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Sexualforscher Gunter Schmidt "Heute schaut man auf die Opfer"

Der Sexualforscher Gunter Schmidt im Gespräch mit der Frankfurter Runschau darüber, warum man Missbrauch in der katholischen Kirche und an der Odenwaldschule auseinander halten muss.

11.05.2010 00:05
Der Psychotherapeut Gunter Schmidt. Foto: privat

Herr Schmidt, die Debatte über sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen wird auch für einen ideologischen Schlagabtausch instrumentalisiert. Bischof Mixa gab der sexuellen Befreiung der 60er/70er Jahre Mitschuld. Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone stellte einen Zusammenhang zwischen Homosexualität und Pädophilie her. Hessens FDP-Justizminister Jörg-Uwe Hahn machte Rot-Grün mitverantwortlich. Und nun, da die Tochter des Konkret-Gründers Klaus Rainer Röhl ihren Vater des Missbrauchs bezichtigt, fragt die Springer-Presse, ob die 68er "die wahren Pädophilen" seien. Wie bewerten Sie das als Sexualwissenschaftler?

Das sind versuchte Befreiungsschläge, die ziemlich danebengehen. Mit dem Finger auf andere zu zeigen, polarisiert die Debatte und führt zu nichts. Es wäre sinnvoller, mal in Ruhe zu sortieren, was da gerade geschieht. Auf der einen Seite sind da die Missbrauchsfälle in einer fortschrittlichen, als sexualliberal geltenden Reformschule, der Odenwaldschule. Auf der anderen Seite sind es Fälle in der sehr viel älteren, hierarchischen und sexualfeindlichen Institution der katholischen Kirche. Das muss man schon klar auseinanderhalten.

Okay, fangen wir mit den Liberalen an.

Was haben die 68er gewollt? Das waren zwei Dinge. Es ging zum einen darum, überkommene sexuelle Verbote, die die Menschen beengten, beiseite zu fegen. Zum anderen ging es darum, die gesellschaftlichen und privaten Verhältnisse weniger autoritär zu gestalten, das heißt, uns für Machtübergriffe zu sensibilisieren. Beide Forderungen sind hervorragende Voraussetzungen für eine Vorbeugung sexuellen Missbrauchs. Die 68er haben schon früh gesagt, macht die Kinder stark, macht die Jugendlichen stark, so dass sie ihre Interessen auch gegen Erwachsene behaupten können.

Das klingt gut, aber wo liegen die Schwachpunkte?

In der frühen Phase dieser Entwicklung war es sicher so, dass der liberale Impuls überwog, was zeitweise zu einer Deregulierung des Sexmarktes führte. Frauen registrierten ganz schnell, dass ihre sexuelle "Befreiung" zu den Bedingungen der Männer erfolgen sollte. Und das ließen sie sich nicht gefallen.

Und, nützte das etwas?

Was folgte, war sozusagen der zweite Akt der Liberalisierung, der dann von den Frauen, den Feministinnen getragen wurde. Im Sexualdiskurs der 70er, 80er Jahre wurde die sexuelle Selbstbestimmung thematisiert - sexuelle Übergriffe, Missbrauch, Vergewaltigung, Sexismus in der Pornografie usw. Das hat, glaube ich, unsere Sensibilität für sexuelle Übergriffe und Grenzverletzungen außerordentlich geschärft, und zwar in einer Weise, wie es die alte Moral der Kirchen nie geschafft hat. Da galt alles nur als Unzucht, ob man nun vor- oder außerehelich, gleichgeschlechtlich, kontrazeptiv oder pädophil verkehrte. In der heutigen liberalen, säkularen Sexualmoral stehen Verstöße gegen das sexuelle Selbstbestimmungsrecht im Zentrum. So schaut man heute auch stärker auf die Opfer, es gibt heute eine viel strengere Haltung und mehr Aufmerksamkeit gegenüber pädophilen Handlungen.

Die 70er, 80er Jahre - ausgerechnet in dieser Zeit kam es an der Odenwaldschule zu sexuellen Übergriffen. Vielfach wurde in der Presse jetzt insinuiert, der liberale Zeitgeist habe Täter möglicherweise ermuntert?

Natürlich kann man den Aufbruch der 68er aus der starren Sexualmoral nicht als Einladung zum Missbrauch hinstellen. Hinter solchen Vorwürfen stecken auch Versuche, eine gesellschaftliche Fortschrittsentwicklung zu denunzieren. Ich würde aber nicht ausschließen, dass es zu Irritationen kam. Dass zumindest kurzfristig ein Klima entstand, wo man nicht so genau hinguckte, wo man zu großzügig war, auch aus dem Impetus heraus, sexuelle Minderheiten nicht auszugrenzen. Da sind wir heute sehr viel genauer: Wir gehen davon aus, dass es einen sexuellen Konsens zwischen einem Kind und einem Erwachsenen nicht geben kann, dass die Selbstbestimmung eines Kindes durch solche sexuellen Handlungen verletzt wird. Das gleiche gilt für sexuelle Beziehungen von Erwachsenen und Jugendlichen in hierarchischen oder abhängigen Verhältnissen, seien sie familiär, schulisch, kirchlich oder beruflich. Im Großen und Ganzen haben die sozialen Veränderungen, die man mit der Chiffre 1968 zusammenfasst, eher zu einer Prophylaxe des Missbrauchs geführt. Sowohl die Liberalisierung, als auch ihre Nachjustierung mit der Betonung der Selbstbestimmung.

In den 80ern gab es in der alternativen Szene - im Umfeld der Grünen, der taz und der Schwulenbewegung - Gruppen, die einvernehmliche Sexualität zwischen Erwachsenen und Kindern propagierten. Etwa die Nürnberger "Indianerkommune". Das nutzen jetzt Politiker wie Norbert Geis von der CSU, um in der Missbrauchs-Debatte die Grünen anzugreifen. Doch waren solche Pädo-Gruppen überhaupt relevant?

Mit der Sympathie von Fraktionen der linken Szene für solche Gruppen war es schnell wieder vorbei. Ich kann es mir nur so erklären, dass einige damals keiner Minderheit sexuelle Rechte bestreiten mochten. Da gab es zwischenzeitlich durchaus Naivität, und eine nicht akzeptable Laissez-faire-Haltung. Es waren übrigens 68er, allen voran Günter Amendt, die solche Ansätze unverzüglich und gnadenlos kritisierten. Aus der Alternativszene heraus entstanden aber auch Gruppen wie Wildwasser, die die Gesellschaft für die Missbrauchsproblematik sensibilisierten und sich um Opfer kümmerten.

In den Jahren der sexuellen Befreiung sollten auch Kinder als sexuelle Wesen wahrgenommen werden. Das umstrittene Auflärungsbuch "Zeig mal!" von Helga Fleischhauer-Hardt mit Fotografien von Will McBride aus dem Jahr 1974 ist ein Beispiel für diese Haltung. Heute dagegen werden Kinder zwar sexy ausstaffiert, aber sie sollen asexuelle, unschuldige Wesen sein. Haben Kinder eine Sexualität?

Das kann man 105 Jahre nach Freuds "Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie" wohl nicht mehr ernstlich bezweifeln. Kinder sind sexuell neugierig, erkunden spielerisch Lustmöglichkeiten, mit sich allein oder in Doktorspielen. Sexuelle Kontakte mit Erwachsenen sind allerdings das Letzte, was sie wollen. Die Bilder McBrides in "Zeig mal" sind ästhetisch, explizit und dezent zugleich, sie zeigen keine Übergriffe. Ich habe "Zeig mal" aber immer eher als ein Aufklärungsbuch für Jugendliche und Erwachsene geschätzt als für Kinder. Wir haben die Bilder in den 80er und 90er Jahren übrigens oft bei der Beratung und Behandlung von Paaren mit sexuellen Problemen benutzt.

Kommen wir noch zu den Missbrauchsfällen in Institutionen der katholischen Kirche. Hier geht es in der Debatte immer wieder um den Zölibat, das Frauenbild der Kirche und deren Ablehnung der Homosexualität. Ist die katholische Kirche wegen ihrer rückständigen Strukturen und Haltungen besonders anfällig für Kindesmissbrauch?

Ich vermute ja. Wenn die Kirche nun sagt, sie werde solche Fälle künftig bei den staatlichen Stellen zur Anzeige bringen und ein wacheres Auge für das Problem haben, dann mag das zu Veränderungen führen. Viel wichtiger für die Vorbeugung des Missbrauchs aber wäre, glaube ich, dreierlei: Das Aufheben das Zwangzölibats, so dass mehr Menschen, die ihre Sexualität und ihre Beziehungen leben wollen und leben, Priester werden können; die Ordination von Frauen, also das Auflösen der homosozialen, männerbündlerischen Strukturen in der Priesterschaft; und die Milderung autoritärer, einschüchternder Strukturen in der Kirche.

Interview: Hans-Hermann Kotte

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