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Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht „Es wurde offen zum Mord aufgerufen“

Interview mit dem Sozialwissenschaftler und Autor Klaus Gietinger über die Morde an Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht im Januar 1919.

Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg
Karl Liebknecht (Mitte) und Rosa Luxemburg im September 1909 in Leipzig, wo die SPD ihren Parteitag abhielt. Foto: dpa

Wir kennen uns seit den 90er Jahren. Da war Klaus Gietinger einer der Aktivisten, die gegen das Mega-Projekt „Frankfurt 21“ kämpften, einen unterirdischen Hauptbahnhof samt Bahn-Tunnel unter der Stadt. Seine Vision ist die einer attraktiven Bahn, die das Auto überflüssig macht. Der Sozialwissenschaftler, Autor und Regisseur fährt konsequent nur Bahn. Wir treffen uns, wie schon mehrfach, in der DB-Lounge des Hauptbahnhofs. Obwohl sein Zug eine Stunde Verspätung hatte, ist Gietinger gut gelaunt. 

Herr Gietinger, vor bald 100 Jahren, in der Nacht vom 15. auf den 16. Januar 1919, wurden Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht, Führungspersönlichkeiten der deutschen Arbeiterbewegung, ermordet. Seit drei Jahrzehnten beschäftigen Sie sich als Wissenschaftler und Autor mit diesen politischen Morden. Was fasziniert sie an diesem Thema?
Vor dreißig Jahren sah ich die Wiederholung eines zweiteiligen Fernsehspiels aus dem Jahr 1968, in dem es um die Taten ging, von Dieter Ertel im Süddeutschen Rundfunk. Er hatte sehr genau recherchiert. Ich sah das und dachte: Da ist ja noch vieles unaufgeklärt. Ich wollte eigentlich einen Film darüber drehen, doch den bekam ich nicht finanziert. Das Thema hat damals niemanden interessiert. 

In den 60er Jahren galt ja die These: Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht seien Opfer einer standrechtlichen Erschießung geworden, das sollte zumindest noch den Anschein einer gewissen Ordnung erwecken. Sie haben herausgefunden, dass es ganz anders war. 
Ja. Waldemar Pabst, der erste Generalstabsoffizier der Garde-Kavallerie-Schützen-Division (GKSD), die die Morde beging, kannte 1962 den Pressesprecher der damaligen Bundesregierung, Felix von Eckart. Also war es auch nach dem Zweiten Weltkrieg leicht, eine Legende aufzubauen. Die GKSD war Anfang 1919 ein rechtes Freikorps, das aber von der Reichsregierung herangezogen wurde, um den linken Aufstand damals in Deutschland niederzuschlagen. 

Wir tauchen ein in das dramatische Geschehen im Januar 1919 in Berlin. Es gibt einen Aufstand von Linken, von Spartakisten, gegen die SPD-geführte Reichsregierung. 
Karl Liebknecht war als einer der Anführer der Kommunisten mit dabei. Aber es war ein Massenaufstand, der spontan entstanden ist, nachdem der Polizeipräsident von Berlin, Eichhorn, entlassen werden sollte. Er gehörte der USPD an, darin hatten sich linke Männer und Frauen versammelt, die sich gegen den Ersten Weltkrieg und gegen die Kriegskredite gewandt hatten und aus der SPD geworfen worden waren. Es gab aber auch eher gemäßigte Politiker bei der USPD, wie etwa Eduard Bernstein und Karl Kautsky. Ab November 1918, mit dem Zusammenbruch des Kaiserreichs, kam eine Revolutionsregierung aus SPD und USPD mit dem späteren Reichspräsidenten Friedrich Ebert an der Spitze an die Macht. Diese Regierung der Volksbeauftragten, wie man sie nannte – und insbesondere Ebert –, kooperierte mit den alten Mächten des Kaiserreichs, mit den Militärs. Also zog sich die USPD, weil sie damit nicht einverstanden war, sehr rasch wieder aus der Regierung zurück. Der letzte Machtposten der USPD war der Polizeipräsident von Berlin, Emil Eichhorn. Der wurde von der Reichsregierung abgesetzt. Er wehrte sich aber dagegen und so kam es zum Aufstand von Links. 
 
Es gab einen sozialdemokratischen Minister in der Reichsregierung, das war Gustav Noske.....
.....der war damals für das Militär zuständig und faktisch der Oberbefehlshaber der Regierungstruppen. Und die bestanden im wesentlichen aus Freikorps. 

Das heißt also, ein sozialdemokratischer Minister bedient sich dieser rechtsradikalen Einheiten, um den linken Aufstand niederzuschlagen. 
Genau. 

Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg waren in diesen dramatischen Tagen so etwas wie Freiwild. Sie wurden von den Freikorps gesucht in Berlin. Was geschah dann? 
Schon im Dezember waren Tausende von Plakaten geklebt worden mit der Aufforderung: Tötet Liebknecht! Es wurde offen zum Mord aufgerufen. Liebknecht und Luxemburg haben sich versteckt. Rosa Luxemburg war hin- und hergerissen bei diesem Aufstand, wollte eigentlich nicht mitmachen. Sie dachte aber dann doch: Das ist die zweite Revolution. Sie hat die Sache in Artikeln befürwortet, hat sich aber dann wieder zurückgezogen. Beide blieben in Berlin und versteckten sich im bürgerlichen Stadtteil Wilmersdorf bei Freunden. Dort sind sie von einer Einwohnerwehr verhaftet worden, nachdem sie vorher verraten worden waren. Diese Einwohnerwehr wusste nicht, was sie mit den beiden machen sollte. Sie meldete an ihre obere Behörde und das war die Garde-Kavallerie-Schützen-Division. Die hatte in einem Luxushotel ihr Quartier aufgeschlagen, dem Eden, und dorthin wurden die beiden gebracht. Der Befehlshaber Pabst beschloss dann, sie umbringen zu lassen. 

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