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Social Media Auf Twitter ins Schleudern kommen

Twittern verdirbt nicht den Charakter, verbessert aber auch nicht die Demokratie.

Donald Trump
Donald Trump hat es mit Hilfe von Twitter sehr weit dabei gebracht, seine charakterlichen Dispositionen völlig ungeniert zur Geltung kommen zu lassen. Foto: afp

Erinnert sich noch jemand an die Piraten? Die nach internationalem Vorbild 2006 in Deutschland gegründete Partei schien eine Zeitlang genau jene politische Kraft zu sein, der man zutrauen mochte, die vielfältigen Herausforderungen des Digitalen im politischen Raum zu bearbeiten. 2009 erhielten sie bei der Bundestagswahl 3,4 Prozent der Stimmen, zwei Jahre später zogen sie mit 8,9 Prozent in das Berliner Abgeordnetenhaus ein.

Inzwischen sind die Piraten, nach deren Erfolgen verstärkt über die Phänomene einer fluiden Demokratie gesprochen wurde und mit denen sich die Hoffnung auf eine radikaldemokratische Transparenz verband, wieder verschwunden. Das mag auch daran gelegen haben, dass ihre dezidiert als Anti-Politiker auftretenden Vertreter im parlamentarischen Alltag heillos überfordert waren. Ihre pfiffigsten Protagonisten zogen sich nach und nach zurück. Einige landeten im Umfeld der etablierten Parteien, andere reüssierten als Einzelkämpfer oder als Experten für die Medien.

Sicherheitskrise durch Datenklau

Beides vermochte aber kaum zur Linderung des Mangels beitragen, dass Politik und Gesellschaft ein gutes Jahrzehnt nach dem politischen Höhenflug der Piraten noch immer den fatalen Eindruck erwecken, ganz am Anfang einer technologischen und kommunikativen Entwicklung zu stehen.

Die ersten zwei Wochen des neuen Jahres haben in irritierender Deutlichkeit offenbart, wie schwach eine längst durch Daten und ihre Nutzung strukturierte Gesellschaft in den alltäglichen Abläufen verankert ist.

Ein Teenager aus dem waldhessischen Homberg/Ohm löste über das heimische Keyboard seines Computers eine Sicherheitskrise der staatlich-digitalen Infrastruktur aus, und ein betroffener Politiker zog daraus öffentlichkeitswirksam die Konsequenz, sich schamhaft von den sogenannten sozialen Medien abzuwenden, die eben noch als unverzichtbare Bestandteile einer neuen Politikgestaltung aufgefasst wurden. Robert Habeck (Die Grünen) hat reumütig gelobt, fortan die Finger von Twitter zu lassen, weil er dabei die Erfahrung gemacht habe, dass es seinen Charakter verderbe. Spötter mögen an dieser Stelle auf den US-Präsidenten Donald Trump verweisen, der es mit Hilfe des Kurznachrichtendienstes sehr weit dabei gebracht hat, seine charakterlichen Dispositionen völlig ungeniert zur Geltung kommen zu lassen.

Habeck und die Freiheit von Thüringen

Wie auch immer. An den Beispielen fällt auf, dass dem Medium eine diabolische Wirkung zugeschrieben wird, die bei genauerer Betrachtung eher das Ergebnis der jeweiligen Strategie oder Unbedarftheit seines Nutzers ist. Und nicht immer kommt dabei heraus, was man hineingetan hat. Mehr als andere Medien scheint Twitter durch seine enorme kommunikative Beschleunigung eines zu sein, in dem man bei der Verfertigung von Gedanken zusehen kann. Twitter lebt von seiner performativen Direktheit. Und manchmal werden die Intentionen des Sprechers dabei auf verblüffende Weise überholt. Genau genommen ist Twitter denn auch kein Nachrichtendienst, sondern eine Informationszentrifuge. Es besteht Schleudergefahr.

In einem auf Twitter hochgeladenen Wahlkampf-Video hat Robert Habeck allerdings weniger die Wirkung des Mediums unterschätzt, als vielmehr die sprachliche Sorgfalt vernachlässigt. „Wir versuchen, alles zu machen, damit Thüringen ein offenes, freies, liberales, demokratisches Land wird, ein ökologisches Land“, hatte Habeck in dem vielfach kritisierten Trailer gesagt und einen Furor der Empörung ausgelöst über seine herablassende Behandlung des ostdeutschen Bundeslandes. Eine durchdachte Wortwahl wäre hilfreich gewesen, die Ersetzung des Wörtchens „wird“ durch ein „bleibt“ hätte Habeck womöglich eine Menge Ärger erspart.

Es darf aber bezweifelt werden, dass digitale Enthaltsamkeit ein probates Mittel zur Rettung der bedrohten Demokratie ist. Vielmehr sollte man Habecks Offline-Mission zum Anlass nehmen, reflexiven Mediengebrauch zu einer relevanten Disziplin aufzuwerten.

Die fluide Demokratie, von der die Piraten schwärmten, verschwand mit ihnen aus der Debatte, ohne dass die begrifflichen Versprechen und Fallen hinreichend bedacht worden wären. An nahezu jedes Medium knüpft sich im Moment seines Erscheinens die Idee eines herrschaftsfreien Diskurses, den Jürgen Habermas in seiner „Theorie des kommunikativen Handelns“ als kontrafaktische, letztlich also nicht zu verwirklichende ideale Sprechersituation beschrieben hat. Wie intensiv man die sozialen Medien auch nutzt: ihre Handhabung ist meist illusionär.

Twitter mag ein Medium sein, in dem viele kurz und bündig zur gleichen Zeit reden können. Die Wirkung ist aber alles andere als herrschaftsfrei, in sehr vielen Fällen wird es dazu eingesetzt, bestehende Machtverhältnisse zu verfestigen oder neue hervorzubringen. In ihrer rasenden Harmlosigkeit ist die sich auf Twitter ganz neu einrichtende gesellschaftliche Kakophonie ein großes, unterhaltsames Spiel. Wenn es auf die alten Werte von Ehre, Würde, Anstand und Respekt trifft, kann es schnell zur Hölle werden.

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