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Sommermärchen Die Welt war zu Gast, es war Sommer

Heute ist das Deutschland-Selfie verwackelt, das deutsche Selbstbewusstsein hat einen Knacks erlitten.

Gespannte Erwartung am Brandenburger Tor während des Viertelfinales. Foto: REUTERS

Das Sommermärchen ist vorbei. Nicht nur das des deutschen Fußballbundes (DFB), bei dem man immer noch der festen Überzeugung ist, dass die überwältigende Stimmung des Jahres 2006 das reine Produkt seiner Bemühungen war. Dabei spricht der von der Wirtschaftskanzlei Freshfields veröffentlichte Bericht über die dubiose DFB-Fifa-Affäre eine ernüchternde Sprache. Trotz aller ungeklärten Fragen sind die dunklen Geschäfte des lichten WM-Projekts kaum mehr zu leugnen.

Tatsächlich aber bestand das gute Sommergefühl in der Verblüffung der Bevölkerung über sich selbst, in aller Lockerheit über mehrere Wochen ein Fest feiern zu können, ohne am Ende einem Selbstrausch zu erliegen. Das Bild, das wir in dem Begriff Sommermärchen meinen festhalten zu können, ließ die Konturen einer nationalen Identität aufscheinen, die weder dünkelhaft noch chauvinistisch daherkam. Es war ein geglückter Moment, von dem das Signal ausging, dass Deutschland ein halbes Jahrhundert nach dem Ende des Nationalsozialismus und fast zwei Jahrzehnte nach der Wiedervereinigung mit sich im Reinen sei.

Wie jedes schöne Bild war auch dieses nicht frei von Täuschungen. So intensiv wie lange nicht halten uns seither gesellschaftliche Widersprüche in Atem, die nicht erst durch die Herausforderungen der Flüchtlingskrise zu einer staatlichen Bewährungsprobe geführt haben. Das Deutschland-Selfie ist verwackelt, und es ist nicht ganz leicht zu erkennen, was darauf zum Vorschein kommt. Aus den Zusammenbrüchen über lange Zeit unantastbar scheinender Organisationen wie den DFB und den ADAC lassen sich Indizien einer institutionellen Überheblichkeit ablesen, in der man zu einer Selbstkorrektur nicht mehr fähig war. Exemplarisch waren ADAC und DFB Bestandteile eines Deutschlandbildes, das sich aus vielen erfolgreichen Facetten zusammensetzte. Von unverzichtbarer Bedeutung für das große Ganze sind sie aber wohl nicht.

Nicht Gier, sondern Innovationsdruck

Schwerer wiegt da schon das strukturelle Versagen des Volkswagenkonzerns, der mit technisch anspruchsvollen Manipulationen den Anschein ökologisch orientierter Innovationsfähigkeit simulierte, weil man sich in Wolfsburg nicht eingestehen mochte, dass es gerade daran mangelt. Es war ja keine hemmungslose Profitgier, die die Ingenieure zur Entfaltung krimineller Energien greifen ließ. Der Bielefelder Soziologe Stefan Kühl spricht in diesem Zusammenhang von brauchbarer Illegalität, die nicht von bloßer Gier geleitet ist, sondern von Innovationsdruck und einem Zwang zu mehr Effizienz angetrieben wurde. Bei VW sonnte man sich noch eine Weile im Bild eines erfolgreichen Megakonzerns, obwohl eine technologische Neuorientierung längst geboten gewesen wäre. Am Ende mangelte es dem Unternehmen vor allem an der Begabung, Fehler zu machen und etwas daraus für die Positionierung des Unternehmens zu lernen.

Im gegenwärtigen Deutschlandbild markieren die Affären um VW und den DFB eine seltsame Zukunftsvergessenheit, die insbesondere aus dem Bewusstsein der eigenen Größe und Stärke resultiert. Das deutsche Selbstbewusstsein hat einen Knacks erlitten, darüber vermögen nicht einmal die weiter positiven ökonomischen Prognosen hinwegzutäuschen.

Die Stimmung aber ist weit schlechter als die Lage, eine prinzipielle und auch gelebte Weltoffenheit ist einer Atmosphäre der Verzagtheit und des Misstrauens gewichen, in der gesellschaftlicher Wandel nur noch als Bedrohung wahrgenommen wird. Ein Slogan wie „Die Welt zu Gast bei Freunden“, den der DFB zum überzeugenden Erkennungszeichen der eigenen Gastgeberrolle gemacht hatte, stünde heute wohl vor allem im Verdacht, Ausdruck weltfremder Multi-Kulti-Ideologie zu sein. Die Gewissheit eines kollektiven Zutrauens zu sich selbst ist in einem Reizklima aufgelöst worden, in dem die vereinzelten Vielen nur noch die Anhäufung von Zumutungen wittern.

Es wird nicht helfen, dem Sommermärchen nachzutrauern. Aber es wäre Zeit für ein gesellschaftliches Projekt, das in der Lage wäre, dessen geläuterte Energien noch einmal aufzunehmen. Deutschlands neue Rolle in der Welt könnte so ein Projekt sein, das mehr verdient als wütende Abwehr und die Flucht in Selbstisolation.

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