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Rolf Boysen ist tot Der letzte Gigant

Der Mann, der uns zeigte, wer Wallenstein und Shylock sind: Der Schauspieler Rolf Boysen ist im Alter von 94 Jahren in München gestorben. Fast bis zuletzt stand er auf der Bühne, fast 75 Jahre lang.

16.05.2014 17:39
Peter Iden
Wallenstein
Rolf Boysen als „Wallenstein“ in Franz Peter Wirths Fernsehfilm nach Golo Mann. Foto: dpa

Viel Raum ist gewesen für viele Schicksale in der Zeit des langen Schauspieler-Lebens, das für Rolf Boysen, geboren 1920, jetzt an das Ende gekommen ist. Glückliche Zeit – man wird denken dürfen: nicht nur für seine Zuschauer, daran ist kein Zweifel, sondern auch für ihn selbst.

Er hat arbeiten und auftreten dürfen mit den Besten seines Metiers und mit einigen der Regisseure, die im vergangenen Jahrhundert dem Theater öffentliche Wirkung, Bedeutung, Würde gewonnen haben. So verbindet sich der Erinnerung an ihn die Erinnerung an Auftritte mit ihm, von Schauspielern wie Peter Lühr und Thomas Holtzmann, Krista Keller und Sunnyi Melles, von Regisseuren wie Fritz Kortner, Erwin Piscator, Hans Bauer, Hans Lietzau, Fritz Marquardt, Peter Palitzsch, Thomas Langhoff und Dieter Dorn.

Die leise Dringlichkeit

Viele von deren Inszenierungen mit Boysen sind zu legendärem Theaterruhm gekommen, Kortners „Othello“ zum Beispiel, 1961, Boysen mit geschwärzten Zügen in der Titelrolle, der Kritiker Joachim Kaiser bemerkte damals an Boysens Darstellung „große, leise Momente . . . als dieser Othello von dem Zauber sprach, der das ererbte Taschentuch umgab, da klang der Ton eines afrikanischen Mysteriums, eine Wüstenmagie durch“.

Solche leise Dringlichkeit, ein reflektierter Ton, der sich offen hielt für das Geheimnis der tradierten dramatischen Texte, nicht sie vorschnell verriegeln wollte gegen auch die eigenen Zweifel – Boysen hat sich dazu bekannt, diese Haltung vor allem an Kortner bewundert und von ihm gelernt zu haben.

Die Rollen, die ihm angetragen wurden und die er übernommen hat, haben die Dichter vieler Epochen, von der Antike bis zur Gegenwart ihm geschrieben. Tatsächlich wirkte das oft so: Als hätten die Dichter ihn im Sinn gehabt. An den Theatern, an denen Boysen spielte, hat er ihnen Heimat gegeben. Und sich selbst den immer gefährdeten Ort, der am Theater Heimat heißt.

Am häufigsten, längsten und liebsten hat er, neben dem Deutschen Schauspielhaus in Hamburg und dem Burgtheater in Wien, zum Ensemble der Münchner Kammerspiele gehört. Immer wieder hat hier der Regisseur Dieter Dorn ihm Halt gegeben und war Rolf Boysen seinerseits zu einer Stütze der Aufführungen Dorn geworden. In einem späten Gespräch, das ich mit Boysen führen durfte, hat er beklagt, dass die lange Traditionslinie, wie er formulierte, „von Regisseuren, die genau arbeitend dem Text dienen“, sich offenbar nicht fortsetze, und so das Theater ganz und gar abgedrängt werde ins Unbedeutende, durch die eigene Nachlässigkeit. Der Nachdenkliche, der Boysen war, hat das mit Trauer bedacht.

Die große Treue

Die Treue, deren Preisgabe er an der Praxis vieler der Jüngeren beobachtete, hat er selbst nicht nur einmal, aber einmal in besonderem Maß Goethe und Fritz Kortner erwiesen. Das war als er in Hamburg 1970 mit Thomas Holtzmann und Krista Keller in Goethes „Clavigo“ auftrat. Die Inszenierung Kortners wurde wegen einiger vermeintlicher Längen vom Publikum nicht angenommen, jedoch schon bald darauf anlässlich eines Gastspiels in Berlin dort mit großen Ovationen gefeiert.

Dann starb Kortner – und nun, es war der Ausdruck ihrer Treue, zogen die Schauspieler, alle doch nun wirklich längst prominent, Boysen sehr dabei, mit der Aufführung durch die Lande, mehr als einhundertmal sind sie aufgetreten mit dem Stück, ich habe sie seinerzeit an mehreren Orten gesehen, auch auf Hilfsbühnen und in Bürgerhäusern: Erstaunlicher war Theater nie; und die Bewunderung für einen Schauspieler wie Rolf Boysen nie größer.

Am Freitag ist Boysen im Alter von 94 Jahren in München gestorben.

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