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Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht „Es wurde offen zum Mord aufgerufen“

Interview mit dem Sozialwissenschaftler und Autor Klaus Gietinger über die Morde an Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht im Januar 1919.

Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg
Karl Liebknecht (Mitte) und Rosa Luxemburg im September 1909 in Leipzig, wo die SPD ihren Parteitag abhielt. Foto: dpa

Diese politischen Morde sind systematisch verschleiert worden. Die offizielle Legende hieß von da an: Es gab standrechtliche Erschießungen in dieser Nacht. Warum hat sich diese Legende so lange halten? 
1962 hatte die Bundesregierung offiziell diese Lesart herausgebracht. Der Autor dieses Kommuniques war ein früherer Drehbuchautor von NS-Propagandafilmen, Felix von Eckart, der gute Kontakte zu Pabst hatte, der nach dem Zweiten Weltkrieg Waffenhändler wurde. 

Die Mörder lebten lange. 
Ja. Sie sind fast alle sehr alt geworden. Auch Hermann Souchon lebte bis 1982. Er hat dann in den 60er Jahren noch geklagt gegen den Fernsehfilm des Südwestfunks, in dem er als Mörder dargestellt worden war. Tatsächlich hätte selbst das preußische Standrecht – das übrigens gar nicht ausgerufen worden war – nicht erlaubt, die beiden sofort zu töten. Auch das Standrecht verlangte eine Gerichtsverhandlung mit Verteidiger. Dann hätte noch einmal 24 Stunden gewartet werden müssen, bis ein oberer Befehlshaber das Urteil bestätigt hätte. All das gab es nicht. Es war einfach Mord. Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht wurden einfach abgeknallt. Und der Sozialdemokrat Noske hat es abgesegnet. 

Sie wenden sich in Ihrem Buch ganz direkt an die heutige SPD-Führung in Deutschland. Was erwarten Sie von der SPD-Spitze? 
Die SPD muss ihre Leichen im Keller mal aufräumen. Die Partei will sich ja erneuern, das finde ich auch gut. Dazu gehört auch zu sagen: Was damals mit Luxemburg und Liebknecht geschah, war Unrecht. Und die SPD trägt dafür Verantwortung. Danach hat Noske noch andere Morde verantwortet und rechtswidrige Befehle zur Ermordung von Gefangenen.

Wird denn die Rolle Noskes und der SPD heute noch geleugnet? 
Sie wurde lange Zeit geleugnet und verdrängt. Jetzt langsam erkennen einige in der SPD an: Das war ein Verbrechen und wir haben damit zu tun. Die Vorsitzende Andrea Nahles hat in einer Rede zur Novemberrevolution gesagt, dass Noske „wahrscheinlich“ die Finger im Spiel hatte bei der Ermordung von Luxemburg und Liebknecht. Das ist schon mal ein Anfang. 

Wie sind Sie bei Ihren Recherchen vorgegangen? 
Ich habe zu Beginn der 90er Jahre Dieter Ertel aufgesucht, den Autor des Films von 1968 (Regie führte Theo Mezger, Anm. d. Red.). Der hat mir viele Tipps gegeben. Ich habe die Nachlässe der Mörder studiert. Und ich hatte Kontakt zu den Rechtsanwälten, die in den 60er Jahren die Täter vor Gericht vertreten hatten. Das waren über 80 Jahre alte Männer. Ich traf den Anwalt Otto Kranzbühler. Der hatte als Verteidiger bei den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen 1946 den letzten Chef der Reichsregierung, Karl Dönitz, vor der Hinrichtung bewahrt. Kranzbühler hatte Ende der 60er Jahre den Hermann Souchon vertreten. Verrückterweise als Ankläger gegen den SDR und den Vorwurf, er, Souchon, habe Luxemburg erschossen. Kranzbühler hat mir das Telefonat Pabst-Noske bestätigt. Und dann habe ich natürlich viele Akten studiert. 
 
 

Sie schreiben diesem Mord vor 100 Jahren große Bedeutung zu für das, was dann in der Weimarer Republik geschah. Sie sagen, dieser Mord hat die Gegensätze zwischen Sozialdemokraten und Kommunisten so vertieft, dass sie nicht zu gemeinsamem Widerstand gegen Hitler fähig waren. 
Diese Morde haben die Spaltung zwischen SPD und KPD vertieft. Die KPD hat sich leider in der Folge stalinisiert. Weder Luxemburg noch Liebknecht hätten das mitgemacht. Die SPD ihrerseits hat ihre Verantwortung für die Morde verdrängt. Die beiden konnten nicht mehr miteinander reden. 

Interview: Claus-Jürgen Göpfert

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