zugunsten des Ausdrucks zu opfern.

Staatstheater Kassel: 8. und 12. Juli, www.staatstheater-kassel.de

Zur Startseite

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
  • Nutzungsbasierte Onlinewerbung
  • Mediadaten
  • Wir über uns
  • Impressum