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Religion Inspiration und Irritation

Der Philosoph Otfried Höffe geht der Bedeutung der Religion in der säkularen Gesellschaft nach.

Iowa
Es gibt keinen Anlass, religiöse Inspirationsquellen für moralische Vorstellungen pauschal zu verwerfen. Foto: afp

Dass auch Bücher ihr Schicksal haben, dieser Satz bringt zumeist die Vorläufigkeit und Zeitgebundenheit alles Geschriebenen zum Ausdruck. Für das von Otfried Höffe und Andreas Kablitz herausgegebene Buch „Religion im säkularen Europa“ trifft die Sentenz allerdings in anderem Sinn zu. In der Schriftenreihe des Arbeitskreises Europa der Fritz-Thyssen-Stiftung vereint der Sammelband etliche Vortragsmanuskripte eines Symposiums im Jahr 2014. Etliche, aber eben nicht alle, was Höffe im Vorwort zu dem bedauernden Eingeständnis veranlasst, es fehle die Stimme „der neuerdings so wichtigen Religionsgemeinschaft, der Muslime“. Grund: Die Referenten – beide aus dem Umfeld des „Zentrums für Islamische Theologie“ der Universität Münster – hatten ihre Manuskripte nicht eingereicht. 

Daraus ist den Herausgebern kein Strick zu drehen. Aber zweifellos kann über die (Selbst-)Behauptung einer religiös temperierten, aber nicht mehr weltanschaulich determinierten Gesellschaft kaum mehr ohne Bezug auf abweichende Ansprüche des Islams nachgedacht werden. Da zudem weitere Vorträge aus dem ausgesprochen stimmigen Tagungsprogramm nicht in das Buch übernommen wurden, wirkt dessen Bogen letztlich unrund. 

So zeichnet der Tübinger Historiker Dieter Langewiesche zwar in luzider Form das Wechselverhältnis von Säkularisierung und religiöser Vitalisierung im 19. Jahrhundert. Man vermisst aber die Komplementärperspektive auf die vorangegangenen Epochen, die Rudolf Schlögl im Symposium vorgestellt und damit ein Bindeglied zu Franz-Xaver Kaufmanns Parforceritt durch die Begriffsgeschichte des „europäischen Sonderwegs der Religion“ geschaffen hatte, der wiederum – und zum Glück – im Band enthalten ist. Auch das voluminöse Schlusskapitel mit Kablitz’ voraussetzungsreicher Erörterung „Kunstreligion als europäisches Phänomen“ erhält so den Charakter eines Solitärs.

Dabei bieten die versammelten Texte viel Erhellendes und Bereicherndes, was vor allen anderen dem philosophischen Altmeister Höffe selbst zu verdanken ist. In seiner Einleitung verabschiedet er nicht nur den ideologisierten Irrglauben von einem Absterben der Religion als Modernisierungsgewinn, sondern würdigt den bleibenden Wert religiös grundierter Lebenseinstellungen für die Gesellschaft. Auf die alte Frage, ob Moralbegründung auf Religion angewiesen sei, gibt der Kant-Experte mit seinem großen Gewährsmann eine letztlich negative Antwort. Doch sieht er mit bemerkenswert versöhnlichem Blick „kaum Anlass“, die religiösen Inspirationsquellen für moralische Vorstellungen „pauschal und global zu verwerfen“. Zudem schreibt Höffe der Moralbegründung ohne Religion „eine für die Moral positive Tragweite“ zu, weil „im Namen seiner Religionsfreiheit niemand von irgendwelchen Verbindlichkeiten der Moral eine Dispens erhält“. Das können und dürfen sich auch die Anhänger einer theonomen, mit Gott begründeten Moral gesagt sein lassen.

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