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Roma Die Slums in der Mitte Europas

Der Dokumentarfilm „Slumdogs“ ist ein Versuch, Roma ihr eigenes Bild von sich und ihrer Situation zeichnen zu lassen. Lidija Mirkovic erhebt damit den Anspruch, neue Bilder gegen alte Klischees zu setzen.

Lidija Mirkovic, Tochter eines Serben und einer Roma, spricht von Zigeunern und dokumentiert deren Leben.

Wie oft sie die Aufnahmen auf ihrem Laptop schon betrachtet hat, kann Lidija Mirkovic gar nicht genau sagen. Zumindest so oft, dass sie sie schon fast auswendig kennt. Gesichter, die in die Kamera sprechen, Straßengeräusche aus den Belgrader Vorstädten. Menschen die in Bretterverschlägen sitzen, Müllhalden durchwühlen. Szenen eines Flohmarkts im Morgengrauen, irgendwo in der serbischen Provinz. Eine ganze Barackensiedlung im Schatten einer Autobahnbrücke. Auf Mirkovics Computer lagert eine riesige Materialsammlung, die sich schon bald zu einem Dokumentarfilm verdichten soll. „Slumdogs“ wird er heißen und Geschichten aus der Mitte Europas erzählen.

Lidija Mirkovic muss noch mit ihrem Kameramann telefonieren, vermutlich auch mit ihrer Cutterin. Ihre Wohnung am Rande der Belgrader Innenstadt, eigentlich nur ihr Zweitwohnsitz, ist zur Koordinationszentrale ihres Filmprojekts geworden. In den letzten Monaten hat sie hier öfter Journalisten aus Deutschland empfangen, die von ihrer Arbeit gehört haben. „Was willst du über die Slums wissen?“, fragt sie ihre Besucher, bevor sie ihnen erste Ausschnitte aus „Slumdogs“ zeigt.

Über Mirkovics Bett hängt ein Plakat. Unbeteiligt blickt eine schwarzhaarige, vollbusige Carmen auf das Geschehen in dem Einzimmer-Appartement. „Was weißt du eigentlich über Zigeuner?“, lautet für gewöhnlich Mirkovics zweite Frage.

Bilder aus den Elendsquartieren

Belgrad ist die Hauptstadt Serbiens. Und das liegt bekanntermaßen auf dem Balkan. Wenn in Westeuropa von dieser Weltgegend die Rede ist, werden gerne Umschreibungen wie „vor unserer Haustür“ gewählt. Eine Ecke des Kontinents, die irgendwie nicht richtig dazugehört, uns zumindest nicht tangiert, solange sich der Krach da draußen in Grenzen hält. In Serbien leben schätzungsweise eine halbe Million Roma. Als im Herbst 2012 wenige Tausend davon tatsächlich in Deutschland „vor der Haustür“ standen und um politisches Asyl baten, erwachte urplötzlich in den deutschen Medien das Interesse an Europas größter ethnischer Minderheit.

Den allergrößten Teil ihres Materials hatte Mirkovic da bereits zusammen. Neun Monate hat sie gemeinsam mit mehreren Kameramännern das Leben in den Elendsquartieren der Roma festgehalten, in ebenso eindringlichen wie ungeschönten Bildern. Hat die Einwohner dazu gebracht, über sich selbst zu sprechen. Das gelang ihr, weil sie mitten unter ihnen gelebt hat, in Belvil, einst die größte von geschätzt 170 „informellen Siedlungen“, wie sie von der Stadtverwaltung genannt werden.

„Ich sage Slums, einfach weil es Slums sind.“ Mirkovic sagt auch Zigeuner, wo man in Westeuropa lieber Sinti und Roma sagt. Sie kann ein halbes Dutzend guter Gründe aufzählen, warum sie Zigeuner sagt. Der wichtigste aber ist, dass sich die Menschen, mit denen sie zusammengelebt hat, selbst so bezeichnen. Und weil es das ist, als was sich Mirkovic immer selbst gesehen hat: als Zigeunerin.

Falsche Bilder

Mirkovic ist die Tochter eines Serben und einer Roma. Als sie neun war, zog die Familie aus Belgrad nach Deutschland, von wo Mirkovics Roma-Großmutter einst vor der Verfolgung der Nazis geflohen war. Sie selbst wird selten für eine Zigeunerin gehalten. Eine drahtige Endvierzigerin mit silbernen Locken, die ihren Gesprächspartnern gleichermaßen offen wie resolut entgegenkommt.

„Es gibt zwei Arten von Bildern, die man sich von Zigeunern gemacht hat“, glaubt Mirkovic. Das von Rassetheorien geprägte Klischee vom vagabundierenden Fremdkörper unter den Völkern Europas. Und eben das andere, positiv überhöhte: Zigeuner als Verkörperung von Exotik, Freiheitsdrang und Rastlosigkeit, Zigeunerfrauen als rassige Verführerinnen à la Carmen. „Beide haben unglaublichen Schaden angerichtet.“

Bilder sind Mirkovics Metier. Seit über einem Jahrzehnt dokumentiert sie das Leben der Zigeuner in Serbien. Sie hat Belvil festgehalten, bevor es im April 2012 geräumt wurde. Sie hat die Roma besucht, die in Ausweich-Container-Quartiere umgesiedelt wurden. „Wir haben nicht versucht, einen explizit politischen Film zu machen“, betont Mirkovic, „wir wollten das Leben in den Slums zeigen, wie es eben ist.“ „Slumdogs“ ist ein Versuch, Zigeuner ihr eigenes Bild von sich und ihrer Situation zeichnen zu lassen.

Die Quintessenz: Mitten in Europa gibt es Slums. Sie funktionieren wie jeder andere Slum auf der Welt, wo sich Menschen mit der ihnen aufgedrängten Armut arrangieren müssen. Was im Westen als „Teil der Zigeunerkultur“ wahlweise verklärt oder gebrandmarkt wird, ist tatsächlich die Folge unerträglichen Elends. Diese Realität lässt sich nicht vor die eigene Haustür verbannen, indem man ihre Folgen zur Wesensart einer bestimmten Ethnie erklärt.

Wie lange „Slumdogs“ noch brauchen wird, kann Lidija Mirkovic nicht abschätzen. Sie will möglichst bald fertig werden. Irgendwann, wenn dieses Projekt abgeschlossen ist, möchte sie sich wieder Carmen zuwenden. Eine Neuinszenierung von Bizets Oper, das wäre ihr Traum: „Als erste Frau. Und als erste Zigeunerin.“ Ihr Anspruch wird aber wieder derselbe sein: neue Bilder gegen alte Klischees.

Lidija Mirkovics Arbeit ist in Teilen im Rahmen der Filmschau des Cinema Romani im Collegium Hungaricum Berlin zu sehen. Dorotheenstraße 12, vom 31. Mai bis 2. Juni.

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