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Reportagenbuch „Homicide“ Mäuschen mit kühlem Blick

Die Wahrheit, und fast nur die Wahrheit: David Simons Reportage „Homicide“ dokumentiert die Polizeiarbeit in der US-Stadt Baltimore.

Unter Verdacht: Szene aus der Fernsehserie „The Wire“. Foto: Warner

Als Journalist „eingebettet“ zu sein, ist während des Irak-Kriegs in Mode gekommen, vor allem zu Anfang, als die in den USA politisch Verantwortlichen noch glaubten, dies werde ein Spaziergang unter Volkesjubel. David Simon, geboren 1960, Journalist und Drehbuchautor, konnte dagegen wissen, worauf er sich einließ, als er sich Ende der 80er-Jahre einbetten ließ ins Morddezernat (Homicide Section) von Baltimore: auf mehr als 200 Morde pro Jahr (2010 waren es laut der Zeitung „Baltimore Sun“ 223).

Vorbild für die Serie „The Wire“

Er tat es trotzdem und er tat es gründlich. 1991 erschien sein Reportagenbuch „Homicide – Ein Jahr auf mörderischen Straßen“, erst jetzt kam es in deutscher Übersetzung heraus. Vermutlich, weil die auf diesem Material beruhende Fernsehserie „The Wire“ inzwischen geradezu berühmt ist. Auf über 800 Seiten lässt sich nun auch hierzulande die Ermittlungsarbeit der Lieutenants, Sergeants, Detectives aus Baltimore verfolgen, 19 Namen listet unter „Die Protagonisten“ ein Lesezeichen auf, auf der Rückseite stehen „Die zehn Goldenen Regeln eines Mordermittlers“, im Umschlag verbergen sich ein Stadtplan und die Organisationsstruktur der Polizei von Baltimore.

Trotz der feschen Aufmachung kann man sich fragen, was den Reiz einer so blutig-realistischen, detaillierten Verbrechensbilanz ausmacht, warum man – und die Rezensentin schließt sich ausdrücklich ein – sich lesend festhakt an Tatort-, Leichen-, Spurensicherungs-, Verhör-, Verdächtigen-, Angehörigen-, Polizistenleben-Beschreibungen. Es ist trotz der Fülle an Fernsehkrimis eine Welt, die die Leserin nicht kennt und, ehrlich gesagt, auch persönlich lieber nicht kennenlernen möchte. Simons Reportagen lesend, hat man das Gefühl, quasi live dabei sein zu können – ohne Mut dafür zu brauchen – und ein Stück nackte, böse Wahrheit zu fassen zu bekommen. Wahrheit über unsere Welt, die USA, die Stadt Baltimore, ihre Einwohner, ihre Drogendealer und Gewalttäter, den Dreck auf den Straßen, Häusern und Herzen. David Simon scheut sich nicht, Mutmaßungen anzustellen über das Innenleben seiner Polizei-Protagonisten, seine Langreportage hat in diesen Momenten romanhafte Züge. Und er scheut sich nicht, die hässlichen Seiten des Apparats und der „Befehlskette“ zu beschreiben, das Mobbing, das Frisieren von Statistiken, die gnadenlosen Witze.

Simon zitiert die Ermittler, wie ihnen der Schnabel in mörderischen Arbeitsjahren gewachsen ist. Er zeigt: alle paar Tage einen neuen Toten zugeteilt zu bekommen, macht zynisch und hart. Und manchmal furchtbar müde. Das heißt nicht, dass diese Männer schlechte Polizisten sind, eher im Gegenteil: Sie nehmen unaufgeklärte Fälle persönlich, wenn es sein muss, pausenlose Wochen lang, 16 Stunden am Tag. Sie wühlen tief im Klein-Klein, suchen nach dem einen verräterischen Vernehmungssatz, dem einen Fingerabdruck, der nicht nur zufällig am Tatort ist, dem einen Zeugen, der nicht aus Angst schweigt oder lügt. Django spielen diese Detectives eher selten.

Das war in den 60ern und 70ern noch anders, als die Polizeibehörde von Baltimore laut Simon „zu den rückständigsten und korruptesten in ganz Amerika gehörte“: „Die schwarze Bevölkerung von Baltimore wuchs mit dem Bewusstsein auf, dass man zwei Dinge besser nicht tat: einem Bullen widersprechen oder gar vor ihm davonlaufen.“

Simon war besessen und mutig

Als der Journalist „embedded“ war, war immer noch nur eine Minderheit der Detectives schwarz und gab es genau eine Ermittlerin, die von den Kollegen nicht abfällig „Sekretärin“ genannt wurde. Dies und vor allem die Ermittlungsmethoden haben sich zweifellos verändert seit Ende der 80er, Simons Bericht fühlt sich trotzdem erstaunlich wenig veraltet an. Immer noch werden Elfjährige missbraucht und getötet, immer noch erschießen Dealer ohne zu zögern den Rivalen, immer noch werden Frauen von ihren Männer totgeprügelt, immer noch leben in den USA (und natürlich anderswo) Menschen in Slums, „die sich nicht rühren, wenn Ungeziefer über ihr Bettlaken krabbelt, die eine Flasche Mad Dog oder T-Bird leeren und dann in einen Plastikeimer pinkeln, der am Fußende des Betts steht“.

„Homicide“ ist auch Gesellschaftskritik, sie entsteht bei diesem Thema wie von selbst. Man muss als Journalist nur genau hinsehen, mit zwar nicht kaltem, aber kühlem Blick. Aber was heißt hier „nur“: David Simon war besessen und tapfer genug, ein Jahr lang Morddezernats-Mäuschen zu spielen. Er würde vielleicht wie ein guter Cop mit den Schultern zucken und sagen: Einer musste es ja tun.

David Simon: Homicide. Aus dem Englischen von G. Gockel, B. Steckhan, T.?Wollermann. Verlag Antje Kunstmann 2011, 830 Seiten, 24,90 Euro.

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