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Russland Lenin lebt - in Nowosibirsk

Und plötzlich dachte ich an die Energieverschwendung: Wie ich in Sibirien merkte, dass ich längst eine Westlerin bin. Von Marica Bodrožic

13.12.2008 00:12
Marica Bodrozic lebt als Schriftstellerin in Berlin und ist zurzeit auf Einladung des Goethe-Instituts Stadtschreiberin von Nowosibirsk. Foto: dpa

Seine Statue steht direkt vor der Oper - überlebensgroß, in guter alter Sowjetmanier bestimmt er den ganzen Platz, und der ist natürlich nach ihm benannt. Umgeben von Arbeitern, schaut Lenin kämpferisch nach vorne, das säulengepanzerte Opernhaus sieht dabei, obwohl es groß und imposant ist, wie eine bedeutungslose Kulisse aus. Und vor dem visionär nach vorne Schreitenden erstreckt sich, wohl damit es keine psychologischen Missverständnisse gibt, wer hier der Anführer ist, die nach ihm benannte Straße: Ulica Lenina.

Bevor die jungen Leute abends in Nowosibirsk ausgehen, treffen sie sich bei der großen Leninstatue, gleichsam zu seinen Füßen hat sich dieser Treffpunkt etabliert. Spricht man mit ihnen, so sind sie ihm gegenüber keineswegs negativ eingestellt, seine Revolutionsenergie wird hier noch immer geschätzt. Nach seinem Tod haben die Menschen in Nowosibirsk sogar Geld gesammelt, um ein Haus für ihn zu erbauen.

Lange hatte man in Nowosibirsk diskutiert, ob die alten sowjetischen Straßennamen bleiben oder ausgetauscht werden sollen, aber man hat alles beim Alten belassen. Lenin - wer ist das für die heutigen Menschen? Ein Teil ihrer Vergangenheit und ihrer Jugend. Nicht alles sei damals in der Sowjetzeit schlecht gewesen, das hört man hier sehr oft, sehr ähnlich wie in vielen anderen einst kommunistischen Staaten in Europa. Wie könnte aber auch jemand in absoluter Ausschließlichkeit von einer durchgehend negativen Vergangenheit sprechen, wenn das eigene Leben davon betroffen ist?

Außerdem gibt's in Sibirien ganz andere Herausforderungen zu meistern, die Kälte beispielsweise, vor allem dann, wenn die Heizung wie dieses Jahr von Moskau aus nicht zum 15. September eingeschaltet wurde - üblicherweise geschieht dies zentral. Es sei doch aber überall warm, sagt mir eine Frau, und sie sieht dabei ehrlich aus, so ehrlich, dass ich ihr sofort glauben möchte - sofort, obwohl ich friere, egal wo ich bin. Heizung hin oder her, in Nowosibirsk hat man Lenin ganz bewusst noch nicht "Good Bye" gesagt.

Das alte Kino Pobeda ist neu restauriert worden, ein großer roter Stern ist aus weiter Ferne neben dem revolutionären Namen zu sehen: Pobeda bedeutet Sieg. Das jetzt prunkvolle Interieur des Kinos könnte genauso gut aus Paris oder Berlin kommen. Nur der rote Stern unterscheidet es von den alten europäischen Kinopalästen.

Der Bildende Künstler Constantin Sgotnajikov lacht laut, als ich Lenin im Vorbeigehen unseren "good old friend" nenne. Mit russischem Akzent wiederholt er meinen Satz immer wieder. Links von Lenins Statue befindet sich die Kunstakademie, an der Constantin Professor ist. Bekannt geworden ist er in Nowosibirsk aber auch als ein Aktivist der Künstlergruppe "Sinije nosi" - "Blaue Nasen". Constantin hat, die wirtschaftlich erfolgreiche Londoner Galerie "White Cube" paraphrasierend, eine Art Holzdatscha vor seinem Haus aufgestellt: "White Cube von Nowosibirsk" steht in kalkweißen Buchstaben auf dem Objekt. Hier stellt kein Damien Hirst aus, der mit seinem in Formaldehyd eingelegten Tigerhai weltweite Berühmtheit erlangte. Im sibirischen "White Cube" wird kein Geld mit Haien verdient. Constantin lacht wieder schelmisch, als ich wissen will, was sich denn in seinem "White Cube" befinde. Nichts, sagt er, weiße Wände, was denn sonst. Als ich ihm erzähle, dass ich nach Akademgorodok fahren will, lacht er wieder. Da seien alle schon schrecklich fleißig, schon beim Zähneputzen fleißig, sagt er, man stehe gleich am Morgen der Forschung zur Verfügung.

Von der so oft beschriebenen Stille Sibiriens ahnt man im Zentrum von Nowosibirsk nichts. Es gibt keinen Stillstand. Die Geräusche der Moderne haben sich hier, genauso wie Madonnas Videoclips, längst etabliert. Aber nur vierzig Kilometer weiter weg, im Wissenschaftsstädtchen Akademgorodok, sieht alles anders aus. Die Zeit scheint hier stehen geblieben zu sein. In einem grünen Waldgebiet aus Birken und Kiefern am Ufer des aufgestauten Sees Obskoje Morje, weit hinter dem Ural, ist Nikita Chruschtschows Vision einer Akademikerstadt 1957 Wirklichkeit geworden. In der sprichwörtlichen Stille Sibiriens wurde damals die gesamte sowjetische Forscherelite versammelt. Zehntausende Kernphysiker, Chemiker, Biologen, Geologen, Mathematiker, Wirtschaftswissenschaftler fanden hier ein neues Zuhause. Dutzende Wissenschaftler aus Akademgorodok wurden für ihre Entdeckungen mit Preisen überhäuft. Der Mathematiker Leonid Kantorowitsch erhielt sogar den Nobelpreis.

Doch die Elitezeit des Städtchens ist längst vorbei. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion wurde hier niemand mehr gefördert, und die meisten Forscher wanderten in die USA aus. Kaum jemand ist zurückgekehrt. Noch immer sind tausende von wissenschaftlichen Mitarbeitern, Doktoren und Professoren hier beschäftigt. In sozialistischen Häuserblocks sind sie untergebracht, es gibt verschiedene Stadtteile, Bäume überall, zwitschernde Vögelchen und Stille, fast unheimliche Stille. Es gibt Stadtteile, die Namen wie ,,Mikroregion D" tragen und nach etwas aus "Star Trek - the next generation" klingen. Akademgorodok wirkt auf mich wie eine kleine Geisterstadt, obwohl überall reges Leben herrscht, an den baumgesäumten Straßen getrocknete Früchte, frisches Obst und Blumen verkauft werden. Die Hauptader von Akademgorodok ist die Lawrentjew-Allee, einmal landete sie als die wissenschaftlichste Straße der Welt im Guinness-Buch-der-Rekorde. Die Heizungen sind im Städtchen alle schon an, Fenster fast überall geöffnet. Man kann die Heizkörper nicht regulieren. Bei einem Treffen mit der jungen Historikerin Katjuschka und ihrem Freund Micha sage ich, das sei doch Energieverschwendung und außerdem sei es doch ungesund, in überheizten Räumen zu schlafen. Sie lachen beide über mich, später, im richtigen Winter, da sei es doch dann ohnehin so kalt, dass man gar nichts regulieren wolle.

Das leuchtet mir ein, Energieverschwendung, an so etwas scheinen nur Leute aus dem Westen zu denken. Dabei zähle ich mich im Westen selbst gar nicht zu den Leuten aus dem Westen. Ich bin im ehemaligen Jugoslawien geboren, das hilft mir hier, wenigstens kann ich Kyrillisch lesen. Und die slawischen Sprachen ähneln einander zumindest so weit, dass man ein Omelett mit Kräutern, Tomaten und Käse bestellen kann und so ein Omelett dann auch wirklich bekommt.

Obwohl ich im Zentrum Nowosibirsks ohne Heizung friere, will ich lieber nicht in Akademgorodok wohnen. Mir kommen ständig hysterische Gedanken, Sätze huschen mir durch den Kopf wie "Im Wald wohnt der KGB" oder "Später bist du tot, später, nach dem Tee". Katjuschka erzählt mir auf dem Weg zu ihrer Datscha, dass Informatiker jetzt im Städtchen sehr gefragt sind. Amerikanische Hightech-Firmen haben sich hier niedergelassen, Computerspiele, die Kindern in San Francisco geschenkt werden, entwickeln die Russen hier.

Die Birken- und Kiefernwälder sind noch bunt. Überall sind Apfelbäume zu sehen, mit märchenhaft kleinen, roten Äpfelchen, die besser schmecken als alle Äpfel, die ich je gegessen habe. Es fängt an zu regnen, wacker läuft mir Katjuschka voraus, ich, leider in Schuhen mit Absätzen, ebenso wacker ihr hinterher. Es gehe gar nicht darum, nur ein Häuschen zu haben, das Gehen durch den Wald sei ebenso wichtig. Auf dem Rückweg sind wir müde, fast zwei Stunden bin ich ihr hinterher gegangen, immer im Glauben, wir seien gleich da. Erst warten wir auf einen Bus. Katjuschka sagt, er komme in zehn Minuten. Der Kapitalismus bricht voll in mir aus, ich wünsche mir eigentlich ein Taxi. Ich bin mir sicher, dass dieser Bus nie kommen wird, sage es aber nicht laut. Nur Wälder um uns herum, grimmig vorbeifahrende Autofahrer. Ein alter Mann mit einer dicken Brille steht auch da, sonst weit und breit kein Mensch. Katjuschka fragt ihn etwas und er schreit sie an, jedenfalls kommt mir das wie Anschreien vor, was er ihr antwortet. Sie bleibt höflich. Wir sollten doch versuchen zu trampen, sage ich. Sofort ist sie einverstanden.

Eine halbe Stunde später nimmt uns endlich ein junger Mann mit, ein Kirgise, vielleicht. Jetzt treibe ich noch ein Ticket für den gelben Minibus auf und freue mich, zurück ins Zentrum von Nowosibirsk zu fahren, wo es zwar noch keine Heizung gibt, aber wo es schön laut ist und wo ich nie an den KGB denke. Draußen auf den Straßen sind alle in Mäntel, Mützen, Schals eingepackt. In den Cafés stehen plötzlich halbnackte Russinnen in kurzen Kleidern vor einem, sommerlich, ärmellos, so dass man sich an diesen Anblick auch erst gewöhnen muss.

In Nowosibirsk leben fast zwei Millionen Menschen. Überall wird laute Musik gehört. Große moderne Apple-Bildschirme stehen in den Cafés bei gutem Cappuccino den Besuchern zur Verfügung. Neueste Videospots werden übertragen. Und draußen in der noch größtenteils optisch unkapitalistischen Welt fahren verstaubte alte orangefarbene, blaue, schmutziggelbe sozialistische Busse und Autos, alte und neue Modelle, natürlich ist alles vertreten: Lada neben Mercedes. Züge in allen Farben! Grünblaue, orangerote, weißrote! Farben in allen Kombinationen, Lokomotiven, deren Anblick allein schon Lust aufs Weiterreisen macht. Auf dem Bahnhof von Nowosibirsk stehen auf der Anzeigetafel alle möglichen Verbindungen, Nowosibirsk - Taschkent klingt für mich nach einiger Zeit so selbstverständlich wie die Strecke Berlin - Köln. Aber auch an Verbindungen wie Nowosibirsk - Peking gewöhne ich mich langsam. China und die Mongolei sind um die Ecke, das denke ich jetzt mit einem gewissen Stolz nach dem Aufstehen, als hätte ich diesen Umstand ein wenig mitgestaltet.

Alles in dieser Stadt ist in Bewegung, kaum ein Kulturkreis, der hier nicht vertreten wäre. Sogar einen deutschen Stammtisch gibt es jeden Donnerstag, in einem italienischen Restaurant trifft man sich, bei Pizza, und tauscht Neuigkeiten aus. Da, beschließe ich, gehe ich auf keinen Fall hin.

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