Lade Inhalte...

Staatlich geschönte Biografien

Die Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur muss unterschlagene Fakten zu Doping und Stasi-Mitarbeit ergänzen

15.04.2013 16:24
Thomas Purschke
Die Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur hat in ihrer Biografischen Online-Datenbank die Doping- und Stasi-Vergangenheit von DDR-Sportfunktionären, Trainern und Athleten partiell verschleiert Foto: dpa

Das Risiko, dass Fakten selektiv dargestellt werden oder einseitig, droht immer mal. Dass das allerdings der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur in Berlin unterläuft, mutet dann doch skandalös an. Sie hat in ihrer Biografischen Online-Datenbank die Doping- und Stasi-Vergangenheit von DDR-Sportfunktionären, Trainern und Athleten partiell verschleiert.

Wesentliche, seit Jahren gerichtsfeste Fakten wurden teilweise ganz verschwiegen oder verharmlosend dargestellt, berichtet der Spiegel heute. Autor von 118 Biografien in dieser Datenbank der Stiftung ist ausgerechnet der ehemals leitende DDR-Propagandist Volker Kluge aus Berlin. Der einstige SED-Journalist war jahrelang bis 1990 Sportchef bei der mit 1,6 Millionen auflagenstärksten Tageszeitung Junge Welt, dem Zentralorgan der DDR-Jugendorganisation FDJ. Von 1982 bis 90 war er auch Präsidiumsmitglied und Pressechef des Nationalen Olympischen Komitees der DDR sowie von 84-90 Mitglied des Bundesvorstandes des DDR-Sportbundes (DTSB).

Das Ministerium für Staatssicherheit führte ihn zudem von 1980 bis 89 als Inoffiziellen Mitarbeiter, Deckname „Frank“. Laut Aktenlage bespitzelte er einst auch die Eiskunstläuferin Katarina Witt und wurde von der Stasi zum 40. Jahrestag der DDR 1989 noch mit der „Verdienstmedaille der Nationalen Volksarmee in Bronze“ ausgezeichnet.

Dopingvergangenheit unterschlagen

In der Datenbank der Stiftung Aufarbeitung fasste Kluge Eckdaten des einstigen Staatssekretärs für Körperkultur und Sport in der DDR, Günter Erbach zusammen. Dabei unterschlug er indes, dass Erbach nach dem Mauerfall wegen Beihilfe zur Körperverletzung im Dopingsystem der DDR zu einer Freiheitsstrafe von zehn Monaten auf Bewährung verurteilt wurde. Auch in der Biografie von Dietrich Hannemann, dem Leiter des Sportmedizinischen Dienstes der DDR, der wegen Beihilfe zur Körperverletzung die höchste Geldstrafe, 45 000 D-Mark, der Dopingverfahren erhalten hatte, hat Kluge die Dopingvergangenheit unterschlagen.

Die Stiftung hat mitgeteilt, dass ihr keine IM-Tätigkeit von Kluge bekannt gewesen sei. Sie habe sich auf die Herausgeber des Lexikons „Wer war wer in der DDR?“ verlassen, das Grundlage der Online-Datenbank sei. Erst danach prüfte die Bundesstiftung die Vorwürfe und korrigierte die Biografien von Erbach, Hannemann und auch die von Kluge. Im Eintrag zum Publizisten Kluge liest man nun den in der Datenbank rasch ergänzten Hinweis „1980-89 als IM ’Frank’ des MfS erf.“

Die Berliner Schriftstellerin und Vorsitzende des Dopingopferhilfe-Vereines, Ines Geipel, sagte der Berliner Zeitung dazu: „Die Stasi-Personalie von Volker Kluge wurde 1995 bereit öffentlich. Und dann machte der eifrige Verteidiger des kriminellen DDR-Sports unbefragt weiter Karriere in Leitmedien des Landes und bewegte sich im organisierten Sport genau so leichtfüßig wie in Aufarbeitungsgremien. Und dies soll DDR-Aufklärung sein?“ Das ebenso staatlich anerkannte DDR-Dopingopfer Andreas Krieger, der von Kluge in seinem 2004 erschienenen Buch „Das große Lexikon der DDR-Sportler“ verhöhnt wurde, findet noch deutlichere Worte: „Herr Kluge ist in meinen Augen ein ewiger Geschichtsverfälscher.“

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen