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Religionsphilosoph Klaus Heinrich gehört auf den Stundenplan

Zum 90. Geburtstag von Klaus Heinrich, der zahllose Studenten zum Grenzen überschreitenden Denken angestiftet hat.

Religionswissenschaftler Klaus Heinrich. Foto: imago stock&people

Vor neunzig Jahren wurde Klaus Heinrich geboren. Die gute Nachricht vorweg: Sein Verstand ist wach und rege. Er wird den Abend zusammen mit seiner 85-jährigen Frau Renate bei seinem Lieblingsitaliener verbringen. Es geht ihm also, nachdem er in den letzten Jahren dem Tod mehrmals von der Schippe sprang, soweit so gut. So erzählt man mir.

Wer zum Teufel ist Klaus Heinrich? fragen jetzt wohl die meisten Leser dieser Zeilen. Der in Berlin geborene Klaus Heinrich wurde während des Zweiten Weltkrieges wegen Wehrkraftzersetzung angeklagt und studierte nach dessen Ende an der – damals noch – Friedrich-Wilhelms-Universität. 1948 wurde er einer der studentischen Mitbegründer der Freien Universität. Von 1971 bis 1995 war er ordentlicher Professor für Religionswissenschaft mit Schwerpunkt Religionsphilosophie.

Seine Vorlesungen waren eine der Hauptattraktionen der Freien Universität. Die Weite seiner Interessen, die Assoziationskraft seiner Gedanken und die Lust an der analytischen Versenkung in scheinbar nebensächlichste Details, faszinierten Generationen von Studenten, die manchmal jahrelang den riesigen Hörsaal füllten. Als die Kassettenrecorder aufkamen, waren bald ein halbes Dutzend, dann wieder mehr als ein Dutzend im Einsatz. Es entstanden Arbeitskreise, die Heinrichs Vorträge abtippten. Manchmal gab es Auszüge daraus unter der Hand zu kaufen.

Nachdenken über den Nationalsozialismus

Klaus Heinrich sprach über Giotto und Schinkel, über Freud und Heidegger, über Isis und Maria, über die Fragwürdigkeit der Rede von der „Emanzipation“ – „‚Emanzipation‘ ist ein Wort aus der Sklavenhaltersprache. Der Emanzipierte (sei es Sklave, Jude, Frau) blieb minderen Rechts.“ –, über, wie es sich für einen Religionsphilosophen gehört, Gott und die Welt. Aber worüber er auch immer sprach, alles diente der Beantwortung einer einzigen Frage: Wie konnte es zu dem Siegeszug des Nationalsozialismus kommen?

Er glaubte nicht, dass nur die Niederlage Deutschlands im Ersten Weltkrieg, nur die Versailler Verträge, nur die Weltwirtschaftskrise dazu geführt hatten. Er war der letzte, der geleugnet hätte, dass der Nationalsozialismus dieser gesellschaftlichen, politischen und ökonomischen Voraussetzungen bedurfte. Aber er war auch davon überzeugt, dass die intellektuelle, die emotionale Ausstattung der Menschen nicht unerheblich dazu beigetragen hatte, den Nationalsozialismus zu ermöglichen.

Er glaubte definitiv nicht an seine Unwiederholbarkeit. Seine ganze Anstrengung war darauf gerichtet, dafür zu sorgen, dass in den Köpfen seiner Hörer Antennen installiert wurden, die als Frühwarnsysteme funktionieren könnten, falls die Bundesrepublik, falls Deutschland mal wieder in Richtung Vernichtung des Fremden – und also auch des Eigenen – driften würde. In den 80er und 90er Jahren hatte die Kritische Theorie Frankfurt am Main verlassen und lebte jetzt im großen Hörsaal des Henry-Ford- Baus der Freien Universität in Berlin.

Es faszinierte nicht nur, was er sagte. Wie er es tat, war spektakulär. Klaus Heinrich legte einen Stapel mitgebrachter Bücher ab und begann vorzutragen. Hin und her gehend. Ruhelos und gespannt wie Rilkes Panther. Er sprach frei, bewegte sich in seinen Gedanken mal wie ein Spaziergänger, mal mit der Geschwindigkeit, den raschen Umschwüngen und den gewagten Sprüngen eines Motocross-Fahrers. Die Zuhörer, die ihn eben noch etwas gelangweilt durch scheinbar vertrautes Gelände begleitet hatten, sahen ihn dann nur noch wie in weit entfernten Galaxien verschwindend. Sie waren dabei, wie das Universum explodierte. Das tut es ohnehin.

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