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Shakespeare-Porträt Viel Lärm um Nichts

Das jetzt gefundene und mit einigem Entdeckerstolz präsentierte Cobbe-Portät ist kein authentisches lebensgetreues Bildnis William Shakespeares, sagt die Anglistin Hildegard Hammerschmidt-Hummel

13.03.2009 00:03
HILDEGARD HAMMERSCHMIDT-HUMMEL

Schon die Zeitgenossen des heute als Ikone der Weltliteratur gefeierten englischen Dichters William Shakespeare haben das Genie des Schöpfers der unsterblichen Dramen erkannt. Insbesondere "Hamlet", ein Stück, das nach über 400 Jahren noch immer zu den faszinierendsten, meistgelesenen, meistgespielten, meistdiskutierten und mit Sicherheit auch zu den meisterforschten Dramen überhaupt gehört, hat damals - gerade auch wegen seiner politischen Brisanz - die Gemüter der Menschen tief bewegt. Die akademische englische Jugend der Shakespeare-Zeit aber hatte ein Faible für "Romeo und Julia" und verschlang Shakespeares schlüpfriges Versepos "Venus and Adonis". Einer literarischen Quelle zufolge, legte man sich ein Exemplar des Textes unters Kopfkissen, das Bildnis des Autors aber hängte man sich übers Bett.

Trotz seiner ruhmreichen Karriere zog sich der Dichter bereits im Alter von 49 Jahren in sein Stratforder Refugium zurück. Er starb drei Jahre später - vermutlich an den Folgen einer systemischen Hautsarkoidose, einer inneren Erkrankung, die alle Organe befallen kann. Die äußeren Symptome dieser Krankheit sind auf den insgesamt vier Bildnissen Shakespeares sichtbar, deren Authentizität die Autorin in enger Zusammenarbeit mit zahlreichen Wissenschaftlern anderer Disziplinen, darunter Experten des Bundeskriminalamts und mehrere Mediziner, nachweisen konnte.

Alle Testverfahren zur Feststellung der Identität und die zahlreichen medizinischen und anderen Begutachtungen erbrachten immer das gleiche, keineswegs erwartete sensationelle Ergebnis: alle untersuchten Bildnisse zeigen denselben Mann, William Shakespeare, und zwar lebensgetreu. Die fachmedizinisch diagnostizierten Krankheitssymptome - sie befinden sich in jeweils gleicher Lokalisation, sind aber in unterschiedlichen Entwicklungsstadien wiedergegeben - haben gezeigt, dass die Künstler sie am lebenden Modell beobachtet bzw. sie vom Gesicht des toten Shakespeare abgeformt haben müssen.

Sie sind somit signifikante Merkmale für die Lebensechtheit bzw. Naturtreue des Chandos- und Flower-Porträts, der Davenant-Büste und der Totenmaske. Die eingehend erforschten und öffentlich dokumentierten morphologischen und pathologischen Merkmale des Shakespeareschen Gesichts bilden nun eine Art Kriterienkatalog, der angewendet werden kann, wenn ein bekanntes oder neu aufgefundenes Porträt den Anspruch erhebt, William Shakespeare darzustellen.

Shakespeares Familie ließ dem Verstorbenen ein kostbares Dichter- und Gelehrten-Grabdenkmal im jakobäischen Renaissancestil errichten, auf das er als berühmter Autor Anspruch hatte. Man stattete es mit einer lebensgetreuen farbigen Kalkstein-Büste und mit rühmenden Inschriften aus. Die Schauspielkollegen und Freunde Shakespeares publizierten 1623 die erste Werkausgabe seiner Dramen, in der erstmals auch die politisch explosiven Stücke gedruckt wurden. Diesem vielleicht wertvollsten Buch der Welt wurde ein Porträtstich des Dramatikers vorangestellt, mit dem die Werk-Autor-Identität bekundet wurde und die zugleich das geistige Eigentum Shakespeares schützte. Zahlreiche Huldigungsverse wurden ebenfalls mit veröffentlicht.

Diese frühe Hommage an den Dichter aber wurde durch den englischen Bürgerkrieg zunichte gemacht, den die bilderfeindlichen Puritaner für sich entscheiden konnten. Sie wüteten auch in Stratford-upon-Avon, wo sie allem Anschein nach Shakespeares Grabbüste schwer beschädigten.

Spätestens seit dem wiedererwachten und geradezu überbordenden Personenkult um den Barden im England der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts strebten Shakespeare-Verehrer danach, in den Besitz eines Konterfeis des berühmten Autors zu gelangen. Die immense Nachfrage wurde seither großzügig bedient - mit einer Flut von Shakespeare-Bildnissen. Nur vier - wie nun feststeht - geben den Dichter authentisch und lebensgetreu wieder. Bei einigen weiteren dürften sich Echtheitsprüfungen lohnen. Bei den meisten aber handelt es sich um Kopien bzw. Wiederholungen (etwa von Grabbüste, Porträtstich und Chandos-Porträt), um Phantasie-Bilder, auch um Fälschungen.

Hat ausgerechnet ein Restaurator ein Shakespeare-Porträt so lange übersehen?

Als der Welt im Jahre 2001 verkündet wurde, in Kanada sei "das einzige, nach dem Leben gemalte Bild Shakespeares" aufgefunden worden, das so genannte Sanders-Porträt, konnte der damals von mir erneut konsultierte BKA-Experte Reinhardt Altmann allerdings recht rasch durch Anwendung des bewährten Trickbilddifferenzverfahrens klarstellen, dass die Gesichtsmerkmale des Sanders-Porträts sich deutlich von denen des Droeshout-Stichs von 1623, des Chandos- und des Flower-Porträts unterscheiden. Auch wies das Sanders-Porträt kein einziges der markanten Krankheitsmerkmale Shakespeares auf. Eine entsprechende Pressemitteilung der Universität Mainz konnte jedoch das Erscheinen des Buches "Shakespeare's Face" (2002) nicht verhindern, in dem die Herausgeberin und Mitautorin, die kanadische Journalistin Stephanie Nolen, mit viel Verve und noch mehr Phantasie eine erfundene Geschichte des Porträts präsentierte. Zu den Beiträgern des Buchs gehörten unter anderen Stanley Wells, Professor und Chairman des Shakespeare Birthplace Trust, und die Kuratorin der Londoner National Portrait Gallery, Tarnya Cooper, die sich aber nicht zu der entscheidenden Frage der Identität des Porträtierten äußerten.

Vor wenigen Tagen wurde - wieder einmal - "das einzige authentische und nach dem Leben gemalte Bild" William Shakespeares vorgestellt (Richard Brooks, "Is this the real Shakespeare at last?", Sunday Times, 8. März). Alec Cobbe, in dessen Familie sich dieses Bild angeblich seit 300 Jahren befindet, gab vor drei Jahren zu Protokoll, er sei bei dem Besuch der Ausstellung "Searching for Shakespeare" in der Londoner National Portrait Gallery im Jahre 2006 rein zufällig auf ein Shakespeare-Bild gestoßen (gemeint ist das berühmte Janssen-Porträt aus der Folger Library in Washington), das genau so aussehe wie eines der Bilder in seiner Familiensammlung.

Über dieses merkwürdige Erlebnis habe ich mich damals sehr gewundert. Denn Cobbe ist von Beruf Restaurator von Gemälden. Sollte ausgerechnet er in seiner Familiensammlung bisher ein Shakespeare-Porträt übersehen haben, das einem vielfach publizierten Konterfei des großen Dichters so sehr ähnelt? Heute behauptet er - mit massiver Unterstützung von Stanley Wells -, sein Shakespeare-Bildnis sei eine lebensgetreue Wiedergabe, das Janssen-Porträt hingegen sei lediglich eine von mehreren Kopien dieses Originals.

Als ich im Februar 2006 meine Echtheitsnachweise für vier Shakespeare-Bildnisse in Buchform veröffentlichte, habe ich die dort zusammengetragenen Echtheitskriterien unter anderem auch auf das eindrucksvolle, seit 1770 bekannte Janssen-Porträt angewandt. Schon zuvor hatte ich den BKA-Experten Altmann konsultiert, der mittels Trickbilddifferenzverfahren signifikante Übereinstimmungen sichtbar machte. Es zeigte sich, dass - nach Klärung einiger offener Fragen bezüglich seiner Geschichte, die noch nicht erfolgte - dieses Bild in den kleinen Kreis der echten Shakespeare-Porträts aufgenommen werden könnte.

Bei meinem jetzt durchgeführten Vergleich zwischen dem Janssen-Porträt (restauriert 1988) und dem Cobbe-Porträt stelle ich fest, dass sich die Bilder, was den Gesamteindruck, vor allem aber, was die morphologischen und pathologischen Details betrifft, sehr stark voneinander unterscheiden. Daher konsultierte ich erneut den Dermatologen Jost Metz, einen Spezialisten auf dem Gebiet der Diagnostizierung von Krankheitsmerkmalen auf Porträts der Renaissance. Metz hatte sich bereits 1996 gutachterlich zu dem krankhaften Symptom auf der Stirn von Flower-Porträt und Totenmaske geäußert. In seiner vergleichenden Bildbetrachtung vom 12. März stellte der Dermatologe so viele gravierende Abweichungen fest, dass er bezweifelte "dass es sich bei den Portraits um ein und dieselbe Person handelt". Hier seien nur einige wenige Beispiele herausgegriffen. Auf dem Janssen-Porträt sei "die Nase deutlich länger als auf dem Cobbe-Gemälde, auch die Abstände von Kinnspitze zu Nasenspitze sowie diejenigen von Nasenspitze zu Nasenwurzel stimmten nicht überein. Der linke Nasenflügel auf ersterem erscheine "deutlich geschwungener" als auf letzerem. Auch die Lippen seien unterschiedlich.

Von ganz besonderer Bedeutung sind die Krankheitsmerkmale

Die Unterlippe des Janssen-Porträts entspreche eher den "gut gefüllten" bzw. "prallen" (Unter-)Lippen, die "charakteristisch für die Davenant-Büste und die Portraits von Chandos und Flower" seien. Mit Bezug auf das linke Ohrläppchen stellt Metz fest, dass dasjenige auf dem Cobbe-Porträt deformiert erscheine und nicht übereinstimme mit dem des Janssen-Porträts. Im Unterschied zu dem auf dem Janssen-Bildnis kreissegmentartig verlaufenden "Orbitarand" (mit Augenbrauen) zeige dieser Bereich des Cobbe-Bildes einen "mehr horizontalen Verlauf". Während der rechte Augapfel des Janssen-Gemäldes höher sei als der linke, seien auf dem Cobbe-Bildnis "beide Augäpfel in gleicher Höhe abgebildet". Erhebliche Unterschiede träten auch bei der Kleidung hervor. Das "Muster der aufwendig gestalteten Halskrausen" sei "völlig unterschiedlich" und erscheine auf dem Cobbe-Porträt "noch kunstvoller ausgearbeitet".

Von ganz besonderer Bedeutung sind die Abweichungen, die bei der Wiedergabe bzw. dem Nichtvorhandensein von Krankheitsmerkmalen in Erscheinung treten. Metz stellt fest: Der "randbetonte, anuläre Herd" in der "linken Stirnregion" des Janssen-Porträts - "in gleicher Lokalisation" wie auf dem Flower-Porträt und der Totenmaske - fehle auf dem Cobbe-Porträt. Hinsichtlich der krankhaften Schwellung des linken Oberlids, die auf dem Chandos- und dem Flower-Porträt, aber auch auf dem Droeshout-Stich "so deutlich herausgearbeitet" seien, sagt er aus, diese "krankhafte Veränderung" finde sich "auch in dem Janssen-Portrait am linken, äußeren Oberlid wieder". Sie sei auf dem Cobbe-Porträt nur "andeutungsweise" zu sehen.

Daraus ist der Schluss zu ziehen, dass der Maler des Janssen-Bildes die krankhaften Besonderheiten des Shakespeareschen Gesichts - wie auch die genauen morphologischen Merkmale - sehr gut gekannt haben muss, derjenige des Cobbeschen Porträts indessen nicht - oder nur sehr bedingt. Während der Schöpfer des bereits 1770 aufgefundenen Janssen-Porträts seine Kenntnisse wohl nur vom lebenden Modell bezogen haben kann, scheint der Urheber des erstmals 2006 bekannt gewordenen Cobbe-Porträts sein stark eingeschränktes Wissen aus zweiter Hand erworben zu haben - vermutlich aus der Berichterstattung über meine Forschungsergebnisse in den englischen Medien. Diese Ergebnisse machten erstmals auf die signifikanten Krankheitsmerkmale Shakespeares aufmerksam. Damit dürfte feststehen, dass das Cobbe-Bildnis kein authentisches, nach dem Leben gemaltes Porträt William Shakespeares ist.

Dieser Schluss wird nicht nur untermauert durch das jugendliche Aussehen des Porträtierten, den Metz auf Mitte 30 schätzt und keinesfalls auf 46, sondern vor allem durch die gutachterliche Stellungnahme des Inschriftenexperten der Mainzer Akademie der Wissenschaften, Eberhard J. Nikitsch, vom 11. März. Bei der Inschrift dieses Bildes - "Principum amicitias!" (" Freundschaft der Fürsten!" - Horaz, Ode 2.1.4) - handele es sich um "keine epigraphisch, sondern um eine wohl mit dem Pinsel schreibschriftlich ausgeführte Inschrift", die "in der vorliegenden Form zu Beginn des 17. Jahrhunderts" nicht zu erwarten sei. Denn sie lasse die "zeitgenössisch üblichen Schriften auf Porträts", nämlich "Kapitalis, Fraktur und (leicht geneigte) humanistische Minuskel" vermissen, steche als "eher unbeholfen, wie von Schülerhand" ausgeführt ins Auge und müsse später hinzugefügt worden sein. Zum Vergleich herangezogene Beispiele aus England, etwa das Porträt von Thomas de Hoghton (Hoghton Tower, Lancashire, nach 1564), von Robert Cecil, des Ersten Ministers von Elisabeth I. (Hatfield House, um 1600) und des dritten Grafen von Southampton (Tower-Bildnis, Duke of Buccleuch Collection, nach 1603), wiesen dagegen die zeittypischen "Kapitalis-Schriften" auf.

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