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Salman Rushdie wird 70 Elf Jahre sind sie ihm schuldig

Am Montag wird der große Erzähler und Essayist Salman Rushdie siebzig Jahre alt. Damit war wegen der 1989 über ihn verhängten Fatwa nicht zu rechnen.

Salman Rushdie
In jeder seiner Zeilen steckt der Autor Salman Rushdie. Foto: epa

In einem kurzen Aufsatz erinnert Salman Rushdie daran, dass Cervantes und Shakespeare zwar beide am 23. April 1616 sterben, dass es sich dabei aber nicht um denselben Tag handelte. 1616 war Spanien bereits auf den Gregorianischen Kalender umgestiegen, während England noch den Julianischen Kalender benutzte. Der lag elf Tage zurück. Eine Demonstration seiner historischen – Rushdie studierte Geschichte – Akribie?

Zwei Zeilen später wird klar, dass es eine ironische Anspielung auf das eigene Schicksal ist. Rushdie erinnert auch an die Demonstrationen, die 1752, als auch England auf den Gregorianischen Kalender umgestellt wurde, durch die Straßen Londons zogen und lautstark riefen: „Gebt uns unsere elf Tage zurück!“ Ich sehe ihn vor mir, wie er sich amüsierte, als er diese Zeilen im Jahre 2015 hinschrieb. Elf Jahre mindestens hätte er zurückfordern müssen vom Ayatollah Khomeini, vom iranischen Staat. Am 14. Februar 1989 erklärte der Rushdie für vogelfrei. Rushdies Roman „Satanische Verse“ richte sich gegen Islam, Mohammed und Koran. Jeder Moslem habe nicht nur das Recht, sondern die Pflicht, wenn sich ihm die Gelegenheit biete, den Abtrünnigen zu töten.

Um der Sache Nachdruck zu verleihen, wurde auch gleich eine Belohnung von einer Million US-Dollar für die Ermordung Rushdies ausgesetzt. 1991 wurde das Kopfgeld verdoppelt. 2012 noch einmal auf 3,3 Millionen Dollar erhöht und im vergangenen Jahr noch einmal auf mehr als vier Millionen Dollar aufgestockt. Jahrelang lebte Rushdie rund um die Uhr unter Polizeischutz.

Es gab kaum einen Schritt, den er ohne seine Aufsichtsbeamten tun konnte und definitiv keinen, den er nicht hätte absprechen müssen mit ihnen.

„Gebt uns unsere elf Tage zurück!“ berührte ganz sicher seinen Sinn für Komik, das weise Geschwister der Hilflosigkeit.

Heute wird Salman Rushdie siebzig Jahre alt. Damit war nicht zu rechnen. Desto glücklicher sind wir. Denn Salman Rushdie verdanken wir eben nicht nur die Wahrheit über den militanten Islam, sondern ich bin versucht zu sagen „vor allem“, einige der schönsten, witzigsten, brillantesten, klügsten Bücher, die es überhaupt zu lesen gibt. Cervantes und Shakespeare, schreibt Rushdie, haben uns beigebracht, dass Literatur nicht Komödie oder Tragödie, nicht lyrisch oder politisch sind, sondern sehr wohl alles Mögliche gleichzeitig sein können. Das eigene Schicksal unter einer sehr realen Morddrohung leben zu müssen in der ironischen Spiegelung eines mehr als zweihundert Jahre zurückliegenden Aufruhrs „Gebt uns unsere elf Tage zurück“ wiedererkennen zu können, setzt eine gerüttelt Maß an Egozentrik und mindestens ebenso viel Abstand von sich voraus.

Die Phantasie ist das Mittel, das einem hilft, jenen Abstand von sich zu bekommen, durch den man sich näher kommt, sich besser erkennt. Darüber hat Rushdie sehr viel geschrieben. Vor allem aber führt er es uns mehrmals auf jeder Seite seiner Bücher vor. In jeder Zeile steckt der Autor. Aber er versteckt sich. Mitten im Spiel mit realen Personen der Zeitgeschichte, historischen Größen, mit Popsongs und klassischer indischer Musik, mit Tanz und Bollywood-Filmen, mit gewaltigen Lügengeschichten und kleinen Beobachtungen, die den Leser kaum einmal zur Ruhe kommen lassen, steckt immer der Autor. Manchmal liegt er wie Edgar Allan Poes „Entwendeter Brief“ groß und sichtbar vor aller Augen und wird gerade darum nicht entdeckt.

Sein Roman „Zwei Jahre, acht Monate und achtundzwanzig Nächte“ zum Beispiel handelt, so ist das erste Kapitel überschrieben, von „Den Kindern von Ibn Rushd“. Ibn Rushd (Averroës) – nach ihm ist die gerade in Berlin eingeweihte liberale Moschee benannt – war ein muslimischer Philosoph des 13. Jahrhunderts, nachdem Salman Rushdies Vater sich umbenannt hatte. Wer Salman Rushdies Autobiographie „Joseph Anton“ nicht gelesen hat, der wird den phantastischen Roman um die Liebe eines weiblichen Dschinn – wir kennen einen dieser Geister aus „1001 Nacht“; er kommt Aladin aus der Wunderlampe zu Hilfe – zu dem gelehrten Aristoteleskommentator zwar verschlingen, aber er wird das riesige Selbstporträt darin nicht erkennen.

Salman Rushdie spielt mit dem offenbaren Geheimnis. Seine Bücher zu lesen, ist eine Lust. Aber ihr vorangegangen ist die Lust des Autors sie zu schreiben. Die Wechsel der Tempi, der Stimmungen, das Vorantreiben einer Handlung, das Abbiegen in einen Nebenzweig der Geschichte, in dem sich dann die Hauptgeschichte spiegelt, das alles macht dem Autor sichtbar Vergnügen. Er liebt es, seinen Assoziationen zu folgen, auch die absurdesten noch plausibel zu machen und die Plausibilität zu zerstören.

Es gibt in Rushdies Romanen kein Entweder-Oder. Sie besingen alle das Und. Sie sind vollgestopft mit Geschichten, Personen, Gegenständen und dann wieder wird das alles weggeräumt und plötzlich steht der Erzähler oder eine seiner Figuren ganz allein da. So wie es uns ergeht, bis wir merken, dass es keine Sekunde gibt, in der wir nicht Milliarden von Lebewesen mit uns herumschleppen. Und Gedanken, Erinnerungen, Wünsche dazu. Wir sind niemals allein. In uns steckt die Weltgeschichte.

An einer Stelle schreibt Rushdie, wenn ich mich recht erinnere, mit sechzehn glaube man noch, man könne seinen Vater loswerden. Später schaut man in den Spiegel und erkennt ihn in sich, man merkt, wie die eigenen Gesten seine wiederholen. Man entkommt der Geschichte nicht und nicht der Gegenwart und schon gar nicht der Zukunft.

Salman Rushdies Geschichten und seine Geschichte lehren uns, das nicht als schreckliches Verhängnis zu sehen, sondern als Reichtum, als Möglichkeit, mehr als nur man selbst zu sein, als Chance sich immer wieder in immer neuen Zusammenhängen zu entwerfen.

Dafür danken ihm zu seinem 70. Geburtstag Millionen Leser auf der ganzen Welt. Am 5. September wird sein neuester, sein zwölfter Roman erscheinen: „The Golden House“. Am selben Tag auch bei C. Bertelsmann die deutsche Übersetzung unter dem Titel „Golden House“. Das Buch spielt in den Jahren der Obama-Regierung und sein Held ist ein rücksichtsloser, narzisstischer, medienbesessener New Yorker Immobilienhändler, der Make-Up trägt und seine Haare färbt.

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