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Staatsoper in Berlin Jasager und Neinsager

In der Staatsopern-Werkstatt werden Lehrstücke lebendig. Die von Aniara Amos ausgestattete und inszenierte Produktion "Der Jasager / Der Neinsager" ist - im Rahmen der Werkstatt-Bedingungen - ein großer Wurf.

04.05.2013 16:36
Martin Wilkening
Bert Brecht ist der Autor von "Der Jasager" und "Der Neinsager". Foto: dpa

Zweimal spulen "Der Jasager" und "Der Neinsager" von Brecht dieselbe Handlung ab: Ein Junge aus einem einsamen Bergort schließt sich einer Gruppe an, die hofft, jenseits der Berge Medizin und Rat gegen eine Epidemie zu finden. Auch seine Mutter gehört zu den Kranken.

Auf dem langen Weg wird er selber krank und wird von der Gruppe mit der traditionellen Regel konfrontiert: Wenn jemand in den Bergen nicht mehr weiterkann, soll er gefragt werden, ob er einverstanden ist, dass er allein zurückgelassen wird, und er soll mit "Ja" antworten. An dieser Weggabelung laufen die Handlungen auseinander, dem Einverständnis des "Jasagers" steht das Ausbrechen aus dem Ritual im "Neinsager" gegenüber.

Brecht schrieb diese Lehrstücke für Kurt Weill, der indes nur den "Jasager" als Schuloper komponierte. Warum, ist nicht klar, denn Weills Haltung zur Frage des Selbstopfers ist widersprüchlich. Einerseits schrieb er 1930, dass der "Jasager" gelernt habe, "für eine Gemeinschaft oder für eine Idee, der er sich angeschlossen hat, alle Konsequenzen auf sich zu nehmen".

Andererseits baut die Musik an der entscheidenden Stelle, der Belehrung über das Ritual und dessen Vollzug, doch Distanz auf. Sie verlässt den "flotten Ton", den Berliner Schüler 1930 zu Protokoll gaben, und wechselt mit Orgelklang und Psalmodieren in die Sphäre der Liturgie, übergibt damit auch das Ritualhafte am Einverständnis der Kritik.

Klar, schlüssig, eindringlich

So wäre der "Neinsager" zur Schulung kritischen Denkens eigentlich überflüssig. Dass dem nicht so ist, liegt angesichts des Laufs der Welt auf der Hand. 1991 entschloss sich Rainer Bredemeyer, über die Wende hinweg Leiter der Schauspielmusik am Deutschen Theater, auch dem "Neinsager" Musik zu geben. Seine "Schuloper" ist Komplementärstück zu derjenigen von Weill, sie ist mit dieser zusammen aufzuführen. In der Werkstatt der Staatsoper geschieht dies jetzt auf professioneller Bühne zum dritten Mal, nach Stuttgart und Dessau.

Die von Aniara Amos ausgestattete und inszenierte Produktion ist, im Rahmen der Werkstatt-Bedingungen, ein großer Wurf, klar, schlüssig, eindringlich. Die Zuschauer sitzen sich auf zwei Längsseiten gegenüber, in der Mitte liegt die freie Spielfläche, die kurzen Seiten bilden Ausgangspunkt und Ziel der Wanderung, eine kleine Guckkastenbühne zeichnet mit minimalistischen Mitteln das Zuhause.

Eindringlich wirkt die Idee, den szenischen Ablauf in beiden Stücken gleich zu gestalten, mit kleinen Varianten, die das Wiederholte lebendig halten. Das Licht ist jetzt anders, der vorher hart ausgeleuchtete Raum strahlt nun etwas Zwielichtiges aus.

Und so ändert sich auch die binäre Logik des Denkens und der Bewegungen in diesem Stück, das Ja-Nein, Schwarz-Weiß, die Schritte vor und zurück. Vor allem aber erscheint der bis zum "Nein" identische Handlungsablauf jetzt von Anfang an anders durch die Musik Bredemeyers.

Während Weill kompakte Formen benutzt, einzelne, deutlich geschiedene Nummern, die auf unterschiedliche Genres anspielen, entwickelt sich bei Bredemeyer der Fluss eines die gedanklichen Entwicklungen ins Offene vorantreibenden Kommentars. Seine Musik besitzt eher interpunktierenden Charakter, sie schmiegt sich zwischen die Worte und Sätze, deutet ihr gestisches Potential aus.

Timothy Sharp als Lehrer führt souverän durch beide Stücke, der dreizehnjährige Tim Fluch behauptet sich erstaunlich konzentriert. Maria-Elisabeth Weilers Mutter wirkt bei Bredemeyer pointierter als zuvor. Der Jugendchor zeigt stimmliche Frische jenseits des Opernchorgeschmetters, der Dirigent Max Renne hält den Apparat auch aus ungünstiger Raumposition heraus schwungvoll zusammen.

Weitere Aufführungen: 5., 7., 11., 12., 14., 17., 18., 21. Mai. Karten-Tel. 20354555.

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