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Sowjetunion „Das Putin-Regime interessiert sich nur für das Imperium“

Warteschlangen und andere Gedächtnisorte: Der Historiker und Publizist Karl Schlögel über seine archäologische Suche nach den Splittern des untergegangenen Sowjetimperiums.

Eier- und Milchverkauf in Moskau
Am Ende des sowjetischen Jahrhunderts: Eier- und Milchverkauf im Moskauer Schnee im Dezember 1991. Wenige Tage zuvor ist die UdSSR offziell aufgelöst worden. Foto: afp

Herr Schlögel, Ihr neues Buch „Das sowjetische Jahrhundert. Archäologie einer untergegangenen Welt“ ist eine Art Museumsführer durch sowjetische Lebenswelten und gibt einen Bildausschnitt sowjetischer Kultur. Was war die Idee dabei, das sowjetische Jahrhundert in einer solchen Form darzustellen?
Es war seit vielen Jahren klar, was vorkommen musste in einer solchen Ausstellung der sowjetischen Welt: bestimmte Erfahrungen – der Grenzübertritt bei Brest -, Erscheinungen des Alltags – die allgegenwärtige Warteschlange -, die Wohnverhältnisse – die Kommunalka, in der Familien, Generationen über Jahrzehnte zusammenlebten. Aber auch große Ereignisse und Feste, die jedem Sowjetbürger ein Begriff waren: die Paraden auf dem Roten Platz oder die legendären „Großbaustellen des Kommunismus“ – der Staudamm von Dnjeproges, Magnitogorsk. Auch die lange verschwiegene Welt der Lager. Es ging also darum, Orte ins Bewusstsein zu heben, die jedem geläufig waren, die aber nie analysiert worden sind – eben zum Beispiel die Warteschlange, in der ungeheuer viel Lebenszeit verausgabt wurde. Der französische Historiker Pierre Nora hat das lieux de mémoire genannt, Gedächtnisorte, die bei jedem mit bestimmten Assoziationen verbunden sind. Ich bewegte mich zuerst eher wie ein Archäologe. Alles lief dann auf die Idee eines Museums hinaus, eine Art Musee imaginaire, wie es André Malraux einmal gedacht hatte oder wie es auch Walter Benjamin in seinem „Passagenwerk“ zu Paris als Hauptstadt des 19. Jahrhunderts unternommen hat.

Es gibt also einen Bogen zwischen der Archäologie und dem Museum?
Ja, es beginnt mit dem Gang über einen der vielen Basare und Trödelmärkte, die es am Ende der Sowjetunion praktisch überall gab und wo mal alles finden konnte: Kinderbücher, Familienalben, Ordensspangen, Arbeitsbücher, Urlaubsfotos, kurzum alles, Splitter des untergegangenen Imperiums. Man muss sie nur einsammeln und einen Ort finden, wo man sie ausstellt. Ich bin seit langem überzeugt, dass es einen solchen Ort gibt: Es ist der riesige Komplex der Lubjanka im Zentrum von Moskau, seit 1918 der Sitz des Geheimdienstes – von der Tscheka über den NKWD bis zum heutigen FSB. Aus diesem Ort der Finsternis einen der Aufklärung zu machen, dort, wo Verhöre stattgefunden haben, ein offenes Gespräche über die Vergangenheit zu führen, kaum etwas liegt näher. Im Übrigen gibt es überall im heutigen Russland spannende Diskussionen über die Erneuerung der Museumslandschaft. Es braucht dazu keinen Anstoß oder Rat von außen. Man muss mit dieser Geschichte irgendwie klarkommen.

Die Revolution findet 1917 in Sankt-Petersburg statt. Ergab sich daraus alles Folgende?
Man merkte es an den ganzen Auseinandersetzungen, Feiern und Konferenzen der letzten Wochen. Es gibt für mein Empfinden eine große Ratlosigkeit. Es gibt keine neue Interpretation oder Deutung, weder in der offiziellen Geschichtspolitik noch in der Gemeinde der Historiker. Die staatliche Geschichtspolitik hat sich offensichtlich auf den kleinsten gemeinsamen Nenner geeinigt, der lautet: Versöhnung der ehemaligen Bürgerkriegsparteien – der Roten und der Weißen – gegen den gemeinsamen äußeren Feind und dessen Agenten. Das Putin-Regime interessiert sich nur für das Imperium. Für das, was man heute als „Revolution der Würde“ bezeichnen könnte, hat das Putin-Regime nichts übrig. Mir scheint für uns Heutige das größte Problem zu sein, wie unsereins, wo die Revolution so weit entfernt ist, in die Lage kommt, sich überhaupt in das Geschehen hineinzudenken.

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