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Die Oscars Echte Filmkunst wird nicht gewürdigt

Der Film „Carol“ mit den Hauptdarstellerinnen Cate Blanchett und Rooney Mara wird in den wichtigsten Oscar-Kategorien übergangen. Wirkliche Innovationen erkennen die Juroren nur selten.

Zu feinsinnig? Cate Blanchett in "Carol". Foto: Wilson Webb/DCM

Oh Carol“, hieß einmal ein Hit von Neil Sedaka über eine einseitige Liebesbeziehung. Alle lieben „Carol“, Todd Haynes’ Liebesmelodram aus dem Nachkriegsamerika, nur die Academy ist sich da nicht so sicher. Fünf Nominierungen, gewiss, alle nur zu berechtigt für die Hauptdarstellerinnen Cate Blanchett und Rooney Mara, sowie für das adaptierte Drehbuch, das Phyllis Nagy aus Patricia Highsmiths autobiographisch gefärbtem Roman destillierte, Carter Burwells hypnotische Filmmusik und Ed Lachmans fotografisch so geschichtsbewusste Bildgestaltung. Aber ohne eine Würdigung für Regie und „bester Film“ wirkt die Anerkennung nur halbherzig. Nur Hollywood kann argumentieren, dass „The Revenant“, „Bridge of Spies“ und „Der Marsianer“ bedeutendere Werke sind. „Carol“-Kameramann Ed Lachman, zuletzt mit dem Marburger Kamerapreis geehrt, antwortete uns auf die Glückwünsche: „It’s Hollywood, babe. Das Land der Achterbahnfahrten in Videospielen, das ist, was Kino hier bedeutet, visuelle Digitaleffekte, inmitten derer vielleicht ein paar Schauspieler Arbeit finden.“

Natürlich könnte einem das alles ganz egal sein. Die Oscars sind keine Kunstpreise, Jim Jarmusch oder David Cronenberg sind in ihren langen Karrieren niemals nominiert worden. Aber wenigstens wenn ein Film gleichermaßen persönlich wie klassisch ist in seiner Form wie „Carol“, hoffen seine Bewunderer auf ein Schlupfloch. Wirkliche Innovationen erkennt der Welt bekannteste Filmbewertungsstelle nur sehr selten. In der Animationsbranche war man sicher, dass Pixars „Alles steht Kopf“ eine Nominierung als Bester Film verdiente. Doch einem Film ohne Schauspieler wollte die von diesem Berufsstand dominierte Institution kaum die Ehre geben. Immerhin für das „beste Drehbuch“ wurde der philosophische Familienfilm nominiert.

Ein seltenes Schauspiel

So steht Zuschauern der Verleihung am 28. Februar das seltene Schauspiel bevor, den Gewinner des Vorjahres auch als Favoriten in diesem Jahr antreten zu sehen: An Alejandro González Iñárritus „The Revenant“, gleich zwölffach nominiert, führt kaum ein Weg vorbei. Auch George Millers wuchtiges „Mad Max“-Furioso dürften seine überraschenden zehn Nominierungen kaum so weit nach vorne schießen lassen. Dabei verbirgt sich in diesem wuchtigen Actionfilm in der Tat ein spätes Meisterwerk des Kinos der Attraktionen. Selten hat man einen derart feinsinnig geplanten und ausgeführten Actionfilm gesehen, weshalb ihn bereits die Weltkritikervereinigung Fipresci zum besten des Jahres kürte.

Bei den Oscars liebt man Kunst dagegen nur, wenn sie auch groß genug drauf steht – und dann weder versteckt noch feinsinnig auftritt, sondern mit den breiten Pinselstrichen eines Iñárritu. Vorzugsweise eingebunden in eine Rachegeschichte, wie sie Hollywood schon seit hundert Jahren zu erzählen pflegt.

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