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Glosse Der Goldene Tanzbär

„Mein wunderbares West-Berlin“ und „Denk ich an Deutschland in der Nacht“ feiern am Wochenende Premiere.

Wer bin ich? Wer könnte ich sein? Wer will ich sein? Und wie kann ich es anstellen, dass ich nicht mehr so einsam bin? Zwei großartige Filme über diese unvergänglichen, gleichermaßen tief intimen und hoch politischen Fragen haben am Wochenende Premiere erlebt. In „Mein wunderbares West-Berlin“ zeichnet Jochen Hick die Entstehung der schwulen Emanzipationsbewegung in der Mauerstadt der 70er und 80er Jahre nach. Er ruft noch einmal die scheinbar so ferne, in unserer neo-restaurativen Epoche aber wieder dräuende Stumpf- und Verklemmtheit der westdeutschen Nachkriegskultur in Erinnerung – das „Tanzen von Männern mit Männern“ war außerhalb Westberlins bis in die 70er Jahre verboten – und zeigt, wie und warum schwule Männer nirgendwo anders als in der eingemauerten Enklave jene Freiheit und jene Gemeinschaften fanden, die man ihnen anderswo nicht gewährte. Ein berührender, wichtiger Film, der nicht nur lehrreich, sondern auch lustig ist.

Und lediglich eine Frage offen lässt: Haben die deutschen Gay-Rights-Aktivisten in den 70ern – anders als ihre Geschwister in der Disco- und Glam-Kultur der USA – eigentlich keine Musik gehört? Selbige kommt bei Hick nämlich kaum vor. Dafür beschreibt Romuald Karmakar in seinem neuen Film „Denk ich an Deutschland in der Nacht“ das emanzipatorische Potenzial der DJ- und Klubkultur geistreich und kurzweilig. Er porträtiert fünf DJs, unter anderem Ricardo Villalobos und Roman Flügel, indem er sie im Studio, am Schallplattenpult und in langen Monologsequenzen zeigt.

In der ästhetischen Originalität und Genauigkeit, in der er die Arbeit des Auflegens in Bilder und Töne bringt, übertrifft Karmakar jeden anderen DJ-Film, den ich kenne; und allein für den zehnminütigen Monolog von Move D über den Zusammenhang zwischen elektronischen Rhythmen und Astrophysik ist dieses Werk die Betrachtung wert: Der Goldene Tanzbär ist ihm unbedingt sicher.

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