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Römerberggespräche Von Träumen und Trümmern

What’s left: Die Römerberggespräche fragen nach dem Erbe von ’68 – und ob man es bergen sollte.

Demonstration in Berlin, 1968
Berlin 1968. Der Widerstand formiert sich. Foto: imago

Als Feindbild ist ’68 jedenfalls quicklebendig. Als Knotenpunkt im Diskurs derjenigen, die den Rollback als Revolte inszenieren wollen, allgegenwärtig. Aber taugt ’68 auch als Trümmerfeld linker Träume, nicht eingelöster Glücksversprechen, als Vor- statt Feindbild? Oder ist der Blick längst verstellt durch 50 Jahre, Heldengeschichten und Schwarzweißbildbände? Was ist heute übrig, was ist links, „what’s left?“, fragen die Römerberggespräche am Samstag im Chagallsaal des Frankfurter Schauspiels, moderiert von Alf Mentzer und Insa Wilke. 

Für den Soziologen Armin Nassehi hinterlässt ’68 als „Generationslage“ dreierlei: Dauerreflexion, Dauermoralisierung und die Popkultur als Dauerberieselung, in der zumindest früher der Reflexionsprozess habe aussetzen, aber das Dagegengefühl als Pose beibehalten werden können. Den Imperativ, alles noch einmal zu hinterfragen, werde die Gesellschaft nicht mehr los, sagt Nassehi. ’68 habe „das Gespräch institutionalisiert“, ein Teil „des zivilisatorischen Fortschritts“ der Anerkennung von Pluralität. Inzwischen aber „amalgamieren“ die drei Erbschaften: Dauerreflexion und Dauermoralisierung würden zur Pose. Und während damals implizit linke, egalitäre Begriffe die Debatte prägten – zwinge man uns heute „Heimat, Leitkultur, Identität“ als Fixpunkte auf. Was ist dann noch links? „Sich dagegen zu wehren, den Identitätsfragen zu glauben.“

Eine Ablehnung identitärer Antworten fordert auch Sozialphilosoph Martin Saar. Er birgt aus den ’68er-Trümmern den Gedanken, dass das „Partizipations-, Gleichheits- und Teilhabeversprechern nur unvollständig eingelöst ist, in unserer parlamentarischen Demokratie“. Dieses „Ungenügensbewusstsein“, das eine „Radikalisierungsbedürftigkeit“ der Demokratie diagnostiziert, sei heute noch aktuell. Saar liest diese ’68-Erbschaft als die Forderung, die Demokratie zu verteidigen, zu vertiefen und zu erweitern – damals gegen den „Notstandsstaat“ (Agnoli), insbesondere jenseits des Parlaments und mit der Frage „Wer ist das Volk?“. Diese Politisierung des demos, dass die Demokratie sich fragen muss, wer dazugehört, und damit bekennt, das nicht immer schon zu wissen, hält Saar für zentral. Nicht zuletzt, weil unserer demokratischen Regelungen immer mehr Menschen betreffen, die nicht mitsprechen können, und weil so auf die „Heterogenität am Grund und im Herzen der Demokratie“ verwiesen wird. Die linke, demokratische Kritik der Demokratie bestehe geradezu im Aufwerfen dieser Frage – und der Ablehnung der identitären Grenzziehung („Wir sind das Volk!“). 

Historiker Ulrich Herbert warnt davor, ’68 zu überschätzen. Für ihn ist das lange Jahr 1968 in Westdeutschland Teil eines internationalen Phänomens, die deutschen ’68er auch Zeitgenossen beginnender Liberalisierungsprozesse. Die Proteste hierzulande seien der von Bürger- und Menschenrechten geprägten US-amerikanischen Bewegung ähnlicher gewesen als den klassenkämpferischen Bündnissen zwischen Studierenden und Arbeitern in Italien und Frankreich. 
Die entscheidende Differenz sieht Herbert im Bezug auf die NS-Geschichte. Die Studenten hätten damit eine bestehende Kritik radikalisiert, aber den Faschismusbegriff durch Überdehnung auf die Verhältnisse in der BRD auch banalisiert. Die Verzerrung des antiautoritären Aufschreis zum „bolschewistischen Kommandoton“ der K-Gruppen gehört für Herbert zu den abstrusesten Folgen von ’68, den Feminismus beschreibt er als „wichtigsten Erben“.

„Die Frauenbewegung war die erfolgreichste soziale Bewegung, die es überhaupt gegeben hat“, stellt auch Sozialwissenschaftlerin Gisela Notz im Gespräch mit Wilke und Historikerin Christina von Hodenberg fest. Wir müssen heute „aufpassen, dass das Rad der Zeit nicht zurückgedreht wird“. Eine der größten Leistungen der neuen Frauenbewegung sieht von Hodenberg im „Aufbrechen des Politikbegriffs“. Obwohl die ’68er-Bewegung mitunter von männlichen „Heroen“ dominiert worden sei, entwickelten die Frauen ihr zufolge eine Wirksamkeit, „die größer war, als die Theoriedebatten der Männer“. Ein Politikverständnis, das Privat- und Familiensphäre ausklammere, führe noch heute zu einem verengten Blick auf ’68, der nicht haltbar sei. Die Frauen waren „eine der wesentlichen Trägergruppen“ des Wandels, der häufig als bloß kultureller beschrieben werde, sagt von Hodenberg. Hier sei weitere Forschung nötig, auch weil in den „Meistererzählungen“ meist männlicher Forscher die Frauenbewegung oft kaum Platz finde. Von Hodenberg kritisiert auch die Interpretation von ’68 als Generationenkonflikt zwischen antifaschistischen Söhnen und nationalsozialistischen Vätern: In den Familien sei die NS-Vergangenheit von Verwandten tatsächlich viel zu selten Thema gewesen. 

Als Bezugspunkt über die Spektren hinweg dient ’68 zeitgenössischen Antikapitalisten bis heute, berichtet Protestforscherin Priska Daphi von Interviews mit „Blockupy“-Aktivisten. Die Chiffre stehe hier für die Geburtsstunde einer neuen linken Tradition, jenes neuen Politikverständnis jenseits der Institutionen. Der Allgemeinplatz, heute werde ja gar nicht mehr protestiert, stimme nicht. Seit 1968 sei vielmehr eine „Normalisierung“ von Protest in Deutschland zu beobachten – und der Anteil disruptiver, nicht gewaltförmiger Aktionsformen habe eher zugenommen. 

Für den Zeitzeugen und Politikwissenschaftler Wolfgang Kraushaar war schon ’68 die Rede von „der Linken“ eine „euphemistische Abstraktion“, die über Differenzen hinwegtäuschte. Die ’68er hätten zwar das Land umgekrempelt und gut daran getan, sagt er, aber ihr Vorbildcharakter für linke Politik in der Gegenwart sei begrenzt. Von der „Armee linker Geisterfahrer“, die sich nach ’68 mit den K-Gruppen in eine Sackgasse manövriert hätten, könnten Linke heute jedenfalls nichts lernen. Ein nicht geringer Teil der alten Neuen Linken sei „nah am Totalitarismus“ gebaut.

Und wer heute noch von der Arbeiterklasse oder gar der Revolution rede, übersehe, „dass dies alles kein Morgen hat“. Auf die Zunahme „neoliberaler Imperative“, auf die Globalisierung und die grenzenlose Digitalisierung, auf einen drohenden „technologischen Totalitarismus“ fehlten hingegen linke Antworten. Es mangele vor allem an politischen Akteuren, die mit den transnationalen Prozessen überhaupt mithalten könnten, so Kraushaar. Dabei sei die Linke nötiger als je, deren eigentliche Implikationen unabgegolten. „Nur wie kommt man dahin?“
Wenn etwas übrig ist von ’68, dann wohl dieser Traum, sagt Saar: Da fehlt etwas, das es jetzt nicht gibt. Aber wenn es sich (re-)konstruieren lasse, dann wohl „auf den Trümmern und auch mit den Elementen von ’68.“ Oder?

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