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Speichermedien Wenn der PC aus dem 5. Stock fällt

Dante auf Festplatte oder Papier? Elektronische Speichermedien sind gut für die schnelle Verbreitung von Information. Doch Bücher können noch mehr. Von Umberto Eco

29.04.2009 00:04
UMBERTO ECO
Die Informationen, die diese Festplatte barg, sind dahin. Foto: ibas

Kürzlich wurde auf einem Buchhändlerkongress in Venedig über die Vergänglichkeit von Datenspeichermedien diskutiert. Die Menschen haben ihr Wissen auf Stelen, Tontafeln, Papyrus, Pergament und natürlich in Büchern festgehalten. Bücher sind in den letzten 500 Jahren viele erhalten geblieben, wenn auch nur solche aus Hadernpapier.

In der Mitte des 19. Jahrhunderts stiegen Druckereien auf Holzschliffpapier um, das meist nur eine Lebensdauer von höchstens 70 Jahren hat. (Wenn man Zeitungen oder Bücher aus der Nachkriegszeit zur Hand nimmt, kann es gut sein, dass sie einem zwischen den Fingern zerkrümeln.) Deswegen denkt man seit einiger Zeit darüber nach, wie die Bücher in unseren Bibliotheken erhalten werden können. Viele plädieren dafür, alle Bücher einzuscannen und elektronisch zu speichern - wobei es eigentlich unmöglich ist, alle existierenden Bücher auf diese Weise zu erfassen.

Der bekannte Bandsalat

Die Sache hat allerdings noch einen ganz anderen Haken. Alle elektronischen Speichermedien, von Fotos und Mikrofilmen über CDs bis zu USB-Sticks, sind noch viel anfälliger als Bücher. Man kennt die Probleme mit älteren Arten von Datenträgern. Bei Audiokassetten verheddert sich beispielsweise irgendwann das Band, was man dann mühsam mit einem Bleistift wieder aufzurollen versucht - meistens ohne Erfolg. Bei Videokassetten gehen Farbe und Schärfe verloren, und wenn man sie zu oft abspielt oder ständig vor- und zurückspult, sind sie bald völlig unbrauchbar.

Bei einer Schallplatte kann man inzwischen einschätzen, wie lange es dauert, bis sie allzu sehr verkratzt ist. CD-ROMs gibt es noch nicht lange genug, so dass wir noch nicht wissen, wie lang ihre Lebensdauer ist. Ganz abgesehen davon, dass CDs, von denen man sich die Rettung der Bücher erhoffte, bald wieder verschwunden sein werden, weil man inzwischen dieselbe Datenmenge online günstiger abrufen kann.

Man weiß noch nicht, wie lange sich Filme auf DVD halten werden. Allerdings arbeiten DVDs manchmal fehlerhaft, wenn man sie zu oft abspielt. Wir hatten auch nicht genug Zeit, um zu sehen, wie haltbar eigentlich die 5 ¼-Zoll- Floppydisk war, die schnell von der 3,5-Zoll-Diskette abgelöst wurde, der wiederum die beschreibbaren CDs und dann die USB-Sticks folgten.

Mit den überholten Speichermedien verschwanden auch die Computer, die diese überhaupt lesen konnten. Es gibt heute kaum noch Leute, die einen Computer mit einem Diskettenlaufwerk haben. Wenn man also nicht alle seine Daten von dem alten Speichermedium auf das neue transferiert, und das möglichst alle zwei, drei Jahre, wird man sie unwiederbringlich verlieren, außer man stellt sich seinen Keller mit einem Haufen nutzloser Computer voll, einen für jedes ausgestorbene Speichermedium. Von einigen mechanischen und elektronischen Speichermedien wissen wir also, dass sie schnell zerfallen, und von anderen kennen wir mangels Erfahrung die maximale Lebensdauer noch nicht. Bei einigen werden wir es wahrscheinlich nie wissen.

Die Todesarten der Daten

Ein weiteres Manko ist, dass nahezu alle elektronischen Datenträger durch einen Stromstoß, Blitzschlag oder sogar noch banalere Ereignisse entmagnetisiert und gelöscht werden können. Wenn ein Stromausfall lange genug andauert, komme ich nicht mehr an meine Daten heran. Wenn mein Computer im fünften Stock aus dem Fenster fällt, kann ich mich darauf verlassen, alle Daten zu verlieren. Fällt aber ein Buch aus dieser Höhe, wird schlimmstenfalls die Bindung brechen.

Es scheint, dass die modernen Speichermedien mehr zur Verbreitung von Informationen taugen als zu deren Erhaltung. Bücher dienen seit langer Zeit sowohl der Verbreitung (man denke an die wichtige Rolle der Bibel während der Reformation) als auch der Erhaltung unseres Wissens. Vielleicht wird man in einigen Hundert Jahren, wenn alle elektronischen Speichermedien entmagnetisiert sind, auf einen schönen Wiegendruck angewiesen sein, um auf altes Wissen zurückzugreifen. Und von unseren modernen Büchern werden nur jene überleben, die auf qualitativ hochwertigem Papier gedruckt sind oder auf dem säurefreien Papier, das viele Verlage inzwischen benutzen.

Ich bin nicht hoffnungslos altmodisch. Ich habe die größten Werke der Weltliteratur und eine Geschichte der Philosophie auf einer tragbaren 250-Gigabyte-Festplatte. Damit ist es sehr viel einfacher, eine Stelle von Dante oder aus der "Summa Theologica" zu finden, als aufzustehen und einen schweren Band aus einem hohen Bücherregal zu wuchten. Aber ich bin froh, diese Bücher noch zu besitzen; so bin ich gewappnet für den Tag, wenn die elektronischen Geräte uns den Dienst versagen.

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