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Schriftstellerin Thea Dorn „Luther fand nicht zur Seelenruhe“

Ein Gespräch mit der Schriftstellerin und Fernsehmoderatorin Thea Dorn über die Reformation, Luthers Fanatismus, die deutsche Seele und das Verschraubte bei Protestanten.

Thea Dorn
Thea Dorn: „Ich bin Skeptikerin.“ Foto: dpa

Frau Dorn, an Martin Luther, sagt die EKD, kommt im Jubiläumsjahr der Reformation keiner vorbei. Sie auch nicht?
Nicht wirklich. Niemand, der sich für die Eigenheiten der deutschen Kultur und Geschichte interessiert, kommt an Luther vorbei. Zwar will ich keinem sein Fest verderben. Trotzdem stört es mich, wie die EKD in ihrer Feierlaune zum Weichspüler greift. Liest man die offiziellen Verlautbarungen, könnte man glatt meinen, Luther sei ein Humanist und Menschenfreund gewesen wie etwa Erasmus von Rotterdam. Vielleicht ein bisschen derber im Ausdruck, aber in der Sache genauso ein Vorkämpfer für Bildung und individuelle Freiheitsrechte. Da kann ich nur sagen: Halt! Das stimmt so nicht! Macht euch euren Luther nicht netter und bequemer, als er war!

Aber die Kirche geht doch gerade im Jubiläumsjahr ausgesprochen kritisch mit Luther um. Zeigen Sie mir mal die Ansprache eines führenden EKD-Vertreters ohne zerknirschten Verweis auf den Antijudaismus Luthers, die Schattenseiten seines Frauenbildes, die Legitimation fürstlicher Gewalt gegen die aufständischen Bauern oder die Türken!
Richtig, aber das meine ich nicht. Wir erleben gerade den Versuch, den guten Luther vom bösen Luther fein säuberlich zu trennen. Als gäbe es bei ihm den schönen, strahlend hellen theologischen Kern und drum herum halt – leider, leider – ein paar dunkle Ränder, zu denen dann eben auch die Judenfeindlichkeit gehört. „Frauenfeindlichkeit“ würde ich übrigens nicht im selben Atemzug nennen. Luthers Frauenbild ist für die damalige Zeit eher maßvoll, wenn nicht sogar fortschrittlich.

Was kritisieren Sie also?
Ich fürchte, dass Luthers Theologie im Kern problematischer ist, als die EKD es wahrhaben will.

Inwiefern?
Luther führt einen, wenn Sie so wollen, „heiligen Krieg“ gegen die Werkgerechtigkeit, das heißt, gegen jegliches Ursache-Wirkungs-Denken im Verhältnis zu Gott. Anders gesagt: Luther bestreitet, dass es einen Zusammenhang gibt zwischen den guten oder schlechten Taten eines Menschen und der Frage, ob Gott diesen Menschen bestraft oder belohnt. Eine solche auf rationale Maßstäbe gegründete Gerechtigkeit verbannt Luther als rein irdisches, menschliches Gerechtigkeitskonzept aus der Sphäre des Religiösen.

Dagegen setzt Luther seine revolutionäre „Entdeckung“ eines gnädigen Gottes, der den Menschen rettet – ganz unabhängig von seiner Leistung.
Der junge Luther hatte eine derartige Angst vor dem strengen Richtergott, vor dessen Thron er niemals werde bestehen können, dass er daran fast verzweifelt und irregeworden wäre. Seine Mitmönche im Augustiner-Kloster mussten ihn immer wieder ermahnen: Bruder Martin, lass es gut sein mit deinen Selbstkasteiungen! Die Befreiung aus dieser Selbstverfluchung gelang Luther erst, als er bei Paulus die ultimative theologische Machete fand: das reformatorische Prinzip „sola gratia“. Der Mensch muss glauben, dass Gott sich ihm „allein aus Gnade“ zuwende und ihn nicht an seinen Sünden und Verdiensten messe. Das bedeutet aber auch, dass mit einem Schlag jede nur annähernd rational nachvollziehbare Vorstellung von Gerechtigkeit verabschiedet wird.

Der Mensch „muss“ an den gnädigen Gott glauben, sagen Sie. Wenn Sie stattdessen sagten, er „darf glauben“, wird aus dem intellektuellen Abenteuer auch ein spirituelles.
Vielleicht. Aber Sie haben es bestimmt schon gemerkt: Ich bin Skeptikerin. Deshalb habe ich die hartnäckige Angewohnheit, bei allem nach Gründen zu fragen. Vor meinem Zweifel ist nichts sicher. Vermutlich würde Luther zu einer wie mir sagen: „Viel Glück damit, aber zum Glauben wirst du so niemals gelangen!“ Glaube hat immer mit dem „Sprung“ zu tun, von dem Blaise Pascal spricht: Ich lasse die Ratio Ratio sein, verzichte auf alles Argumentieren und fasse stattdessen den Entschluss: Ich will nicht mehr zweifeln. Und hoffe, dass darüber auch die Verzweiflung vergeht. Im Kern geht es Luther um Verzweiflungsvermeidung.

Und deswegen stürzt Luther sich in den Glauben?
Ja, und das ist natürlich die unglaubliche Stärke und Faszination, die von ihm ausgeht. Dass er seiner Mit- und Nachwelt verspricht: Im Glauben hört all die Fragerei auf. Im Glauben wisst ihr. Die Freude am Glauben ist für Luther gleichbedeutend mit der Freude am Bekenntnis. Unerschütterlich. Wahrscheinlich rührt daher diese Dauersicherheit, die der eine oder andere Protestant auch heute noch verströmt. Mich macht das immer etwas nervös. Dieses sonnige Sich-von-nichts-und-niemandem-aus-der-Ruhe-bringen-lassen, weil man sich seines Glaubens ja, ach, so gewiss ist.

Neidisch?
Es muss ein interessantes Lebensgefühl sein, zu glauben, dass es diese unhinterfragbare Gewissheitszone namens „Gott“ gibt. Mir ist das nicht gegeben. Aber vielleicht ist mir der Preis dafür einfach zu hoch.

Welchen Preis meinen Sie?
Schauen Sie sich die einschlägigen Stellen bei Paulus an, an denen er die Auferstehung beweisen will. Eine einzige Kette logischer Fehlschlüsse! Im Korintherbrief heißt es sinngemäß: „Wenn Christus nicht auferweckt worden ist, dann ist unser Glaube sinnlos.“ Darauf erwidere ich: „Hey, Paulus, goldener Verdacht! Vielleicht ist euer Glaube ja genau das – sinnlos.“ Nicht umsonst wütet Luther gegen die „Hure Vernunft“, tobt gegen den „Skeptiker“ Erasmus. Luther hat klar erkannt, dass Skepsis das Ende des Glaubens ist. Sobald der Zweifel den Fuß in der Tür hat, hat der Glaube, der stets auf einer reinen Willensentscheidung beruht, verloren.

In Ihrem Buch „Die deutsche Seele“ schreiben Sie, Luther habe den Deutschen ihre „German Angst“ eingebrockt. Eine steile These, wenn man daran denkt, dass er unentwegt die „Freiheit eines Christenmenschen“ predigt und die Menschen seiner Zeit von ihrer Höllenangst befreien will.
Das war sein Ziel, ja. Deshalb der reformatorische Coup, dass der Sünder einzig durch die Gnade Gottes errettet werde: Der Mensch findet Erbarmen, gerade weil er erbärmlich ist. Allerdings frage ich mich, ob das Weltbild der alten Papstkirche nicht doch komfortabler war: Wenn ich mich nach Kräften bemühe, ein guter Mensch zu sein, dann wird Gott mich mit dem Paradies belohnen. Natürlich war der Ablasshandel die degenerierte Form dieses treuherzigen Prinzips. Ich zahle die Summe x und bekomme dafür die Zahl z an Jahren im Fegefeuer erlassen. Aber das Ganze hatte die Anmutung eines klaren Deals, quittiert und zertifiziert per Ablassbrief. Das damit verbundene Gefühl von Sicherheit zertrümmert Luther brutal – und entmachtet den Menschen.

Entmachtung? Weil Luther den Menschen zum Gottvertrauen ermutigt?
Ich würde das nicht Ermutigung nennen, sondern Zumutung. Luther sagt: Aus eigener Kraft kannst du nichts dafür tun, um vor Gott besser dazustehen. Letztes Endes ist es völlig egal, was du tust oder lässt. Was du für deinen eigenen Willen hältst, ist in Wahrheit nichts anderes als ein Lasttier. Wenn Gott es reiten will, wird Gott es reiten. Wenn aber der Teufel es reiten will, wird dieser es tun. Das Lasttier selbst sucht sich seinen Reiter nicht aus. Ist das nicht Furcht einflößend? Mir macht ein solches Weltbild Angst.

Aber entspricht dieses Gottesbild nicht exakt der Erfahrung von Liebenden: Sie können sich die Liebe des anderen nicht verdienen?
Der Vergleich trifft es ganz gut. Natürlich kann ich mir die Liebe eines Menschen nicht erkaufen. Aber jedes Liebespaar, dem es gelingt, sich durch die Zeiten zu retten, weiß, dass die Liebe der Pflege bedarf. Es ist also sehr wohl von Bedeutung, was ich tue. Außerdem lehrt Luther ja keineswegs, dass Gott sich aller Menschen erbarmt. Im Gegenteil, da hält er es mit Augustinus: Schon vor unserer Geburt hat Gott entschieden, ob wir zur Schar der Erlösten oder zur Masse der Verdammten gehören. Ohne irgendeinen einsichtigen Grund sagt Gott zu dem einen Menschen: Dich liebe ich, zu einem anderen: Dich hasse ich. Eine beängstigendere, unfrohere Botschaft kann es doch gar nicht geben, oder? Auf jeden Fall ist es eine Kriegserklärung an den Humanismus. Deswegen bleibe ich dabei: Es ist unredlich, Luther nur als den Erbaulichen, den großen Tröster, zu feiern.

Wie fällt der Saldo der Reformation aus?
Unbedingt positiv. Die schlimmsten Konsequenzen der Reformation, die Religionskriege des 16. Jahrhunderts, sind historisch ausgestanden und überwunden. Es würde mich sehr wundern, wenn Protestanten und Katholiken bei uns jemals wieder in blutige Konflikte gerieten. Und da ich eine große Anhängerin von Alternativen bin, ist es mir sehr lieb, dass sich die Menschen im christlichen Kosmos entscheiden können zwischen dem groß inszenierten, prächtigen Theater des Katholizismus und der Innerlichkeits-Dramatik des Protestantismus.

Halten Sie den Katholizismus für die lebensnähere Spielart des Christlichen?
O ja! Die Verschraubteren und Verkorksteren sind im Zweifel immer die Protestanten – das sagt eine bekennende Ex-Protestantin.

Noch so eine steile These! Landläufig gilt doch die katholische Kirche als die sperrigere, verknöchertere – mit ihrer Sexualmoral, ihrem Männerklerus, mit dem Zölibat, mit Dogmen wie der päpstlichen Unfehlbarkeit.
Klar, der katholische Laden ist konservativer. Schließlich betrachtet sich der Papst immer noch als Statthalter Christi auf Erden. Luther seinerseits wollte die Christenheit ja keineswegs spalten, sondern sie als ganze reformieren. Die Papstkirche aber, dieser sture Haufen, hat sich widersetzt und letztlich behauptet. So gesehen ist Luther gescheitert. Auch deshalb hat der ganze Jubel über 500 Jahre Reformation etwas Absurdes.

Was würde Luther selber dazu sagen?
Aus manchen seiner späteren Texte spricht die Ahnung, dass er statt einer reformierten, erneuerten Christenheit einen Sauhaufen mit allen möglichen Splittergruppen und Sektierern hinterlassen würde. Ich vermute, dass auch Luthers rabiater Altersantisemitismus mit diesem Gefühl des Scheiterns zusammenhängt.

Und zwar wie?
Luther ist an zwei Fronten gescheitert: Noch dramatischer als der Verlust der kirchlichen Einheit war für ihn der Tod seiner Tochter Magdalena. Dreieinhalb Jahre, bevor er selbst starb, musste er erleben, dass sein Glaube ihn mitnichten über den Abgrund hinwegtrug. Wie oft hatte er gepredigt: Wenn dein Kind stirbt, lass es gehen, hadere nicht mit Gott! Aber jetzt erfuhr er: So fühlt es sich nicht an, wenn ein geliebter Mensch stirbt. Ich denke, das hat Luther auf den letzten Metern seines Lebens nochmals in eine tiefe Glaubenskrise gestürzt.

Aber warum sollte sie ihn zum Antisemiten gemacht haben?
Der Gott des Alten Testaments, der strenge Richter, hatte den jungen Luther beinahe irregemacht. Im vermeintlich gnädigen Gott des Neuen Testaments glaubte er, seine Rettung gefunden zu haben. Dass ihm im Angesicht seiner toten Lieblingstochter Zweifel an Gottes Gnade kamen, muss ihn zutiefst erschüttert haben. In dieser Stimmung konnte er es nicht ertragen, dass es ein Volk gab, das mit dem noch schlimmeren Angstgegner, dem alttestamentlichen Gott, klarzukommen schienen.

Das Volk der Juden eben.
Außerdem dürfte Luther gekränkt gewesen sein, dass nur ganz wenige von ihnen die protestantische Hand, die er ihnen früher ausgestreckt hatte, ergriffen. All das hat ihn verbittert. Überhaupt war er in seinen letzten Lebensjahren ja vorrangig damit beschäftigt zu toben. Seine Streitschrift „Wider Hans Worst“ etwa ist im vorderen Teil eine einzige Schimpf- und Fäkaltirade gegen den Herzog von Wolfenbüttel. In endlosen Schleifen wütet Luther da vor sich hin. Am Ende eines jeden Abschnitts heißt es zwar: „Jetzt aber genug davon!“ Doch dann geht’s gleich wieder in die nächste Runde. Völlig manisch. Solche Texte sind für mich der stärkste Beleg: Luthers ganze Gnadentheologie hat ihn selbst nicht davor bewahren können, dass ihn die Anfechtungen seiner Jugend wieder einholten. Am Ende seines Lebens fand er mitnichten zu einer gelassenen Seelenruhe, sondern stürzte in die alten Abgründe, die alten Ängste und Verzweiflungen zurück.

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