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Rheingau Musik Festival Und dann Trost und ein Leuchten

Es gibt nicht viele bessere Knabenchöre auf der Welt, das kann man beim Rheingau-Festival Jahr für Jahr vergegenwärtigen. Der Windsbacher Knabenchor sang diesmal die Johannes-Passion. Von Tim Gorbauch

03.08.2009 00:08
Tim Gorbauch

Haken wir schnell ab, was im Kloster Eberbach Alltag ist. Die steinerne Basilika frisst die Konturen auf, sie verdickt die Linien, bis man sie nicht mehr unterscheiden kann, bis sie sich in diffusem Hall auflösen und nur noch eine Ahnung davon geben, was in der Partitur mal vorgesehen war. Dafür sitzt man wunderbar. Und auch der Blick an kargen Mauern entlang auf eine voll besetzte Bühne ist immer wieder erhebend, das Rheingau Musik Festival hat nichts Besseres zu bieten. Aber gerade am Anfang, wenn das Ohr noch nicht justiert ist, diesmal also zu einem ganz wunderbaren Moment, dem Beginn der Johannes-Passion von Johann Sebastian Bach, ist die Enttäuschung gewaltig. Man sucht die Streicher mit ihren charakteristischen Bewegungen, man sucht das kontrapunktische Profil, das sich da eigentlich entfaltet, und findet - nichts.

Und dann der Trost. Ein einzelnes Wort, "Herr", erfüllt den Raum, es ist weniger Klang als ein Leuchten, eine Anrufung, die nicht nur deshalb so mächtig ist, weil sie glänzend komponiert wurde, sondern auch weil der Windsbacher Knabenchor im Kloster Eberbach zu Gast ist. Es gibt nicht viele bessere Knabenchöre auf der Welt, das kann man sich seit Gründung des Rheingau- Festivals Jahr für Jahr vergegenwärtigen, die Windsbacher sind ein treuer Gast.

Auch diesmal hat Karl-Friedrich Beringer sie hervorragend eingestellt, wie immer zeigt sich das im Detail. Die minimalen Verschiebungen, mit denen Bach ein Wort wie "Marterstraße" aus der wärmenden Hülle eines Chorals heraushebt. Das radikale Zurückfallen an anderer Stelle - "ich, ich und meine Sünden" - ein so zartes Pianissimo, dass einem der Atem stockt. Dann der Aufruhr vor dem Richthaus, diese schneidende, grimassierende Gewalt der Menge - für die Ohren von 1724 muss das wie das Jüngste Gericht geklungen haben. Noch heute fährt einem die Musik in die Knochen, zumindest wenn die Windsbacher am Werk sind.

Die Johannes-Passion ist ein durch und durch aufrührendes Werk, und Beringer will es als solches aufführen. Der ganze Abend setzt auf Unmittelbarkeit und Überwältigung. Auch Markus Schäfer ist als Evangelist kein unbeteiligter Chronist. Mithin übersteuert er aber, wie auch der Sopran von Sybilla Rubens, dem die Gelassenheit fehlt, die Christian Gerhaher als herausragender Bass präsentiert. Wie er einer unscheinbaren Partie wie der des Pilatus Plastizität verleiht, ganz selbstverständlich und ohne Druck - das ist große Kunst und passt gut zu Bach und den Winds-bachern.

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