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„Something Necessary“ Kino über Gewalt und Traumatherapie

Ein großartiger Film aus Tom Tykwers Nairobi-Werkstatt.

19.02.2013 16:44
Sabine Vogel
Kritischer Blick auf die Verhältnisse. Foto: one fine day films

Seitdem sogar schon blonde Fernsehansagerinnen wie Marietta Slomka Bücher darüber schreiben, dass Afrika doch so irre viel Positives zu bieten hat, ist es an der Zeit, mal wieder über Gewalt zu reden. „Tötet sie!“, heißt der erste Satz des neuen kenianisch-deutschen Films „Something Necessary“. Dazu werden Messer und Macheten gewetzt, Steine fliegen, Leute rennen in Panik durcheinander, Wackelschwenks, Aufruhr, Sirenengeheul, Feuer, Apokalypse. Dann sind wir im Totenreich. Ein Zombie gleitet auf einem Rollstuhl durch grünliche Krankenhausflure, Verletzte oder Tote liegen herum.

Aus dem Zombie wird eine Frau mit steifer Halskrause, Verband im Gesicht und wirr abstehenden Drahthaaren. Sie zerrt sich mühsam voran, sitzt dann bei ihrem Jungen am Bett. Sie ist ein Opfer der brutalen Ausschreitungen, denen nach den Wahlen in Nairobi 2008 über 1?200 Menschen zum Opfer fielen und die Hunderttausende obdachlosen machten. Anna wurde vergewaltigt und fast totgeschlagen, ihr Mann Steve wurde umgebracht, ihr malträtierter Sohn liegt im Koma. Aber diese breitschultrige Riesin kehrt von den Toten zurück. Und sie ist entschlossen, ihr Haus und das Leben mit ihrem Sohn wieder aufzubauen. Dass selbst Annas Bruder sich als einer der Bösen entpuppt, der an ihrem Unglück profitieren will, unterstreicht die depressive Grundstimmung des Filmes.

Einzige Hoffnungsgestalt – neben noch ein paar Riesinnen – ist Joseph. Der Jugendliche hatte sich an den mörderischen Krawallen gegen Annas Familie beteiligt, im Gegensatz zu seiner dumpf aufgeheizten Gang aber erkennt er seine Schuld. Ein Autoreifen (den man Verrätern um den Hals legt und anzündet) und eine Rolle Stacheldraht werden in Josephs Bemühungen, etwas wieder gutzumachen, zu Zeichen für Sühne und womöglich Vergebung. Das ist nur eine der zahlreichen subtilen Umdeutungen und Zeichenverschiebungen, mit dem dieser kluge und empfindsam zurückhaltende Film fragt, was Gewalt mit den Menschen macht, den Opfern und den Tätern, und wie sie damit (nicht) weiterleben können.

Das Thema dieses außergewöhnlich intensiven Films ist Trauma. Die Gewalt, zum Filmauftakt im Zeitraffer wie ein Actionfilm-Aufreißer blutig, brennend, brutal angeteasert, wird zur albtraumhaft irrlichternden Erinnerungssequenz, die sich entzieht und zugkeich gallertartig verhärtet. Es geht um „Something Necessary“: Notwendig zur Traumabewältigung ist die Erinnerung an den Auslöser, ihre öffentliche Artikulation und später, vielleicht, eine Art Versöhnung.

Wie schon „Soul Boy“ (2010) und der 20120 für den Auslands-Oscar nominierte „Nairobi Half Life“ entstand dieser denkwürdige Film der kenianischen Regisseurin Judy Kibinge als u. a. vom Goethe-Institut geförderte Zusammenarbeit von Tom Tykwers Produktionsfirma One Fine Days und der kenianischen Ginkger Ink. Am 4. März wird in Kenia wieder gewählt.

Something Necessary, Kenia/Dtl. 2013. Regie: Judy Kibinge, Buch: Mungai Kironga. Mit Susan Wanjiru, Walter Kipchumba Lagat, u.a., Suaheli, Kikuyu, Kalenijn, engl. Untertitel, 85 Min.

Premiere 20. 2., 19.30 Uhr, mit Tom Tykwer, Judy Kibinge und Susan Wanjiru, Babylon, Rosa-Luxemburg-Platz.

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