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Sexualität Vom Pantoffeltierchen bis Pornhub

Ein viel zu schneller, unbefriedigender Gang durch die Geschichte der Sexualität.

Zellteilung
So ginge es auch: Zellteilung bei der Zieralge. Foto: imago

Ein Mann sieht eine Frau an, sie sieht ihn an. Sie lernen einander kennen. Eine Frau sieht einen Mann an, er sieht sie an. Ich werde mich im Folgenden nicht auf diese beiden Fälle beschränken. Wir wissen, dass ein Mann auch einen Mann anschauen kann, dass Woody Allen ein Schaf genügte, und meine Mutter erzählte mir von ihrer Großmutter, die ihr sagte, sie habe so lange Tischdecken, weil die Tischbeine verhüllt sein mussten. 

Wie auch immer: „Ein Blick und die Liebe bricht aus“ ist der Titel eines Filmes von Jutta Brückner. Der Blick, mit dem der Film beginnt, ist der in den Spiegel. Auch die Neurologin und Psychotherapeutin Heike Melzer beginnt ihr Buch „Scharfstellung – Die neue sexuelle Revolution“ (erschienen im Tropen Verlag, 236 Seiten, 16,95 Euro) mit einem Kapitel über „Masturbation und Sextroversion“.

Warum das mit den Blicken und der Liebe funktioniert, und warum es nicht funktioniert, treibt uns fast ein ganzes Leben lang um. Das „fast“ kann man streichen, wenn man darauf verzichtet, aus der frühkindlichen Blicksuche die erotische Sehnsucht zu streichen. Von diesem Verlangen und dem ständigen Scheitern daran ernähren sich seit dem 20. Jahrhundert ganze Berufsstände. Kein Historiker hat untersucht, warum „Beziehungsberatung“ Jahrmillionen Jahre lang kein Erwerbszweig gewesen war, aber dann innerhalb weniger Jahrzehnte eine der größten Wachstumsindustrien wurde. Zusammen mit der zunehmenden Emanzipation der Frau und mit der gigantischen Ausbreitung der Pornografie.

Wir sind mitten drin in einer durchs Smartphone befeuerten sexuellen Revolution. Die älteren erinnern sich noch an Video-Sex-Kabinen. Von denen gab es 2003 in Deutschland noch eine halbe Million. Ich weiß nicht, wie viele es heute sind. Aber Pornhub.com, die weltgrößte Porno-Streaming-Website, meldete 2013 erstmals die Zahl ihrer Clicks: 14,7 Milliarden. 2017 waren es 28,5 Milliarden. Das Internet ist in erster Linie eine Sex-Maschine. 

Aber das hat doch nichts, werfen Sie ein, mit „Ein Blick und die Liebe bricht aus“ zu tun. Das stimmt und stimmt nicht. Es hängt davon ab, wie eng oder wie weit wir den Begriff Liebe fassen. Wir sind für unsere Erregung, die wir so gerne Liebe nennen, jedenfalls nicht darauf angewiesen, dass der Blick erwidert wird. Jeder Masturbierende, also jeder, weiß das. 

Fortpflanzung: Vor dem Sex gab's nur Zellteilung

Sex ist eine evolutionär späte Stufe der Fortpflanzung. Er hat sich vermutlich erst vor circa 600 Millionen Jahren etabliert. Davor vermehrte – jetzt kommt ein falsches Wort – man sich durch Zellteilung. Das führte zu genetisch identischen Nachkommen. Wenig Chancen zur Fortentwicklung und eine leichte – weil immer gleiche – Beute für Viren. Bei vielen Einzellern bestand und besteht bis heute der sexuelle Akt aus der Verschmelzung ganzer Individuen. Sie sterben, wenn sie lieben. Einige Einzeller, wie das Pantoffeltierchen, sind fähig, das Genom oder Teile davon auszutauschen ohne sich selbst aufzugeben. Es gibt Bakterien, die übertragen Teile der DNA auf ein anderes Individuum. Dabei handelt es sich aber – wenn ich das richtig verstehe – mehr um eine Art Weiterbildung, denn mit der Vermehrung hat das nichts zu tun. Die erfolgt durch Zellteilung.

Ob bei diesen Vorgängen die Wahrnehmung, der „Blick“, eine Rolle spielt oder ob einfach wahllos übertragen wird und der Zufall entscheidet, ob es einen „Artgenossen“ trifft, weiß ich nicht. Wir sind, was unsere Fortpflanzung angeht, darauf angewiesen, dass unsere Sinnesorgane uns als Geschlechtspartner der eigenen Art erkennen lassen. Außerdem müssen wir zu diesem Zweck sehr genau zwischen Mann und Frau unterscheiden. 

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