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Religion im Internet Heilige Schriften im Netz

Online-Gebete, Andachten und spirituelle Talkshows im Netz – religiöse Gruppen entdecken das Internet für sich. Auf Facebook sind sie beliebter als Justin Bieber.

21.11.2011 20:55
Von Tobias Kurfer
Aktiv: Jesus-Fans online. Foto: Facebook

Es war ein Sturz mit verheerenden Folgen. Der sechsjährige John L. war eine Treppe hinuntergestürzt und hatte sich so schwer verletzt, dass er ins Koma fiel. Nur Stunden nach dem Unfall postete eine Freundin ein Gebet für den Jungen. „Herr, hilf dem Sohn meiner Freunde“, schrieb die junge Frau an die Pinnwand der Facebook-Gruppe Jesus Daily. Auf den Eintrag sollten am selben Tag noch viele Tausend Gebete folgen.

Eine Unzahl von Fürbitten, Bibelversen und spirituellen Gedichten veröffentlichen die Nutzer von Jesus Daily täglich. Die elektronische Christengemeinde war laut einer Erhebung von AllFacebook.com mit bis zu vier Millionen Postings, Kommentaren und Gefällt-Mir-Klicks pro Woche zuletzt drei Monate in Folge die aktivste Facebook-Gruppe überhaupt. Selbst die Fans von Justin Bieber kamen auf weniger Interaktionen. Und die Zahl der Jesus-Fans wächst rasant: von 5,5 Millionen im Mai auf über 10,4 Millionen Mitte November.

„Das Ziel von Jesus Daily ist es, den Glauben der Menschen zu stärken“, sagt Aaron Tabor, Gründer der Seite. Tabor, 41, Diät-Arzt im US-Bundesstaat North Carolina, ist überzeugt, dass die Nutzung der Seite Menschen zu besseren Christen machen kann. Die Facebook-Gruppe sei für viele ein Quell des Trostes. Ein paar Tausend sollen schon Gott gefunden haben, allein durch den Besuch der Seite.

Der Erfolg von Jesus Daily ist nur ein Beispiel dafür, wie religiöse Laien zunehmend ihren Glauben online ausleben: Unter den Top-Ten der aktivsten Facebook-Gruppen waren zuletzt sechs religiöse – darunter The Bible und ILoveAllaah.com. GodTube.com, eine werbefinanzierte US-Website, die ausschließlich gottgefällige Filme vorhält, hat nach Angaben der Betreiber eine Million registrierte Nutzer. Monat für Monat werden es mehr. Bei GodTube gibt es alles, was das fromme Herz begehrt. Von Mitschnitten der heiligen Messe bis zur familienfreundlichen christlichen Comedy. Wer Gottes Videokanal besucht, kann Talkshows zu Themen sehen wie etwa „Wie schütze ich mich vor Hexerei?“, er bekommt angebliche Beweise gegen die Evolutionstheorie und private Endzeitvisionen von Apokalyptikern.

Nicht alle Gläubigen sind begeistert

Auch die offiziellen US-Glaubensgemeinschaften haben längst die sozialen Medien für sich entdeckt. Nach Experten-Schätzungen sind bereits über 50 Prozent der US-Kirchen bei Twitter, Facebook und YouTube aktiv. Die evangelisch-lutherische Kirche etwa versorgt Gläubige in einem virtuellen Prayer Center mit Gebeten; Online-Synagogen bieten Chats zu ethischen Fragen mit dem Rabbi an. Und auf der Website esynagogue.org kann man gar per Video-Kursus zum Judentum konvertieren.

Die Entwicklung stößt nicht bei allen Gläubigen auf Begeisterung. Soziale Medien könnten Ehebruch begünstigen, warnte etwa ein US-Pastor und forderte seine Gemeindemitglieder auf, ihre Accounts zu löschen. Richard Beck von der christlichen Universität von Abilene, Texas, erklärte in einem Web-Aufsatz den Rückgang bei den Kirchenbesuchen mit dem Aufkommen der sozialen Medien.

In Deutschland gibt es ähnliche Sorgen, wenngleich die Stimmen weniger laut sind. Die Bundesrepublik ist, was Web-Gläubigkeit angeht, noch Entwicklungsland: Laienseiten sind relativ klein, und die Kirchen deutlich weniger aktiv. Der Facebook-Auftritt zum Papstbesuch etwa, bislang die größte Social-Media-Aktion der katholischen Kirche, erreichte bescheidene 4600 Fans. Doch das Netz gewinnt auch bei den deutschen Kirchen an Gewicht. Die katholische Kirche etwa plant erste Online-Andachten, und die Zahl der Gemeinden mit Facebook-Profil wächst langsam aber beständig.

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