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Salzburger Festspiele: Don Giovanni Hoch auf dem Kofferwagen

Zur Salzburger Festspieleröffnung: Ein mehr kurioser als packender „Don Giovanni“, inszeniert von Sven-Eric Bechtolf, dirigiert von Christoph Eschenbach. Die Szene spielt in einem Hotel, was Charme hat, Nachteile aber auch.

28.07.2014 17:50
Hans-Klaus Jungheinrich
Das fatale Abendessen: Don Giovanni und Leporello bei den Salzburger Festspielen. Foto: Michael Poehn/Salzburger Festspiele

Zwei recht verschiedene Erfahrungen gibt es mit „Don Giovanni“-Inszenierungen. Die eine: Man schaut und denkt, na schön, da gelingt ein Detail, da wieder weniger, mal sogar ein Blitzeinfall, dann wieder die normalen Durststrecken. Ein großes Stück, aus viel Kleinem zusammengesetzt. Die andere, zugegeben viel seltenere Erfahrung: Man schaut und denkt, nein, so hat man das noch nie gesehen. Das passierte mir zuletzt, es ist schon etliche Jahre her, in Heidelberg.

Die diesjährige Salzburger Festspieleröffnung präsentierte Mozarts „Oper aller Opern“ mehr von der ersten Sorte. Sven-Eric Bechtolfs Ideenkonzept rüttelt sich zusammen aus kühnen Einfällen, munter servierten Bühnenklischees (allgegenwärtige Koffer-Metaphorik), soliden Figuren-Arrangements und beherzter Komödiantik. Brillant auschoreografiert etwa die Tötung des Komturs am Anfang: Der unbewaffnete Giovanni führt den Dolch in Donna Annas Hand beim tödlichen Stoß. Eine zur Triade gesteigerte Zweiergruppe dann später auch Giovannis handgreifliche Mitwirkung bei Leporellos falschem Werben um Elvira.

Der aparte psychologische Schliff der Eingangsszene prägt auch noch die letzte Arie Annas, mehr der Beziehung zum Vater (dessen steinernen Kopf sie wegträgt und ansingt wie Salome das Haupt des Jochanaan) als dem Bräutigam geltend.

Bechtolf lässt die Oper im Hotel spielen. Das Hotel, der denkbar welthaltigste aller Schauplätze. Aber auch ein Allerweltsschauplatz, in dem potentiell die ganze Literatur sozusagen in den dritten Akt von Strauss/Hofmannsthals „Arabella“ einfließt. Rolf Glittenberg baute dafür nun ein ansehnliches Palasthotel-Vestibül mit viel braunem Holz im Galerieaufbau und den rückwärtigen Wandverstrebungen. Eine elegante, leise Art-déco-Assoziationen auslösende, aber in ihrer steifen Symmetrie auch etwas langweilige Szenerie.

Im Statistengewusel

Belebung erfuhr sie nach Kräften auch durch Statistengewusel. Die handelnden Personen entkleideten sich ungeniert in dieser Hotelhalle und kamen hier auch zur Sache. Da konnte hinter den vielen Zimmertüren nicht viel verborgen bleiben. Sehr professionell aussehende Hoteldetektive schritten zuweilen auch zu mühsam diskret kaschierter Gewaltanwendung.

Im Hotel nivellieren sich natürlich die gesellschaftlichen Unterschiede. Die historische Dimension des Stoffes war mithin eliminiert, die Adelssphäre blieb diesmal Zitat. Bechtolf konnte sich dabei auf Kierkegaards Mythisierung der Figur und ihrer heroisch-existentialistischen „libertà“ berufen.

Der Titelheld wurde, kernig gesungen, von Ildebrando d’Arcangelo denn auch nicht wie von Slevogt gemalt verkörpert, sondern mehr wie Schwarzeneggers kleiner Bruder, der gerne seinen Bizeps zeigt, viel rennt und auch sonst recht sportiv ist – die Serenade im zweiten Akt absolviert er balancierend hoch auf einem Kofferwagen.

Leporello (Luca Pisaroni) tut sich schwer mit dem Doppelgängermotiv, zumal er, eine zum Schrank geratene Jerry-Lewis-Gestalt, fast einen Kopf größer ist als sein Herr. Donna Anna fällt kleidungsmäßig (Kostüme: Marianne Glittenberg) zunehmend in Trauer, darf sich zwischendurch aber doch auch einmal im weinroten Dessou zeigen. Lenneke Ruiten singt ihre Linien wie mit dem Silberstift gezogen. Viel stärker expressiv durchwärmt, ja echauffiert die Elvira von Anett Fritsch, gegen Ende im weißen Nonnenhabit und beim Schlussensemble (in das sich noch Höllenrauch hineinverirrt) mit stumm-freundlichem geistlichen Beistand.

Interessant die Zerlina von Valentina Nafornita: superschlank und hoch aufgeschossen wie die junge Cosima Wagner, dabei stimmlich dominant als echte „prima donna“ mit besonders reicher, modulationsfähiger Mittellage. Die geborene Aristokratin also und keine Spur von ländlich-sittlich. Dabei markiert sie, wenn sie nicht wirkungsvoller im Brautkleid oder in Unterwäsche auftritt, eine schlichte Hotelbedienstete. Der zauberhafte (und zauberhaft gesungene) wiegende Schlussteil ihrer ersten Arie wird übrigens befremdlicherweise als Schlafmittel dramaturgisiert, bei dem ältliche Gestalten sich auf der Szene zum Schlummer ausstrecken.

Ein sensationeller Komtur

Mehr nobler Hotelgroom als bäuerlicher Dickkopf auch Alessio Arduinis Masetto mit wohlklingendem Bariton. Andrew Staples, Ottavio, steigerte seine von der Regie etwas unentschieden formulierte Virilität in seiner zweiten Arie stimmlich imposant. Eine wirkliche Sensation der machtvolle Bass des Commendatore von Tomasz Konieczny. Sein letzter Auftritt im „magischen“ Aquarium wirkte wie ironische Restmetaphysik. Schon nicht mehr subtil die wie aus einer böhmischen Volksoper übernommene, bereits in das dämmrige Tableau vivante der Ouvertüre hineingeisternde, pantomimisierende Teufelsgestalt.

Christoph Eschenbach dirigierte mit einer insgesamt geglückten Mischung von aufmerksamer Flexibilität und bedeutsamer Gemessenheit, wobei die romantische Wiedergabetradition – starke Tutti-Akzente der Ouvertüre und des Höllensturzes – nicht vergessen war. Eine auf Anhieb zündende, gleichsam auf Unwiderleglichkeit pochende Lesart kam dabei allerdings nicht zustande, zumal die Wiener Philharmoniker den bewährten philharmonischen Wohlklang gewährten, der sich auch negativ beschreiben lässt: kein technischer Makel, keine geschmacklichen Fehlgriffe, kein Balance-Defizit.

Don Giovanni erhebt sich zuallerletzt quicklebendig vom Bühnenboden und findet neues Jagdwild. Bei Bechtolf triumphiert das Prinzip „libertà“ – das immerhin ist goutierbar in diesem ansonsten etwas kuriosen Inszenierungs-Allerlei. Giovanni, hier allerdings doch mehr Stehaufmännchen als herrisch-unvergängliche Autorität. Vielleicht auch deshalb unermüdbar, weil er sich vorher dreidreiviertel Stunden eher klein gehalten hat.

www.salzburgerfestspiele.at

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