Lade Inhalte...

Sinéad O'Connor im Interview Die Anti-Bono

Popmusik wird absichtlich verblödet und verwässert, sagt die Sängerin Sinéad O'Connor und fordert Texte mit Sinn. Trotzdem sollten Musiker sich nicht in die Politik einmischen, findet sie.

20.02.2012 23:51
Robert Rotifer
„Musiker sollten nie mit Politikern Tee trinken“: Sinéad O'Connor. Foto: MCT

Popmusik wird absichtlich verblödet und verwässert, sagt die Sängerin Sinéad O'Connor und fordert Texte mit Sinn. Trotzdem sollten Musiker sich nicht in die Politik einmischen, findet sie.

In den frühen Neunzigerjahren war die irische Sängerin Sinéad O’Connor ein Weltstar, nicht zuletzt dank ihrer Coverversion des Prince-Songs „Nothing Compares 2 U“.

In der folgenden Zeit machte sie dann aber weniger mit Musik auf sich aufmerksam als vielmehr mit diversen Protestaktionen gegen die katholische Kirche und den dazugehörigen sexuellen Missbrauch; auch vollzog sie diverse spontane Eheschließungen und ließ sich zur Priesterin weihen.

Jetzt erscheint ihr erstes Album seit fünf Jahren, „How About I Be Me (And You Be You)“. Im April geht Sinéad O’Connor auf Deutschland-Tournee. Wir haben sie nach ihrem Londoner Bühnen-Comeback getroffen.

Auf dem Weg hierher ist mir im Aufzug eine Frau mit einer Nummer auf der Brust begegnet. Sie sah aus wie ein Häftling, stellte sich aber als Kandidatin in einer Fernseh-Talentshow heraus.

Ist ja auch dasselbe. Was mich an diesen Shows abstößt, sind immer die ersten paar Episoden, wo Leute auftreten, denen man ihre Todesangst ansieht. Manchmal können die Juroren so unglaublich respektlos zu diesen Kandidaten sein. Zum Beispiel Gary Barlow, der jetzt bei X-Factor juriert, der behandelt die Leute wie ein Stück Scheiße.

Sie bringen selbst in Irland jungen Mädchen das Singen bei.

Ja, und ich käme nicht im Traum auf die Idee, irgendetwas zu sagen, das sie entmutigt. Außerdem gefällt mir die Verehrung von Berühmtheit um ihrer selbst willen nicht. Die Jurys bei diesen Shows bestehen aus Berühmtheiten, die selbst öffentlich zusammenbrechen, weinen und über ihre verdammten Mütter reden, so als wären sie bei der Therapie. Wenn ich selbst eine Kandidatin bei einer dieser Shows wäre, würde ich mir diese Leute ansehen und mich fragen, ob es das wirklich ist, was ich von meinem Leben will.

Ich sage immer zu meinen Kindern und zu den Mädchen, die ich unterrichte: Es gibt nur einen einzigen guten Grund zu singen, nämlich dass man durchdrehen würde, wenn man’s nicht tut.

Gucken Sie sich diese Shows denn überhaupt an?

Ich gestehe Ihnen jetzt was: Eine meiner Lieblingssängerinnen aller Zeiten ist Susan Boyle. Ich liebe ihre Geschichte, liebe ihre Stimme. Nach all dem, was ich über diese Shows gesagt habe, muss ich zugeben, dass ich sonst nie von ihr gehört hätte.

In ihrem neuen Song „V.I.P.“ nehmen Sie MTV und die Bling-Kultur auf die Schippe. Aber haben Sie Ihre Berühmtheit nicht selber MTV zu verdanken?

Ja, aber MTV war schon damals, in den Neunzigerjahren, ein problematischer Fall. Die Leute, die für den Sender verantwortlich waren, sind alle Rassisten gewesen. Deswegen hat Michael Jackson sich auch für MTV zum Weißen gemacht, darüber sollte es keinen Zweifel geben.

Aber dass HipHop und schwarze Musik im Allgemeinen in den Neunzigern so populär geworden sind, haben wir doch wesentlich MTV zu verdanken.

Keine Frage, MTV war schon während der Anfänge des Rap zur Stelle, das war fantastisch. Dann jedoch haben die Mächte im Hintergrund den Rap in Beschlag genommen. Ich bin in dieser Hinsicht eine Verschwörungstheoretikerin, so wie es auch Curtis Mayfield war. Er hat ja gesagt, dass die Drogen in den 70ern absichtlich in der schwarzen Community verbreitet wurden, um ihre Widerstandskraft zu zerstören. Und ich glaube ihm das!

Auf dieselbe Art wurden in den 90er-Jahren beschissene weiße Typen wie Vanilla Ice in den HipHop eingeschleust. Plötzlich wurden Rapper gepusht, die nicht mehr zu sagen hatten als: Ich bin besser als du, ich werde dich zu Brei schlagen, du bist ein Mädchen, also lutsch meinen Schwanz, ich werde so viel Geld und so viele Pistolen haben. Man muss sich ja nur ansehen, wem damals diese Plattenfirmen gehörten: Waffenhändlern und Whiskey-Produzenten wie Seagram, und dieselben Leute standen auch hinter MTV.

Sie hatten kein Interesse an spirituellen Inhalten, nur an materiellen Gütern. Wir Künstler waren alle miteinander zu mächtig geworden, und die wahren Mächte im Hintergrund beschlossen, alles zu verblöden und zu verwässern. Mit mir machten sie dasselbe. Sie ersetzten mich durch die Cranberries. Die hatten den Sound, aber sie sagten einen Dreck.

Das, wovon Sie sprechen, passiert ja heute ganz offen: Künstler machen sich zu Markenzeichen für bestimmte Produkte, sie werden zu offiziellen Botschaftern der Werbe-Industrie.

Ich muss bei solchen Dingen immer vorsichtig sein, weil ich musikalischen Snobismus genauso verachte. Titten und Ärsche sind sehr wichtig, genauso wichtig wie alles andere. Das wichtigste Wort, das je in der Geschichte der Musik geäußert wurde, ist „Awopbopaloobop Alopbamboom“. Manchmal wollen wir einfach nur sowas wie „Schüttel deinen Hintern“ hören. Aber wir haben auch eine spirituelle Verantwortung.

Müssen die Künstler wieder politischer werden?

Sehen Sie, in der irischen Geschichte haben die Künstler eine wesentliche Rolle gespielt. Sie haben die Bewegung erschaffen, die zu unserer nationalen Einigung führte, und mussten dabei viel Dreck einstecken. Jetzt dagegen herrscht eine Art gebannte, nationale Stille, während sich rundherum einige der größten Ereignisse der irischen Geschichte abspielen.

All diese Berichte über Missbrauch in der Kirche, die Interventionen des Währungsfonds… und die Künstler schweigen dazu!

Im vorhin erwähnten neuen Song singen sie auch über einen Prominenten, der sich mit dem Papst fotografieren lässt, als wäre es „ein schlechter April-Scherz“. Damit ist offensichtlich Bono von U2 gemeint.

Dieser Song wurde geschrieben, nachdem der Murphy-Report über sexuellen Missbrauch in der katholischen Erzdiözese von Dublin herauskam. Ich dachte mir: Verdammt noch einmal, in 90 Jahren werden die Kinder in der Schule sitzen und lernen, was jetzt passiert ist. Das ist eines der wichtigsten Ereignisse in der Geschichte Irlands!

Es geht um nichts anderes als um die Befreiung unserer Psyche aus den Ketten der Kirche. Und die Kinder werden fragen: Was haben die Künstler im Jahre 2010 gemacht, als der Murphy-Report herauskam?

Und? Was hätten sie Ihrer Meinung nach tun sollen?

Ich hatte zum Beispiel die Idee, einen Rosenbusch zu pflanzen, mit einem Vers dazu, der schon viele Opfer sexuellen Missbrauchs sehr inspiriert hat. Ich wollte, dass Bob Geldof und Bono sich mit mir bei der Stadtregierung von Dublin dafür einsetzen. Ich erklärte ihnen, dass der Murphy Report eine ähnliche Bedeutung hatte wie der Osteraufstand gegen die britische Besatzung 1916.

Und was machte Geldof? Er begann mir einen Vortrag zu halten, dass ich diese zwei Dinge doch nicht miteinander vergleichen könne. Stellen Sie sich das mal vor! Ich habe jede Seite, jedes verdammte Dokument in diesem Report studiert, während Geldof seinen Arsch nicht dazu hochkriegen konnte.

Sein englischer Agent meinte schließlich, Geldof könne öffentlich über nichts anderes als Afrika sprechen. Und ich sagte: „Wow! Sie sind selbst ein Engländer und sagen mir, der Mann kann nicht über Irland sprechen?“ Bad news.

Und Bono?

Mit Bono war es dasselbe. Keine Antwort. Er hat Angst vor mir. Die denken ja alle, ich wäre eine verrückte Bitch. Ich muss dazu sagen, dass ich persönlich Bono bewundere. Und Geldof. Aber ich muss meine persönlichen Gefühle beiseite lassen.

Bono hatte sich mit Johannes Paul II. getroffen. Er ließ sich mit ihm fotografieren. In der Nacht, als Johannes Paul II. starb, ging Bono bei irgendeinem Riesengig auf die Bühne, mit dem Rosenkranz, den der Papst ihm geschenkt hatte, ums Handgelenk. Und er erzählte, was für ein toller Kerl Johannes Paul II. gewesen sei.

Dann kam der Murphy Report heraus, und ich hatte ein Gespräch mit ihm: „Sag was! Tu was!“ Und da kam nichts! Da wurde ich wirklich zornig und sagte: „Lass mich dich nie wieder sagen hören, dass du an Gott glaubst, denn wenn dem so wäre, könntest du nicht hier herum sitzen und nichts tun. Wir werden jetzt wirklich herausfinden, wer von uns an Gott glaubt.“

Sie haben vorhin auch den Währungsfonds erwähnt. Das ist wohl eher eine wirtschaftliche denn eine spirituelle Krise.

Nein, die Banker, Immobilienspekulanten, Politiker, auf die sich diese Krise zurückführen lässt, hatten ein spirituelles Problem: Ihnen waren alle anderen egal. Mein Land wurde aus dem Blutvergießen geboren, und das ist meine Theorie: Es ist das Gesetz des Karma.

Blutvergießen kann keinen spirituellen Erfolg hervorbringen. Ich glaube, dass wir auf eine zweite Republik zusteuern. Alle unsere Strukturen sind zusammengebrochen, unser Gesundheitssystem ist ruiniert, alles ist verkommen und korrupt. Das einzige, was wir noch haben, ist die Kunst.

Als Sie jetzt in London aufgetreten sind, sahen Sie mit ihrem langen Ledermantel und ihrer Stoppelglatze wie eine Kriegerin aus.

Gut so! Ich bin eine Soldatin, aber ich buchstabiere das lieber so wie die Rastas: S-O-U-L-J-A-H. Ich bin keine Verrückte, aber ich weiß, dass wir eine schmerzhafte Zeit durchmachen. Es ist wie das Gebären eines Babys.

Es tut wirklich verdammt weh, aber wenn man die heiligen Schriften studiert, dann wird klar, dass am Ende alle die Arschlöcher, die die Welt verderben, weggejagt werden. Dann wird es keine Tränen mehr geben, und wir werden eine neue Welt erschaffen, in der wir daraus gelernt haben, dass bestimmte Dinge in der vorigen Welt nicht funktioniert haben.

Nämlich dass wir einen Dreck um einander gegeben haben. Das ist ein spirituelles Problem, und sowas kann man nicht mit Politik lösen.

Aber machen Sie denn nicht selbst Politik?

Nein, das ist es nicht. Es gibt gar kein richtiges Wort dafür, aber es ist nicht Politik. Musiker sollten sich nie in Politik einmischen und Tee mit Politikern trinken. Der Job eines Musikers ist es, ein spiritueller Soldat zu sein.

Das Gespräch führte Robert Rotifer.

Zur Startseite

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
  • Nutzungsbasierte Onlinewerbung
  • Mediadaten
  • Wir über uns
  • Impressum