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Roberto Saviano im Interview Schönheit als Waffe

„Gomorrha“-Autor Roberto Saviano über die Mafia, das Talent und seine Theaterkarriere. Savianos neuestes Werk „Die Schönheit und die Hölle" ist eine Essay-Sammlung und in vielerlei Hinsicht das Gegenteil seines ersten Buches.

25.10.2010 18:46
Der italienische Autor und Journalist Roberto Saviano. Foto: dapd

Als er 2006 „Gomorrha“ veröffentlicht, ahnt der junge Mann aus Neapel nicht, wie grundlegend sein Zeugnis über die süditalienische Mafia sein Leben verändern wird. Das Buch wird zu einem Bestseller und Roberto Saviano zu einem Gejagten. Savianos neuestes Werk ist eine Essay-Sammlung. Wieder berichtet er von mafiosen Strukturen, die sich krakengleich ausweiten. Er erzählt aber auch von dem Kampf dagegen und von der Zauberkraft der Schönheit, des Talents. Mit diesem Buch geht er jetzt in die Theater. Es sind keine Lesungen. Auf der Bühne steht einer und erzählt. Von afrikanischen Immigranten, die in einem italienischen Ort als erste gegen die Mafia demonstrieren, von Menschen, die ihre Schwächen in Stärken verwandeln. Jetzt betrat er mit „Die Schönheit und die Hölle“ auch die Berliner Volksbühne.

Warum gehen Sie auf die Bühne?

Ich bin kein Schauspieler. Ich habe mich also wie ein Schmuggler in den Theaterraum geschlichen. Aber ich brauche diesen Raum. Weil ich Menschen begegnen, mit ihnen Kontakt aufnehmen möchte. Ich will Menschen sehen, ich will ihre Reaktionen sehen, auf das, was ich sage. Sie haben das jeden Tag. Überall. Am Arbeitsplatz, in der Kneipe, im Bus. Das habe ich alles nicht. Um mich stehen – glücklicherweise – immer meine Bodyguards. Ich bin Schriftsteller, gut, sagen Sie, dann schreiben Sie! Aber ich bin vor allem Erzähler. Ich erzähle Geschichten. Geschichten, die ich erlebt, die ich irgendwo gelesen, die ich erfunden habe. Auf der Bühne bin ich kein Schriftsteller mehr, sondern ganz und gar Erzähler. Also ich selbst. Und: der Theaterraum stellt für mich einen Ort der Freiheit da. Hier hole ich mir die Freiheit zurück, die mir an anderen Orten genommen worden ist.

Ihr neues Buch ist das Gegenteil des ersten. Der Dokuroman „Gomorrha“ lebt vom gelebten, der Essayband vom gelesenen Leben.

Roberto Saviano ist für viele mehr ein Augenzeuge als ein Schriftsteller. Das deutsche Publikum sieht mich vielleicht als einen italienischen Intellektuellen, der wahre Geschichten erzählt. In Italien hingegen werde ich gar nicht so sehr als Autor wahrgenommen. Für die Italiener bin ich in erster Linie ein Symbol. In diesem Buch möchte ich auch zeigen, welche Rolle die Literatur für mich spielt, welche Rolle sie für uns spielen kann. Früher habe ich mich gerne zurückgezogen, um zu lesen. Inzwischen wurde ich zurückgezogen und mir bleibt – fast – nur noch Lesen und Schreiben. Und ich möchte klarmachen, dass auch die anderen, die wir zu Symbolen machen, in Wahrheit keine Symbole sind. Sie sind Menschen, ganz normale Menschen.

Sie schreiben, um zu leben. Sagen Sie. Aber indem Sie schreiben, riskieren Sie den Tod.

Ich habe mir das nicht ausgesucht. Und es auch nicht erwartet. Es ist mir vielmehr passiert. Jetzt muss ich mich damit arrangieren.

Haben Sie die Hoffnung, dass die Bedrohung jemals aufhört?

Vielleicht, wenn ich meine Stimme nicht mehr erhebe und etwas ganz anderes mache. Vielleicht hört es dann auf.

Aber diesen Weg schlagen Sie nicht ein?

Nein, ich schreibe weiter.

Und damit zementieren Sie auch das Symbol Roberto Saviano.

Salman Rushdie hat mir einmal erzählt, wie wichtig es für ihn ist, dass er in seinen Büchern immer auch Themen aufgreift, die weder den Islam betreffen noch die gegen ihn verhängte Todesstrafe. Das war für ihn der einzige Weg, Schriftsteller zu bleiben und nicht den Beruf zu haben, Salman Rushdie zu sein. Rushdie ist mir ein Lehrmeister, er hilft mir, mein Leben besser zu bewältigen.

Salman Rushdie war in London ein häufig gesichteter Partygast. Und er war verheiratet mit einer der schönsten Frauen der Welt, mit Padma Lakshmi. Und Sie?Es ist etwas bizarr. Ich habe ja eine Eskorte. Ich lebe also nicht in einem Versteck. Es gibt grundsätzlich diese beiden Möglichkeiten des staatlichen Schutzes: das Versteck und die Eskorte. Ich habe die Eskorte nicht beantragt. Der italienische Staat hat gesagt: Wir müssen das Grundrecht auf freie Meinungsäußerung auch für Roberto Saviano durchsetzen. Also geben wir ihm eine Eskorte. Lebte er in einem Versteck, verhinderten wir zwar seinen Tod, aber die Gegenseite hätte ihn mundtot gemacht. Ihr Ziel also erreicht. Mit der Eskorte, die mich immer umgibt, könnte ich tatsächlich Partys besuchen oder ans Meer fahren. Aber ich schwöre Ihnen, bei den ersten Bildern gäbe es einen Aufschrei in Italien. Als ich einmal in Rom spazierengegangen bin, bekam ich wenig später eine Mail: Ich bezahle doch nicht die Eskorte für jemanden, der sich einen schönen Nachmittag macht. Solange ich finanziert durch Steuergelder bewacht werde, muss es mir schlecht gehen. Etwas anderes wird nicht akzeptiert. Italien kann ein gehässiges Land sein.

Sie sagten, die Ndrangheta würde Sie am Leben lassen, wenn Sie sich zurückzögen, ein Leben im Verborgenen führten und aufhörten, sie zu attackieren. Wie kommen Sie darauf? Werden die Sie nicht immer jagen? Wollen die nicht Ihren Tod?

Ich kenne meinen Gegner.

Mit Namen und Adresse?

Ja. Die Adresse ist das Einfachste. Er ist im Gefängnis. Er macht seine Geschäfte von dort. Er hat einen Sohn, der ist so alt wie ich. Der sieht aus wie ich. Betrachten Sie mein Foto auf dem Umschlag. So sehen Mafiosi aus. Ich kenne den Alten so gut, weil ich ihm ähnlich bin. Darum, das ist die Kehrseite, kennt er auch mich so gut.

Der Kampf zwischen Ihnen und der Mafia ist auch ein Zweikampf, ein Showdown?

Bei meiner Entschlossenheit, in diesem Kampf nicht zu verlieren, spielt das eine große Rolle. Die Fragen der Moral sind mir wichtig, aber ich sage auch: Der soll nicht gewinnen. Und dieser „Der“ ist nicht die Mafia, das Böse, die Hölle, sondern eine konkrete Person, der ich den Sieg nicht gönne.

In „Die Schönheit und die Hölle“ liest sich das anders. Da sind die beiden diametrale Gegensätze.

Die Geschichten erzählen von meiner Suche nach der Wahrheit. Das Buch lebt von der Trennung, vom radikalen Unterschied.

Aber gibt es nicht auch eine Schönheit der Hölle und kann die Schönheit nicht auch eine Hölle sein?

Möglich ist das schon. Aber in diesem Buch habe ich versucht, die Territorien abzustecken. Die Schönheit übernimmt die Aufgabe, der Hölle Einhalt zu gebieten. Wie ein schützender Deich.

Der Gegensatz ist also eine rhetorische Figur?

Ja. Und unter Schönheit verstehe ich sehr viel mehr als den äußeren Schein. Es geht mir um eine innere Schönheit. Es geht um Talent. Ich erzähle von Menschen, die aus ihren Schwächen Stärken machen, von Talenten, die sich nicht einschüchtern lassen. Von dem Mann aus Glas, dem Jazz-Pianisten Michel Petrucciani, dem kleinwüchsigen Fußballstar Lionel Messi, der Sängerin Miriam Makeba. Das Talent ist der wahre Feind. Wir wissen alle, was das organisierte Verbrechen ist. Wir lesen es in der Zeitung, wir beobachten es in unserer Straße. Die Verbrecher kümmern sich nicht um unser Wissen. Sie machen weiter. Aber dann ist da ein guter, ein wirklich guter, begabter, talentierter Staatsanwalt, Polizist, Richter, Journalist. Schon sind sie hinter ihm her. Sie erschießen ihn. Das Talent ist die gefährlichste Waffe gegen den Status quo.

Offenbar gibt es nicht genügend Talent auf der Welt?

Sie kennen die Legende von den 36 Gerechten? Die Welt ist voller Sünde, aber Gott lässt sie nicht untergehen, solange es 36 Gerechte auf ihr gibt. Mir gefällt dabei besonders die Vorstellung, dass die 36 Gerechten nicht immer gerecht sind. Sondern wann immer es mit der Welt auf der Kippe steht und Gott sich anheischig macht, sie in den Müll zu kippen, gibt es unter den Hunderten von Millionen Menschen mindestens 36, die in diesem Augenblick sich wie Gerechte verhalten.

Dann ist denkbar, dass es einen Moment gibt, in dem Ihr Feind zu den 36 Gerechten gehört?

Schwer vorstellbar, aber ich fürchte, auch das ist möglich.

Interview: Charlotte Radziwill und Arno Widmann

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