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Richard Nixon 1974 Der Rücktritt des Richard Nixon

Am 9. August 1974 gab Richard Nixon, der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, sein Amt auf. Ein einmaliger Fall in der Geschichte der USA.

Steigt nach seinem Rücktritt zum letzten Mal in den Helikopter "Marine One": Richard M. Nixon. Foto: X80002

Der Weg zu Stellplatz 32 D führt an einem wissend lächelnden Parkplatzwächter vorbei, der seine Kundschaft in zwei Gruppen aufteilen kann. Die einen sitzen im Auto und suchen tatsächlich einen Parkplatz. Die Fußgänger treibt der Voyeurismus. Sie wollen mit eigenen Augen sehen, wo die Staatskrise vor vierzig Jahren ihrem Höhepunkt entgegen ging – und werden enttäuscht sein.

Die Parkgarage mit der Postanschrift 1401 Wilson Boulevard in Rosslyn, gegenüber vom Weißen Haus auf der anderen Seite des Potomac-Flusses, ist ein schäbiger Ort. Die Betondecken sind grau, der Asphalt ist rissig, das Metall, das das Parkhaus zusammenhält, rostet seit Jahrzehnten vor sich hin.

In der rechten, hinteren Ecke schließlich ist Stellplatz 32 D. Schäbig zwar, doch historisch bedeutsam: Hier begann die Aufklärung über Watergate. Hier begann das, was dazu führte, dass die Amerikaner das Vertrauen in ihre Regierung verloren. Hier begann, was am 9. August 1974 endete.

An diesem Tag tritt Richard Milhous Nixon als US-Präsident zurück. Er entgeht damit einem Amtsenthebungsverfahren, das der Kongress gegen ihn einleiten will, und das ihn höchstwahrscheinlich aus dem Weißen Haus gefegt hätte. Es ist das erste Mal in der Geschichte des Landes, dass derart Unerhörtes geschieht – und es wäre nicht geschehen, wenn nicht zwei Menschen den Stellplatz 32 D in der Tiefgarage von Rosslyn als Treffpunkt bestimmt hätten.

In den Monaten vor dem Tag des Rücktritts begegnen sich in der Tiefgarage regelmäßig Bob Woodward, ein junger Reporter der „Washington Post“, und sein Informant, den die Öffentlichkeit bis zum Jahr 2005 nur unter dem Decknamen „Deep Throat“ kennen wird. Es ist Mark Felt, damals Vizechef der US-Bundespolizei FBI, der Woodward mit Details aus den Ermittlungen über einen mysteriösen Kriminalfall füttert.

Eine Gruppe ehemaliger und aktiver CIA-Agenten ist zwei Jahre zuvor, am 17. Juni 1972, in das Watergate-Gebäude in Washington eingebrochen. Bald stellt sich heraus, dass das dort untergebrachte Hauptquartier der Demokratischen Partei das Ziel der Einbrecher war.

Offenbar ist eine Verschwörung der Nixon-Republikaner, die seit 1969 die Politik in Washington beherrschen, gegen die Demokraten im Gange. Doch Präsident Nixon sagt kurz darauf: „Niemand aus dem Stab des Weißen Hauses, niemand, der zur Zeit in dieser Regierung arbeitet, war in diesen sehr merkwürdigen Vorgang verwickelt.“

Er wusste es und billigte es

Die Amerikaner scheinen Richard Nixon zu glauben. Jedenfalls wählen sie ihn im November 1972 zum zweiten Mal zu ihrem Präsidenten. Doch die Skepsis wächst mit jeder Kleinigkeit, die über den Watergate-Skandal an die Öffentlichkeit kommt. Und bald stellt sich die Frage, die ein Jahr später der republikanische Senator Howard Baker so formuliert: „Was wusste der Präsident und wann wusste er davon?“ Diese Frage ist mittlerweile beantwortet. Nixon wusste davon, er billigte es auch.

Ob er den Einbruch allerdings persönlich angeordnet hat, das bleibt unklar. Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass für alle Zeit der Name des 37. Präsidenten der Vereinigten Staaten mit einer Staatskrise verbunden bleiben wird, die ein illegales System der Wahlkampffinanzierung, der Einflussnahme auf Ermittlungsbehörden und der gesetzwidrigen Verbindungen zwischen dem Partei- und dem Regierungsapparat ausgelöst hat.

Als Richard Milhous Nixon, der aus einer Quäkerfamilie mit ihren strengen Regeln stammt, im Januar 1969 Präsident wird, trägt er die Hoffnungen vieler Amerikaner mit ins Weiße Haus. Er hat im Wahlkampf viel versprochen. Er will den Vietnamkrieg zu einem Ende zu bringen. Er will für mehr Recht und Ordnung sorgen. Aber der Mann aus dem kalifornischen Hinterland erfüllt seine Versprechen nicht. Im Gegenteil.

„Während seiner fünfeinhalbjährigen Präsidentschaft begann und steuerte Nixon fünf aufeinander folgende und sich teilweise überschneidende Kriege – gegen die Anti-Vietnamkriegs-Bewegung, gegen die Medien, gegen die Demokraten, gegen die Justiz und schließlich gegen die Geschichte selbst“, schreiben die damaligen Watergate-Rechercheure Bob Woodward und Carl Bernstein in einem Text, den sie vor zwei Jahren gemeinsam für die „Washington Post“ verfasst haben.

Nixon macht Politik mit einem Eifer, der Züge von Verblendung trägt. Statt den Krieg in Vietnam schnell zu beenden, verschärft er ihn. Nixon lässt Kambodscha und Nordvietnam bombardieren – und fühlt sich im Recht, wie man inzwischen aus seinen Tonband-Aufnahmen weiß. Nixon sieht sich in der Tradition von Eisenhower, Roosevelt und Churchill, die den alliierten Bombenkrieg in Deutschland und Japan angeordnet hatten.

Richard Nixon ist ein Underdog der amerikanischen Politik, der seinen Minderwertigkeitskomplex bis zu seinem Tod 1994 nicht überwindet. Er schafft es bis ins Weiße Haus, aber er fühlt sich selbst dort noch unterlegen. Das nimmt er der Welt, vor allem aber den Demokraten und anderen Andersdenkenden übel und zahlt es ihnen auf seine Art heim.

Seit dem Zweiten Weltkrieg haben wahrscheinlich alle US-Präsidenten immer wieder am Rande der Legalität gehandelt oder haben diese Grenze überschritten, wenn sie einen Umsturz im Ausland anordneten oder politische Gegner im Inland überwachen ließen. Auch haben wahrscheinlich alle das amerikanische Volk belogen, wenn es um Fragen der sogenannten nationalen Sicherheit ging.

Nixon aber ist es, der das System perfektioniert. Er verwandelt das Weiße Haus in eine Kontrollzentrale, in der Regierungsgeschäfte und Parteiarbeit gebündelt sind. Die Aufsicht über das Ganze hat nur einer: der Präsident selbst. Die Konzentration der Macht führt zu einem Missbrauch der Macht.

Vom Ausmaß des Machtmissbrauchs ahnt das amerikanische TV-Publikum nichts, als ihm für den Abend des 8. August 1974 eine Fernsehansprache des Präsidenten angezeigt wird. Sie beginnt um 21 Uhr Ostküstenzeit. An der Westküste ist es 18 Uhr. Die einen sind noch nicht im Bett, die anderen gerade von der Arbeit nach Hause gekommen, als ihnen auf dem Bildschirm Richard Nixon erscheint.

Er liest seine Rede vom Blatt ab. Er sagt, er habe sich immer bemüht, das Beste für die Nation zu tun. Nun habe er aber den Eindruck, vom Kongress nicht mehr unterstützt zu werden, und werde deswegen das Amt des Präsidenten aufgeben. Richard Nixon tritt zurück, sein Stellvertreter Gerald Ford leistet den Amtseid.

Von der Einsicht, schwere Fehler begangen zu haben, oder gar von Reue ist in Nixons Abschiedsrede nichts zu hören. Es ist die Rede eines Politikers, der die Tatsachen zu seinen Gunsten verklärt. Nixon sagt zwar später von sich: „Ich hätte einen höheren moralischen Standard setzen sollen, der solche Aktionen undenkbar gemacht hätte. Ich tat das nicht. Ich spielte nach den politischen Regeln, die ich vorfand.“

Doch von seiner Angst spricht er niemals. Kein Wort von der Sorge, er sei von Verschwörern umgeben, kein Wort über die politischen Gegner, die er wahlweise „Hurensöhne“, „Schwanzlutscher“ und „Geldjuden“ genannt hat. Kein Wort. Erst aus den Tonbandaufzeichnungen, deren Freigabe der Oberste Gerichtshof der USA anordnet, erfahren die Amerikaner die Wahrheit über Nixon.

Nixons Fernsehansprache enthält schließlich noch den Hinweis, dass seine Abdankung zu einem „Heilungsprozess“ in der amerikanischen Gesellschaft führen solle. Das geht gründlich schief. Die Wunden, die Nixon mit der Watergate-Affäre geschlagen hat, sind auch heute noch nicht verschlossen. „Wir leben immer noch in der Watergate-Ära“, schreibt Julian Zelizer von der Universität Princeton. Seither habe sich das Unbehagen vieler Amerikaner gegenüber ihrer eigenen Regierung noch verstärkt.

Zwar folgten auf Watergate viele Skandale und Affären, die größer und oft folgenreicher als das Vorbild aus den frühen 70er Jahren waren: Iran-Contra, Clinton/Lewinsky, Abu Ghraib, die Lügen rund um den Irak-Krieg. Doch das Maß aller Dinge ist und bleibt Watergate. Jedes – noch so kleine – Affärchen wird seither mit dem Zusatz „-gate“ versehen und erhält dadurch erst Bedeutung.

„Das Schlimmste daran ist, dass es ein Klima geschaffen hat, in dem die Amerikaner ihrer Regierung grundsätzlich misstrauen“, sagt Zelizer: „Wenn sich das nicht ändert, werden die Wähler immer einen Schatten von Richard Nixon erkennen, wenn sie ihre politischen Anführer betrachten.“ Das ließe sich, meint der Professor, nur dann beheben, wenn das politische System der USA grundlegend reformiert würde. Davon mag ein idealistischer Wissenschaftler träumen, die Realität des amerikanischen Systems wird noch auf viele Jahre hin so bleiben wie sie ist.

Auch der wissend lächelnde Parkplatzwächter von Rosslyn dürfte eine Veränderung nicht mehr erleben, zumindest nicht mehr an diesem Arbeitsplatz. Das Parkhaus soll demnächst abgerissen werden. Dann wird auch Stellplatz 32 D Geschichte sein.

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